Sport
«Wir sind jemand in Europa»
Von Peter M. Birrer und Ueli Kägi. Aktualisiert am 25.06.2011 2 Kommentare
Live-Ticker
Die U-21-Auswahl der Schweiz spielt heute Abend gegen Spanien um den Europameistertitel. baz.ch/Newsnet berichtet live ab 20.45 Uhr.
Technischer Leiter bei den Young Boys: Hansruedi Hasler. (Bild: Keystone )
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1995 brach im Schweizer Fussball eine neue Ära an, und verknüpft ist sie mit einem Namen: Hansruedi Hasler. Der Primar- und Sportlehrer, der ein Philosophiestudium an der Uni Bern abschloss, schuf als Technischer Direktor die Grundlage für beeindruckende Erfolge im Nachwuchsbereich und damit auch eine neue Basis für das A-Nationalteam. Ende 2009 verliess Hasler den Fussballverband (SFV), er arbeitet heute mit gleichem Titel für die Young Boys. Das Schweizer Fernsehen wollte den 63-Jährigen, der vor zwei Wochen an der Delegiertenversammlung des SFV zum Ehrenmitglied ernannt worden ist, für heute Abend als Experte ins Studio einladen. Hasler musste absagen: Er hat vor langer Zeit eine Einladung zum 100-Jahr-Jubiläum des FC Luterbach angenommen.
Hansruedi Hasler, Sie sind der Vater des Nachwuchskonzepts. Fühlen Sie sich in diesen Tagen des U-21-Höhenflugs auch ein bisschen als Sieger?
Ja. Ich bin aber nicht der Vater, sondern der Baumeister, das ist für mich der treffendere Begriff. Ein Baumeister ist zuständig für die Ausarbeitung von Plänen, die dann von Mitarbeitern umgesetzt werden, das darf nicht vergessen werden. Stolz bin ich, weil wir seit 2002 mit verschiedenen Juniorenauswahlen und auch der A-Nationalmannschaft auf einem guten Niveau spielen.
Sind die Erfolge der U-21 das vorläufige Endprodukt Ihrer Arbeit?
Ich hoffe nicht, dass es das Endprodukt ist. Dieser EM-Final ist schön, und es ist der grösste Erfolg der Nachwuchsarbeit, aber ein wunderbares Endprodukt wäre es, wenn das A-Nationalteam eine herausragende Endrunde spielen könnte. Aber ob das für ein kleines Land wie die Schweiz überhaupt möglich ist . . . Ich bin skeptisch.
Warum ist diese Finalqualifikation ein grösserer Erfolg als der WM-Titel der U-17?
Schauen Sie, wie viele Spieler der U-17 nur schon den Sprung in die U-21 nicht schaffen. Die aktuellen U-21-Spieler hingegen sind der A-Nationalmannschaft sehr nahe. Ausserdem spielt die U-17 Juniorenfussball. Die U-21, das ist Erwachsenenfussball.
Kann aus dieser U-21 fast jeder den Sprung ins A-Nationalteam schaffen?
Nein. In der U-21 sind vier Jahrgänge vereint. Wenn Sie davon ausgehen, dass pro Jahrgang zwei Spieler die nächste Stufe erreichen, können es jetzt acht bis zehn schaffen. Und das ist nur die Hälfte des Kaders. Aber man muss auch eines festhalten: Ausser den Spaniern hatte in den letzten Jahren niemand regelmässiger Erfolg als wir. Die Basis ist solid und gut, und es kann so weitergehen. Trotzdem ist die A-Nationalmannschaft noch einmal eine andere Kategorie. Auf dieser Stufe sind 16, 17 europäische Topspieler erforderlich, um den EM-Titel zu holen. Die Schweiz hat diese Breite nicht.
Lässt sich das mit der statistischen Gesetzmässigkeit erklären?
Auch, ja. 250 000 lizenzierte Fussballer in der Schweiz gegen 6 Millionen in Deutschland – das sind schon andere Verhältnisse.
Umso erstaunlicher ist, was die Schweizer zustande bringen.
Statistisch betrachtet, ist es überdurchschnittlich gut. Topspieler hinzubekommen, ist die eine Schwierigkeit. Aus ihnen ein Topteam zu formen, die andere.
Trotzdem: Was machen die Schweizer in der Ausbildung besser als andere? Wo liegt das Geheimnis?
(lacht) Ich sehe kein Geheimnis. Gezielte, systematische Arbeit mit positivem Geist, der bei Klubs und Verband durchschlug, das ist es vielleicht.
Können Sie das Einmaleins des Schweizer Nachwuchsfussballs detaillierter erklären?
