Gefühle lassen sich weder planen noch kaufen

Die Verantwortlichen stehen trotz Rekordzahlen vor der Frage, ob sie den FC Basel noch einmal neu erfinden wollen.

Tristesse statt Freude. Doch reicht ein Trainerwechsel noch aus, um in Sachen Kundenzufriedenheit mehr zu sein als eine kurzfristige Lösung – oder muss der Hebel nicht tiefer angesetzt werden?

Tristesse statt Freude. Doch reicht ein Trainerwechsel noch aus, um in Sachen Kundenzufriedenheit mehr zu sein als eine kurzfristige Lösung – oder muss der Hebel nicht tiefer angesetzt werden? Bild: Keystone

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Zum Abschluss der Hinrunde gabs einen halbvollen St.-Jakob-Park. Ein paar Pfiffe zur Pause. Und verhaltenen Applaus ganz am Ende für ein 1:0 über den FC St. Gal­len. Die Adventszeit war beim FC Basel schon fröhlicher als im Dezember 2016. Und das, obwohl der Mannschaft mit 15 Siegen, zwei Remis und nur einer Niederlagen die beste Hinrunde seit 13 Jahren gelang, sie mit zwölf und mehr Zählern vor der Konkurrenz liegt und die achte Meisterfeier in Folge genauso planen kann, wie man den zweiten Stern für den 20. Titel beim Ausrüster in Auftrag geben darf.

Eine misslungene Kampagne in der Champions League hat in Kombination mit einem meist nüchternen, uninspirierten Fussballstil gereicht, um Tris­tesse statt Freude zu verbreiten. Und es war genug für die berühmte Trainerfrage: Ist Urs Fischer noch immer der richtige Mann an der Seitenlinie?

Wenn man sich die Antwort leichtmachen will, dann schon. Man verweist auf den riesigen Vorsprung in der Meisterschaft, die immer das Kerngeschäft bleiben wird. Der deutliche Abstand zum Rest der Super League gibt dem rotblauen Unternehmen viel Planungssicherheit: Der Schweizer Meister 2017 ist für die Gruppenphase der Champions League qualifiziert. Das bringt 20 Millionen Franken. Und es deckt in etwa das strukturelle Defizit, das man sich im aktuellen Geschäftsmodell leistet. Auch wenn es in Wechselwirkung zu sportlichem Erfolg steht, so geht es am Ende doch zuerst ums Geld. Denn es gilt, den Lohn von 250 Angestellten zu bezahlen. Darum, unternehmerische Verantwortung wahrzunehmen.

Die Gegenwart liest sich diesbezüglich äusserst positiv: Der Vertrag mit Hauptsponsor Novartis, der rund zwei Millionen Franken wert sein soll, wurde am Samstag bis 2021 verlängert. Und wenn der FCB im Frühjahr die Zahlen des ablaufenden Geschäftsjahrs präsentiert, wird er Rekorde pulverisieren und besser denn je dastehen. 120 Millionen Franken Umsatz und 20 Millionen Franken Gewinn sind konservativ geschätzte Meilensteine, die Reserven überschreiten die 40-Millionen-Marke.

Eingebüsste Stabilität

Nur: Erwirtschaftet wurde dies nicht allein mit Europacup-Prämien. Sondern genauso mit extraordinären Transfereinnahmen und mit dem Geld, das die Zuschauer ins Stadion tragen. Es sind dies zwei Eckpfeiler des rotblauen Erfolgsmodells, die unter Urs Fischer an Stabilität eingebüsst haben.

Florenz hin, Saint-Etienne her: Fischers Europacup-Bilanz ist schwächer als jene all seiner Vorgänger seit 2009. Das kostet nicht nur Koeffizienten-Punkte, sondern hemmt auch die Entwicklung der Spielerwerte, weil kaum katalytische Wirkung einsetzt, wie das in der Vergangenheit (Shaqiri, Xhaka, Sommer, Salah, Dragovic, Gonzalez, Elneny, Embolo) dank europäischer Ausrufezeichen der Fall war. Umso mehr gilt dies, wenn sich mit Eder Balanta unter den regelmässig eingesetzten Spielern nur einer findet, der jünger als 25 ist – eine Altersgrenze, nach der es in Basel schwierig wird, den Marktwert zu steigern. Sämtliche Top-Transfers des FCB waren jünger. Fischer mag den Laden dank Autorität und Arbeitsethos im Griff haben. Kadermoderation im Sinne des Ge­schäftsmodells sieht aber anders aus.

Dass es Fischer im Sommer verpasste, personelle Alternativen zu finden, dürfte zudem ein Grund dafür sein, dass der Herbst international und national so schwer wurde. Die Spieler wussten bald, wo ihr Platz ist, wenn es wichtig wird. Das förderte weder den Konkurrenzkampf noch die Stimmung im Team. Die Auftritte ab September spiegelten dies mehrheitlich.

In Bern, Zürich oder sonstwo in der Schweiz würde all das keine Rolle spielen. Solange man meistens gewinnt und klar auf Meisterkurs ist, wäre die Anhängerschaft im Fussball-Fieber, den langersehnten Titel erhoffend.

