Mit Schaum vor dem Mund gegen Ottmar Hitzfeld

BaZ-Mitbesitzer Rolf Bollmann: «Früher galt ich beim FC Winterthur als grösster Verbrecher im Schweizer Fussball.»

Achtung, Bollmann kommt! Eine Szene aus dem Cupfinal 1975 in Bern. FCB-Stürmer Ottmar Hitzfeld (l.) will schiessen, Rolf Bollmann (M.) grätscht dazwischen. Rechts FCW-Keeper Hans Küng.

Achtung, Bollmann kommt! Eine Szene aus dem Cupfinal 1975 in Bern. FCB-Stürmer Ottmar Hitzfeld (l.) will schiessen, Rolf Bollmann (M.) grätscht dazwischen. Rechts FCW-Keeper Hans Küng. Bild: Keystone

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Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Ostermontag im Jahr 1975, Cupfinal in Bern. Wir vom kleinen FC Winterthur gegen den grossen FC Basel mit Karli Odermatt, Ottmar Hitzfeld und all den übrigen klingenden Namen. Die Clubleitung hatte jedem von uns 3000 Franken Sieg­prämie versprochen, das entsprach meinem damaligen Monatslohn. Es war der grösste Bonus in der ­Vereinsgeschichte des FCW.

Wir waren alle total aufgekratzt. Der FCB musste fallen, egal, wie hoch der Preis war. Fritz Künzli, der vom FC Zürich nach Winterthur gewechselt hatte, machte alle Mitspieler schon Tage zuvor heiss. Am Matchtag rührte mir mein Verteidigerkollege Kurt ­Grünig Schlankheitstropfen für Frauen in den Kaffee, Fritz schüttete noch ein Captagon hinterher, ein Amphetamin, das die Nerven stimuliert.

Diesen Kaffi mit Schuss kippte ich kurz vor dem Anpfiff in der Kabine im alten Wankdorf runter. Doping­kontrollen gab es ja noch keine und ich Tschumpel dachte, dass sich mein Gegenspieler Ottmar Hitzfeld auf ein heisses Duell freuen kann, so geladen war ich. Aber schon in der Garderobe wurde mir derart elend, dass ich kaum noch stehen konnte. Während die Nationalhymne gespielt wurde, stützten mich die Kollegen. Ich hatte Schaum vor dem Mund, und als der Cupfinal endlich anfing, rannte ich die ersten zehn Minuten meinem eigenen Libero nach statt Ottmar Hitzfeld, bis mich die Mitspieler anbrüllten: «Deck den Hitzfeld, Vollidiot!»

«Der Bollmann ist verladen!»

Hitzfeld, ein gottbegnadeter Stürmer und Goalgetter, rannte zum Schiedsrichter und schrie: «Der Bollmann ist verladen!» Doch der Pfeifenmann war ein Westschweizer und verstand kein Wort. Otto Demarmels schoss das 1:0 für den FCB, Meyer glich aus, aber in der Verlängerung mussten wir uns mit 1:2 geschlagen geben. Walter Balmer schoss den entscheidenden Treffer. Zum Glück war es an diesem Ostermontag saukalt, sodass mein ­Zaubertrank nach etwa einer halben Stunde an Wirkung ver­loren hatte. ­Später fing ich mir noch eine Gelbsucht ein, vermutlich eine Spätfolge des ­Kaffees mit Chügeli.

1975 war das der letzte Cup­final für den FC Winterthur. Heute, 42 Jahre später, greifen die Eulachstädter wieder nach den Sternen in diesem K.-o.-Wettbewerb. Im Halb­final empfangen sie den FC Basel. Auch ohne Kaffee mit Schuss wirkt der Fussball immer noch wie ein Aufputschmittel für mich, speziell bei einem Match wie heute zwischen Winterthurern und Baslern. Als Mitbesitzer der Basler Zeitung kommen da schon spezielle Gefühle auf und kribbelige Erinnerungen hoch.

Ich konsumiere Fussball hauptsächlich am Fernsehen, Champions League schaue ich am liebsten. Ins Stadion gehe ich nur noch selten.

«Wintis» Niedergang tut mir weh

Der Niedergang des FC Winterthur tut mir weh. Ich hatte das Riesenglück, in einer Zeit spielen zu dürfen, als es dem Club noch gut ging, es war eine grossartige Zeit. Der FC Zürich und der FC Basel waren die Riesen der Liga, doch auf der Schützenwiese haben wir gegen sie fast nie verloren.

Dafür haben wir mit allen Mätzchen gearbeitet. Ich erinnere mich gut, als der damalige Trainer Willy Sommer vor einem Heimspiel gegen den FCB zu uns kam und befahl: «Häckelt den Platz um! Er muss uneben sein.» Wir gingen auf die Knie und zogen tiefe Furchen auf den Rasen, damit die Basler nicht ihren schönen, schnellen Fussball spielen konnten. Man muss sich das einmal vorstellen!

Ich will ja nicht sagen, dass früher alles nur besser war. Aber wir konnten beissen. Ich war Vorstopper, Übername: Eisenfuss. Ich habe alles umgehauen, was mir zu nahe kam. Das war meine Stärke. Als wir im Cup-Halbfinal gegen YB spielten, empfing mich in der Garderobe ein Plakat, weil ich im Match zuvor zwei Berner Spieler umgesäbelt hatte: «Bollmann, der grösste Verbrecher im Schweizer Fussball.» Meine Mitspieler haben nur gelacht.

