Weltoffener Walliser

FCB-Trainer Raphael Wicky ist kein typischer Fussballer – auch wenn er so tut, als ob er das nicht gerne hört.

«Es ist nicht so, dass in Steg die Hinterwäldler leben.» Raphael Wicky ist in einem 1300-Seelen-Dorf aufgewachsen – nun trainiert er den Schweizer Serienmeister.

«Es ist nicht so, dass in Steg die Hinterwäldler leben.» Raphael Wicky ist in einem 1300-Seelen-Dorf aufgewachsen – nun trainiert er den Schweizer Serienmeister. Bild: Keystone

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Raphael Wicky zieht die Bremse seines Velos. Er hält am Tisch, wo sich Marco Streller am Rande des Sportplatzes Birkenmoos an einem heissen Tag ein kühles Getränk gönnt. Der neue Sportchef des FC Basel hat auch im Trainingslager in Rottach-Egern viel zu tun. Doch nun ist er grad im Pausenmodus, plaudert gemütlich mit anderen FCB-Angestellten. Wicky sucht den Augenkontakt zu seinem Vorgesetzten und gibt ihm dann zu verstehen, dass man am Abend noch eine gemeinsame Unterhaltung zu führen habe. Streller wirkt erst gequält, so richtig Lust scheint er nicht zu haben. Dann aber lenkt er ein: «Ist kein Problem, ich bin dann im Hotel bereit.»

Man kennt sich, klar. Hat zusammen in der Schweizer Nationalmannschaft gespielt. Und Raphael Wicky ist mit seinen 40 Jahren auch vier Jahre älter als Marco Streller. Und doch ist es ungewöhnlich, dass der Trainer gegenüber dem Sportchef zwar freundlich, aber doch auch unterschwellig fordernd auftritt. Im Fussballgeschäft wird gerne nach oben geleckt und nach unten getreten. Das ist jedoch nicht, wie Raphael Wicky funktioniert. Sondern «ehrlich und direkt», wie er sagt. Und weil auch Streller von sich behauptet, er gehe mit den Menschen «ehrlich und direkt» um, findet die Kommunikation ohne falsche Zurückhaltung statt.

Wurzeln, die tief greifen

Ehrlich und direkt. Es sind Maximen, von denen Raphael Wicky sagt, er habe sie auf beruflicher Basis in den elf Jahren im Ausland erfahren und schätzen gelernt. Zuerst war da der grosse, inzwischen verstorbene Luis Aragones. Einer seiner drei Trainer in zwölf Monaten bei Atletico Madrid. Dann traf er bei seiner Rückkehr nach Deutschland beim Hamburger SV auf Huub Stevens. Den Holländer, den sie den «Knurrer von Kerkrade» nennen. Weder der eine noch der andere Trainer hatte nur frohe Botschaften für den Schweizer Mittelfeldmann. Aber sie teilten ihm diese klar mit. Sagten ihm ehrlich und direkt, woran er sei. «Das tut erst weh – aber schliesslich merkt man, dass es so eben doch viel besser ist als anders.»

Ehrlich und direkt. So stellt man sich auch die Menschen in Steg am südlichen Ende des Lötschentals vor. Dort ist Raphael Wicky aufgewachsen. Dort hat er seine Wurzeln. Und wenn er begeistert über das 1300-Seelen-Dorf erzählt, dann wird sofort klar, dass es starke Wurzeln sind, die bis heute ganz tief in diesem Menschen greifen.

Wenn es von einem heisst, er habe nicht vergessen, wo er herkomme, dann gilt dies als Kompliment und verweist auf seine Bodenständigkeit, seine bescheidene Art auch. Es ist ein Kompliment, das vor allem bei Menschen, die es zu Erfolg, Ruhm und Geld gebracht haben, inflationär gemacht wird.

Raphael Wicky hat es als Fussballer zu Erfolg, Ruhm und Geld gebracht. Er hat für den FC Sion, Werder Bremen, Atletico Madrid, den Hamburger SV, CD Chivas in Kalifornien und 75-mal für die Schweiz gespielt. Er hat dreimal den Schweizer Cup und einmal den DFB-Pokal gewonnen – und er ist an zwei Europameisterschaften und an einer Weltmeisterschaft zum Einsatz gekommen. Doch man muss nicht in Steg nachfragen, um herauszufinden, ob der berühmteste Sohn der Gemeinde noch wisse, wo er herkomme. Es reicht, wenn man Wicky von Steg, von seiner Karriere, von allem reden hört.

«Die Kindheit war unbeschwert. In Steg gehst du vom zweiten Tag an allein in den Kindergarten – da muss dich keiner hinbringen. Und den Sommer verbrachten wir auf der Alp», erzählt er im Oberwalliser Dialekt. Er sagt, er sei stets bemüht gewesen, sich diesen zu bewahren. Bemängelt aber auch, dass es nun Worte gebe, die er nicht mehr exakt so sage, wie sie in Steg reden.