In Basel, wo man seit Jahren all das und mehr hat, ist das anders. Hier gestaltet sich das Geschäft mit den Emotionen zunehmend schwieriger. Die 90 Minuten Fussball – und damit das Produkt – taugten im Herbst jedenfalls zu wenig zu Begeisterung. Jahreskarten-Besitzer blieben zusehends zahlreicher zu Hause, man kann sich kaum an kulissen- und stimmungsärmere Liga-Heimspiele erinnern als zuletzt gegen Vaduz und St. Gallen.

Unveränderte Realität

Man kann nun auf ein verwöhntes Publikum verweisen. Man kann sich nerven, dass zu wenig estimiert werde, was in der Brüglinger Ebene bis heute geleistet wird. Und man kann feststellen, dass die mediale Berichterstattung auch nicht helfe. Doch die Realität ändert dies nicht: Gefühle lassen sich beeinflussen, aber nicht befehlen. Man kann sie nicht planen und nicht kaufen.

Auch wenn es manchmal anders klingt: Die FCB-Führung um Präsident Bernhard Heusler und Sportdirektor Georg Heitz weiss das genau. Die für ein erfolgreiches Unternehmen hohe Fluktuation bei den mitunter wichtigsten Angestellten – den Spielern und Trainern – geschah zwar stets aus anderen Gründen. Doch mit zunehmender Fortdauer der Blütezeit verfestigte sich auch der Eindruck, dass die regelmässige Erneuerung des Produkts immer wichtiger wurde, um das Interesse daran hochzuhalten.

Es muss kein Prophet sein, wer voraussagt, dass Veränderungen anstehen. Allerdings könnten diese anders aussehen, als viele denken. Einen sofortigen Trainerwechsel wird es kaum geben. Viel eher wird sich der Vertrag mit Fischer verlängern – per Klausel oder Unterschrift. Nicht, weil man mit der Entwicklung der Mannschaft und der Stimmung glücklich wäre. Sondern weil man sich inzwischen fragt, ob ein Trainerwechsel noch ausreicht, um in Sachen Kundenzufriedenheit mehr zu sein als eine kurzfristige Lösung, die zunehmend einer Pflästerlipolitik gleicht. Und ob der Hebel nicht tiefer angesetzt werden muss, um nachhaltigere Zufriedenheit zu erlangen.

Wer darüber nachdenkt, kommt zum Schluss, dass diese womöglich nur durch eine vorangegangene Durststrecke möglich wäre. Oder aber vielleicht durch einen Einschnitt, wie es ihn seit 2009 und dem Trainerwechsel von Christian Gross zu Thorsten Fink nicht mehr gegeben hat. Und zwar nicht, indem man zur Attacke bläst: Die finanziellen Reserven in die Mannschaft zu investieren, in der Hoffnung, man könne die eigenen europäischen Grenzen neu definieren und Euphorie entfachen, wäre kurzsichtig und unternehmerisch unverantwortbar. Viel eher bietet sich an, dass man zurückbuchstabiert. Hin zu einem Kader, in dem 15 Planstellen weiterhin unabhängig von Provenienz auf höchstmöglichem Niveau besetzt sind, das darüber hinaus aber aus ehemaligen oder aktuellen Nachwuchsspielern besteht. Verbunden mit einem Trainer, der weiss, was die Junioren können, und auf den man im Club grosse Stücke hält: Raphael Wicky, der aktuell die U21 leitet.

Ein Modell «15 plus» könnte der Schlüssel zu vielem sein: Klar höhere Durchlässigkeit, mehr Identifikation, aber auch mehr nationale Spannung und Aufwertung des Meistertitels, zumal die Wahrscheinlichkeit eines Basler Triumphs dadurch tendenziell abnähme. Es wäre dies nicht das Ende der europäischen Möglichkeiten und nichts, das sich mit dem vorhandenen Geld nicht mehr korrigieren liesse.

Grössere Antwort

Dass es in der Tendenz in diese Richtung gehen wird, scheint klar. Andernfalls würde Georg Heitz nicht bereits jetzt öffentlich über die Erhöhung der Durchlässigkeit sinnieren.

Dass der Verwaltungsrat tatsächlich bereit ist, sein jahrelanges Erfolgsmodell im Angesicht finanzieller Rekorde stärker als nur punktuell anzupassen, ist allerdings weniger wahrscheinlich. Auch, weil es keine Garantie dafür gibt, dass dieses Konzept so viel Goodwill schafft, wie man ihm zutrauen möchte. Und weil ein verpasster Meistertitel das Verpassen des Schaufensters Champions League mit allen Prämien bedeuten dürfte. Vielleicht aber noch mehr, weil man im Verwaltungsrat bei der Frage, was man noch tun kann, um die Menschen glücklich zu machen, nach sieben fetten Jahren in der Verantwortung schneller denn je auf eine andere, noch grössere Antwort kommt: Die Führung des Clubs in neue Hände legen, damit Platz ist für neue Impulse.

Diese hätte dann die Möglichkeit, die Karte «Nachwuchs» selbst zu spielen und sich so einen Startkredit zu verschaffen. Denn eines ist ungeachtet der momentanen Befindlichkeit klar: Wer auch immer der Nächste ist – er beerbt die erfolgreichste Clubführung in der Schweizer Fussballgeschichte. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.12.2016, 07:51 Uhr

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