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Der Star beim FC Winterthur in den frühen Siebzigerjahren war Timo Konietzka. Ein richtiges Schlitz­ohr als Stürmer. Als ich mit 16 Jahren zum FCW kam, musste ich Timo nach dem Training die Schuhe putzen. Für den Weg von Weisslingen auf die Schützenwiese hatte ich kein Geld für ein Velo, also rannte ich die 13 Kilometer hin und zurück. Dreimal pro Woche.

Auf dem Platz war ich ein Buure­chnüttel, technisch limitiert, aber mir rannte keiner davon. Meinen Gegenspielern sagte ich oft vor dem ersten Steilpass: «Wenn du mich ausdribbelst, tragen sie dich mit einer Bahre vom Platz!» Das war nicht fein, aber so erarbeitete ich mir jenen Respekt, der mich bis in den Kreis der Nationalmannschaft brachte.

Am 1. Mai 1974 war es im Genfer Charmilles-Stadion so weit: erstes Länderspiel, gegen Belgien. In der Kabine zog ich meine Kleider und meine Brille aus und merkte sofort: Armleuchter Bollmann hat seine Kontaktlinsen im Hotelzimmer vergessen. Ich traute mich nicht, Nationaltrainer René Hüssy zu informieren und verschwieg das Desaster. Meinen Gegenspieler Lambert packte ich unten zwischen den Beinen, um ihn wenigstens zu hören, wenn ich ihn schon nicht sehen konnte.

Der FC Basel hat sich in letzter Zeit etwas entfremdet, ich spüre eine Söldnermentalität.

Wie eine Blindschleiche quälte ich mich über den Platz. Nach ein paar Minuten zischte mir Köbi Kuhn zu: «Bisch Gopfertori blind oder was?» Wir verloren 0:1. Nach dem Match fragte mich Hüssy, ob ich denn so nervös gewesen sei oder was. «Herr Hüssy», antwortete ich, «ich muss ihnen leider sagen, dass ich ohne Kontaktlinsen gespielt habe heute. Ich habe sie im Hotel vergessen.» «Du huere Arschloch», stauchte er mich zusammen. Meine Länderspielkarriere war vorbei, bevor sie begonnen hatte.

Die Könige Kuhn und Odermatt

Ich hätte gern so elegant gespielt wie Köbi Kuhn. Er verkörperte im Mittelfeld europäische Extraklasse. Er hatte alle Mätzchen drauf, in dieser Beziehung war er einer der Schlimmsten. Sehr oft foulte er seinen Gegenspieler, half ihm jedoch sofort wieder auf die Beine – und stand ihm dabei mit den Stollenschuhen auf den Zeh, natürlich völlig «unabsichtlich». Köbi war der Chef auf dem Platz, nur er durfte dirigieren. Er und Karli Odermatt in Basel – das waren die Könige. Wir waren die Vollpfosten vom Land, aber das war irgendwie auch in Ordnung so. Ich habe die beiden bewundert.

Heusler hat wohl etwas Angst

Fast jeden Tag bin ich in Basel am Aeschenplatz auf der BaZ-Redaktion und spüre die Begeisterung, die rund um den FC Basel herrscht. Der Club wird von der ganzen Stadt getragen, das ist fantastisch. Die grosse Wende kam hier Ende der Neunzigerjahre mit René C. Jäggi als Präsident und Gigi Oeri als Mäzenin. Sie haben dem FCB jene Kraft verliehen, die er heute hat.

Aber auch das aktuelle Management mit Bernhard Heusler an der Spitze leistet herausragende Arbeit. Sie beweisen eindrücklich, dass man im Spitzenfussball mit seriösem Management immer noch die Sterne vom ­Himmel holen kann.

Allerdings hat sich die Mannschaft in letzter Zeit etwas entfremdet, mir ist sie zu international geworden, ich spüre eine gewisse Söldnermentalität. Beni Huggel, Granit Xhaka, Xherdan Shaqiri, Alex Frei und Marco Streller – das sind oder waren Typen wie Köbi Kuhn und Karli Odermatt früher. Heute suche ich diese Spezies vergebens.

Nun gibt Heusler bald ab. Er hat wohl etwas Angst, dass er das hohe Niveau nicht wird halten können. Ich verstehe ihn. Im Fussball kann die Stimmung extrem schnell kippen. Und die Zuschauer in Basel sind verwöhnt, das muss man so festhalten.

Der neue Präsident Bernhard Burgener steht vor einer riesigen Herausforderung. Weiter entwickeln kann sich der FC Basel in der Schweiz nicht, die Super League ist viel zu klein. Wenn der FCB in der Bundesliga mitspielen könnte, würde ich mir keine Sorgen machen. Sollte Bernhard Burgener also bald ein Aufputschmittel brauchen – einfach den Bollmann von der BaZ fragen.

Bearbeitung: Marcel Rohr

Schweizer Cup, Halbfinale: Winterthur-Basel (18.45 Uhr). Sion-Luzern (20.45 Uhr). Beide Partien live auf SRF2.

(Basler Zeitung)

Erstellt: 05.04.2017, 09:29 Uhr

Sie nannten ihn Eisenfuss


Rolf Bollmann, heute Geschäftsführer und Mitbesitzer der BaZ. Foto: Nicole Pont

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