Sport
Zwischen Kulturschock und Liebeserklärung: Schweizer Söldner über England
Italien hat die mächtigen Grossklubs Inter, Milan, Juventus und Roma. In Spanien verdrängen Real Madrid und der FC Barcelona alles andere. In der Bundesliga dominieren die Bayern und sind die Arenen ausverkauft. Und über allen diesen Ligen steht die Heimat der englischen Nationalspieler, die Premier League mit ihren Reizen: Geld, Anerkennung, Ambiance. Die Liga war und ist ein Hort für Weltstars – und Arbeitsort von ein paar Schweizern.
Bernt Haas, 32 Sunderland (2001–2002) West Bromwich (2003–2005)
«Als ich bei Sunderland einen Vierjahresvertrag bekam, kümmerte ich mich nicht darum, was mich in dieser Stadt erwarten würde. Ich wollte einfach in die Premier League. Was ich erlebte, war ein Kulturschock. Ich hatte die Schule von Christian Gross durchlaufen, vor den Spielen war klar: Übernachtung im Hotel, Videositzungen, Einzelgespräche. In Sunderland hiess der Trainer Peter Reid, der sich erst gegen Ende Woche blicken und bis dahin seine Assistenten die Arbeit machen liess. Dann kam er, schaute im Training zu, sprach zu den Journalisten. Und kehrte zum Spiel wieder zurück.
Zweieinhalb Stunden vor Spielbeginn trafen wir uns im Stadion. Wer in der Garderobe sein Trikot am Bügel fand, wusste: Ich spiele. Ein gemeinsames Essen gab es so wenig wie Hotelbezüge. Im Klub war ich eine Nummer, das Menschliche wurde vernachlässigt. Aber entweder akzeptiert man das – oder man zieht die Konsequenzen und geht.
Eindrücklich war die Leidenschaft der Leute für ihren Klub. Sie arbeiteten, um sich eine Saisonkarte leisten zu können, und die Klubfarben waren überall in der Stadt präsent. Ich habe in Zürich noch nie einen Taxichauffeur gesehen, der mit einem FCZ- oder GC-Leibchen herumfährt. In Sunderland war das so normal wie die Tattoos, mit denen die Fans ihre Liebe zum Klub bezeugten. Der Spieltag ist für sie ein Festtag. Sie haben nur den Fussball.»
Marc Hottiger, 42 Newcastle (1994–1996) Everton (1996–1997)
«Ich war in Newcastle Teil einer Mannschaft, in der ein fantastischer Teamgeist herrschte. Das lag auch an Trainer Kevin Keegan, der ein Star ist, aber absolut keine Allüren hat. Diese Ambiance vermisste ich später, als ich zu Everton kam. In Newcastle lebte ich lange im Hotel und war oft mit Philippe Albert zusammen, einem Belgier. Mir imponierte die Ausrichtung des englischen Fussballs: vorwärts, kein Kalkül wie in Italien. Diese Mentalität ist zum Glück nicht abhandengekommen. Und natürlich war es beeindruckend, wie wir von den Fans getragen wurden. Alle reden von Liverpool oder Manchester United, aber wenn es um Stimmung im Stadion geht, ist Newcastle United der Wahnsinn. Wer den englischen Fussball kennt, der weiss, dass im St. James’ Park das beste Publikum des Landes zu Hause ist.
Bis heute reise ich einmal pro Jahr nach Newcastle und werde dort empfangen, als stünde ich immer noch unter Vertrag. Um Tickets brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Kontakt habe ich noch regelmässig mit dem damaligen englischen Nationalstürmer Peter Beardsley. Und Keegan sehe ich gelegentlich auch. Es war eine wunderbare Zeit mit ihm in England.»
Pascal Zuberbühler, 39 West Bromwich (2006–2007), Fulham (seit 2008)
«Wer die Chance erhält, als Fussballer nach England zu gehen, muss sie unbedingt packen! Die Wertschätzung, die man bekommt, die Anerkennung, das ist absolut gewaltig. Was auf dem Platz abgeht, ist total ehrlicher Sport. Die Zweikämpfe werden mit einer unheimlichen Intensität geführt, die Laufbereitschaft ist wahnsinnig hoch. Und wer auf Show macht, wer sich eine Schwalbe leistet, bekommt sofort die Quittung. Darum gibt es nur eins: nach einem Foul aufstehen und weitermachen. Auch wenn einen Schmerzen plagen.
Sogar im Training herrscht eine Achtung-fertig-los-Mentalität. Niemandem muss man sagen. dass man ein Trainingsspielchen gewinnen will. Und was mir besonders imponiert, ist die Einstellung der Jungen zum Fussball. Die wollen alle ihren Traum verwirklichen und Profis werden. Dafür tun sie alles. Das unterscheidet sie in der Mentalität von den Schweizern. Die jungen Engländer müssen eine harte Schule durchmachen. Wenn man ihnen sagt, dass sie morgen dreimal zum Training erscheinen müssen und übermorgen viermal, dann gehorchen sie ohne Widerrede. Und selbstverständlich ist für sie auch, dass sie die Schuhe der Älteren putzen. In der Schweiz würde ein Nachwuchsspieler den Vogel zeigen, wenn er das machen müsste, in England ist das eine Gesetzmässigkeit. Es herrscht einfach ganz allgemein eine andere Grundeinstellung zu diesem Beruf.»
Bruno Berner, 32 Blackburn (2007–2008), Leicester City (seit 2008)
«Einmal in England spielen – das war immer mein Traum. Und nachdem ich bei Blackburn nach eineinhalb Jahren und mit auslaufendem Vertrag im falschen Moment verletzt war, hatte ich zwei Möglichkeiten: die Insel verlassen – oder durchbeissen und auch bereit sein, in tieferen Ligen zu spielen. Das wollte ich.
Mit Leicester habe ich jetzt zwei wunderbare Saisons hinter mir. Wir waren Meister in der League One, der dritthöchsten Liga, und erreichten in der vergangenen Saison Platz 5 im Championship. Der englische Fussball ist attraktiv, schnell, positiv. Hier wird nicht lange herumgeschnörkelt. Auch in den tiefen Ligen ist das Spiel sehr physisch, noch physischer als in der Premier League. Am schlimmsten sind Vorbereitungsspiele gegen Teams aus tieferen Ligen. Wie diese Spieler in die Zweikämpfe steigen – das ist nicht normal. Sie stürzen sich auf alles, was sich bewegt.
Es ist interessant, die unteren Ligen erlebt zu haben. Wir hatten bei Leicester in der League One im Schnitt 20 000 Zuschauer und spielten in Leeds vor 38 000. In der vergangenen Saison waren wir Gast in Newcastle. Das sind fantastische Erlebnisse. Und wie in der Premier League bei zwei Spielen auswärts gegen Arsenal meine Lungen brannten, das werde ich nie vergessen, diese Mannschaft hat uns dermassen ausgespielt.» (Der Bund)
Erstellt: 06.09.2010, 14:48 Uhr








