Gut eingelebt

Urs Fischer ist seit 100 Tagen Trainer des FC Basel. Seine persönliche Zwischenbilanz fällt verpasster Champions League positiv aus – jene von aussen ebenfalls.

Nah, aber nicht zu nah: Urs Fischer schafft bei seinen Spielern Vertrauen durch Offenheit.

Nah, aber nicht zu nah: Urs Fischer schafft bei seinen Spielern Vertrauen durch Offenheit. Bild: Keystone

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Am 98. Tag erwischte es ihn. Es wurde nichts mit dem Mini-Jubiläum als ungeschlagener FCB-Trainer für Urs Fischer. Das hat aber auch seine positiven Seiten. Gestern, an jenem 100. Tag im Amt, musste der 49-Jährige erstmals nur noch rückblickend über die Serie der Ungeschlagenheit in Pflichtspielen und auch nicht mehr über die Siegesserie zum Saisonstart sprechen. Denn vor der Niederlage gegen die Young Boys am Mittwoch hatte Fischer noch gar martialisch darauf hingewiesen, es werde «erst am Ende des Kriegs» abgerechnet, nicht nach einem Viertel. Nun, da dieses Viertel überaus erfolgreich, aber nicht perfekt abgeschlossen wurde, sagte er: «Schade, dass diese Serie zu Ende ist.»

Das ist Urs Fischer. Einerseits ist der Zürcher zu pragmatisch und zu uneitel, um schicken Serien zu viel Bedeutung zu schenken, andererseits zeichnet ihn ein enormer Ehrgeiz aus. Immer im Wissen, dass auch Profifussball, dieses erbarmungslose Geschäft, am Ende des Tages nur ein Spiel ist. Genauer gesagt ein «Fehlerspiel», wie er das immer wieder betont. Veranschaulicht wurde dieser Aspekt vor allem in jenen wenigen Partien, die in einer beeindruckenden Startphase nicht nach den Vorstellungen des Serienmeisters gelaufen sind: Bei den beiden Begegnungen mit Maccabi Tel Aviv und jüngst beim mitreissenden 3:4 in Bern.

Die wichtige Kontinuität

Dennoch fällt Fischers Fazit für seine ersten 100 Tage als FCB-Trainer positiv aus. Auf die Frage, wie Fischer diesen Zeitabschnitt betiteln würde, wäre er Journalist, antwortet er: «Gut eingelebt.» Auch diese Worte beschreiben das Wesen des früheren Liberos treffend. Er macht keinen grossen Zirkus um seine Person. Er legt nicht jedes Wort auf die Goldwaage, wie man es sich im St.- Jakob-Park aus der Vorsaison gewohnt war, wittert nicht hinter jeder Frage eine Verschwörung. Vielmehr punktet er mit Offenheit und Authentizität. Gegen aussen und innen.

Fischer spricht viel mit den Spielern, sagt, was er von ihnen erwartet. Er gibt ihnen Sicherheit, indem er das System nicht von Partie zu Partie ändert. Mit Ausnahme des Gastspiels bei der AC Fiorentina vertraut er auf ein 4-2-3-1. Und auch seine Akteure schiebt er nicht auf dem Feld herum wie ein Schachspieler. «Ich bevorzuge es, einen Spieler auf seiner angestammten Position einzusetzen», sagte er kürzlich. Die Kontinuität zahlen ihm seine Schützlinge mit konstanten Leistungen zurück.

Die nötige Distanz

Womit wir wieder bei der bei Managern beliebten Bilanz nach 100 Amts­tagen wären. Wenn Fischer «gut eingelebt» sagt, dann meint er in erster Linie den Verein: «Ich wurde sehr gut aufgenommen.» Und in der Öffentlichkeit wurde die verschwindende Minderheit, die sich an Fischers Herkunft störte, durch die grosse Masse jener übertönt, die sich nach einem Jahr der Abschottung und der englischen Floskeln nach einem bodenständigen Trainer sehnte, der die Sprache des Volkes spricht.

Da wird ihm auch verziehen, dass der hervorragende Saisonstart mit nur einer Niederlage und zwei Unentschieden in 16 Partien einen Wermutstropfen enthält. Die verpasste Champions League stört Fischer. Er betont zwar artig, wie wichtig es ist, mit der Europa League immerhin eine Gruppenphase erreicht zu haben, aber Genügsamkeit ist nicht sein Ding. Gute Stimmung im Training bedeutet nicht, dass der Chef die Zügel schleifen lässt, sonst wären die Erfolge gar nicht möglich – auch nicht mit diesem hochkarätigen Kader. Fischer verliert nie die nötige Distanz.

Das richtige Gespür

«Ich bin einem Spieler keine Rechenschaft schuldig, warum er nicht in der Startaufstellung steht», pflegt Fischer zu betonen. Die Spieler, die meisten aktuelle oder ehemalige Nationalspieler, akzeptieren dies klaglos. «Er muss mir ja auch nicht erklären, warum ich spiele», meinte Matias Delgado schulterzuckend, als er im Rahmen der Champions-League-Qualifikation, als er nicht in der Startelf stand, darauf angesprochen wurde. Womit der Diskussion jegliche Grundlage entzogen war.

Urs Fischer hat einen natürlichen Instinkt dafür, wann eine Personalie Anlass zu Polemik geben könnte. Bisher findet er das Gleichgewicht, die Egos der Stars zu befriedigen, ohne dass sich Gräben in der Mannschaft zeigen. Die Skepsis einiger Medien, nach Thun sei der FCB eine Nummer zu gross, ist schon vor Ablauf seiner ersten 100 Amtstage gewichen. Vielmehr deutet einiges darauf hin, dass die letzten 100 Tage nur der Anfang einer langen Ära Fischer in Basel sind. (Basler Zeitung)

Erstellt: 26.09.2015, 09:39 Uhr

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