(überlegt lange) Das Konzept basiert auf fünf zentralen Elementen. Wir mussten als Erstes Kategorien für Junioren-Spitzenfussball schaffen, die U-Meisterschaften ins Leben rufen, also zwischen Spitze und Breite klar abgrenzen. Zweitens waren in den Vereinen mit Ambitionen entsprechende Strukturen mit der Anstellung von Profi-Trainern notwendig. Drittens war klar, dass wir beim Verband Profi-Trainer brauchten, das war der Kernpfeiler unserer Arbeit. Viertens mussten wir uns auf eine einheitliche spielerische Grundausrichtung festlegen. Erfolg haben können Fussballmannschaften auf verschiedene Arten, aber eine muss ein Team beherrschen. Fünftens kam die Finanzierung. Der Aufbau kostete viel Geld. Alle diese Punkte zusammen ermöglichten uns dann die Fortschritte, und seit 2002 (und dem Gewinn der U-17-EM) dürfen wir mit gutem Gewissen sagen: Wir sind jemand in Europa.
Damit es so bleibt, muss ein kleines Land wie die Schweiz der Konkurrenz stets einen Schritt voraus sein. Ist das auf Dauer möglich?
Wer an der Spitze ist und dort bleiben will, muss innovativ sein, um den Zustand zu wahren. Ich sehe weiteres Verbesserungspotenzial. Zwischen der U-17 und der U-19 klafft eine Lücke, das muss sich ändern. Mit der U-17 sind wir regelmässig an der EM dabei, mit der U-19 viel zu wenig.
Welche Defizite müssen behoben werden?
Grundsätzlich gilt es, drei Dinge zu optimieren. Zum einen sollten die Besten individuell noch stärker gefördert werden. Zum anderen müssen wir den Spagat zwischen Fussball und Schule beenden. Wir können nicht ständig besser werden, wenn die Jungen nebenbei noch eine Lehre oder ein Gymnasium absolvieren. Es ist undenkbar, mit elf Lehrlingen und Schülern gegen elf Jungprofis aus Spanien zu bestehen. Wir müssen endlich zum Beruf Fussballer stehen. Dafür braucht es eine selbstständige, entsprechende Ausbildung. Und drittens müssen die Besten mehr Wettkampfpraxis in der ersten Mannschaft erhalten.
Was stellen Sie sich unter individueller Förderung vor?
Wir pflegen noch zu sehr die Kultur, dass Schwächen korrigiert und kompensiert werden. Dafür pflegen wir zu wenig die Leistungskultur, in der die Stärken forciert werden. Wer Schwächen korrigiert, schafft es ins Mittelmass, aber er gewinnt nichts.
Die verjüngte A-Nationalmannschaft spielte beim 2:2 in England deutlich mutiger als in der Vergangenheit. Die U-21 sucht die Offensive und den Sieg. Hat sich in den vergangenen 15 Jahren die Mentalität der Schweizer Fussballer verändert?
Eindeutig. Und der EM-Halbfinal gegen Tschechien am Mittwoch zeigte auch, dass wir eine weitere Qualität entwickelt haben. Wir haben das Selbstvertrauen, zu sagen: Der Gegner kann passiv und hart spielen, wie er will, irgendwann machen wir das Tor.
Welchen Einfluss haben die Secondos auf dieses Denken?
Sicher einen grossen. Ein beträchtlicher Teil von ihnen geniesst eine unglaubliche Unterstützung der Familie. Viele Spieler mit Migrationshintergrund gehen das Risiko ein, auf den Fussball zu setzen.
Die Spieler der U-21 wurden für ihre Leistungen in Dänemark aufs Höchste gelobt. Wie können Klub- und Verbandsverantwortliche dafür sorgen, dass sie den Bezug zur Realität nicht verlieren?
Es wird sich zeigen, welche Spieler stark genug sind, um mit dieser Situation richtig umzugehen, und wer in seiner Persönlichkeitsentwicklung am weitesten ist. Nehmen wir das Beispiel Granit Xhaka vom FC Basel, mit Jahrgang 1992 einer der ganz Jungen. Er ist U-17-Weltmeister, vielleicht bald U-21-Europameister, und doch traue ich ihm zu, dass er sich bewusst ist, weiter an sich arbeiten zu müssen.
Welcher Spieler aus dem aktuellen Kader wäre bereit für einen Wechsel ins Ausland?
Xherdan Shaqiri wäre es sicher, Goalie Yann Sommer auch.
Würden Sie Shaqiri den Sprung empfehlen?
Nicht unbedingt. Er müsste sich die Klubwahl sehr gut überlegen.
Wenn Sie sein Berater wären . . .
. . . hätte ich nicht primär die Absicht, ihn unter allen Umständen ins Ausland zu bringen, sondern abzuwägen: Gibt es in Europa irgendeinen Verein, der besser mit Shaqiri arbeitet als der FC Basel? Zu Dortmund könnte man ihn schicken, zu Arsenal auch, solange Arsène Wenger dort das Sagen hat. Aber Sie sehen schon: Man müsste sehr weit suchen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.06.2011, 14:29 Uhr
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