Das wirkt alles ehrlich. Und ist manchmal auch direkt. «Es ist nicht so, dass in Steg die Hinterwäldler leben», sagt Raphael Wicky etwa. Er bezeichnet sich zwar selbst als weltoffenen Walliser. Doch er wehrt sich gegen die Annahme, er sei als Weitgereister nun ein ganz anderer Mensch als es jene Menschen sind, die noch immer in seinem Heimatdorf wohnen. Und er wehrt sich auch gegen die Idee, dass sich Landbewohner per se von Stadtbewohnern unterscheiden, irgendwie dem Sinn des Lebens näher sind.

Wogegen er sich jedoch nicht wehrt: Dass ihn seine Kindheit geprägt hat. Und damit meint er nicht nur Steg. Sondern vor allem auch die Eltern, von denen er zusammen mit zwei älteren Schwestern aufgezogen wurde: Seinen Vater Kurt, ein Elektriker mit eigenem Geschäft, und seine Mutter Rosmarie. «Sie haben mir viel von jenen Werten mitgegeben, die mir wichtig sind.»

Werte, die im Kontrast stehen

Es sind Werte, die im Kontrast zur Glitzerwelt Fussball zu stehen scheinen, in der er sich bereits seit seiner Teenagerzeit bewegt: Wicky ist 16, als er für den FC Sion sein erstes Spiel in der damaligen Nationalliga A macht. Für eine erfolgreiche KV-Lehre fehlt fortan die Zeit, es wird schliesslich eine abgeschlossene Bürolehre daraus. Er ist 20, als er auszieht, um in Norddeutschland die nächst Stufe zu erklimmen.

Er ist also jung genug, um den Verlockungen anheim zu fallen, die das umjubelte Leben und das frühe Geld bringen. Doch er bleibt immer Raphael Wicky aus Steg. Ohne Allüren. Einem, dem in Madrid gesagt wird, dass er nicht mit einem Seat-Mietwagen herumfahren könne, weil sich das für einen Profi von Atletico nicht gehört. Einer auch, der Bücher liest. Sich für die Kultur interessiert. Sprachen lernt. So dass er heute Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch im Repertoire hat. Ein Intellektueller gar?

Raphael Wicky winkt ab. Er mag dieses Bild nicht – und auch nicht die Annahme, er sei anders als andere Fussballer. Bescheidenheit drückt da durch. Aber auch Selbstsicherheit. Ein Teil dieser Selbstsicherheit mag aus Deutschland kommen. Dort, wo die Menschen einfach anders auftreten als in der Schweiz. Viel davon kommt aber auch aus Steg, von seinen Wurzeln.

Befragt nach Phasen von grösserer Unruhe in seinem Leben weiss Raphael Wicky keine Antwort. Sondern findet, er sei schon immer ein Glückskind gewesen. Ein anständiges, kein angepasstes: Das Skifahren, das hat sich Raphael Wicky auch in seiner Profizeit nie nehmen lassen. «Die Verträge habe ich nicht so genau gelesen», sagt er im Scherz und meint, was er schon damals zu seinen Teamkollegen in Bremen oder Hamburg gesagt hat: «Einem Walliser das Skifahren zu verbieten, ist wie einem Norddeutschen zu verbieten, Fisch zu essen.»

Offensivqualitäten, die fehlen

Verletzt hat sich Raphael Wicky beim Skifahren nie. So richtig gesund allerdings, das ist er schon lange nicht mehr. Bis heute vergeht kein Tag ohne Schmerzen. Kaum über 20, beginnt ihn der untere Rückenbereich zu plagen. «Spielen ging fortan meist nur noch mit Schmerzmitteln.» Und oft gehts auch gar nicht, also fällt er immer mal wieder aus. Die Karriere wird gross – doch hätte sie grösser sein können, wäre er gesund geblieben?

Raphael Wicky würde wohl widersprechen. Er findet, es habe bessere Spieler als ihn gegeben. Ballsicher sei er gewesen im Mittelfeld. Das sei auch wertvoll. Aber zur ganz grossen Nummer, dazu fehlten ihm die Offensivqualitäten: «Den Querpass beherrschte ich sehr gut. Wäre ich mein Trainer gewesen, ich hätte mir früh mitgeteilt, dass der erste Gedanke kein Quer- oder Rückpass sein könne – leider hat mir das nur selten jemand gesagt.»

In Hamburg sind sie einmal auf die Idee gekommen, dass jeder Spieler eine eigene Melodie erhält, die durch den Stadionlautsprecher schallt, wenn dieser Spieler ein Tor erzielt hat. «Hätte ich 20 Kisten gemacht, meine Melodie wäre der Hit schlechthin gewesen. ‹Hey, hey Wickie› ist dann aber nur zweimal erklungen – einmal in der Liga und einmal im Pokal.» Und das reicht dann halt nicht zum grossen Ohrwurm.

Ideen, die überzeugen

Dieser ehemalige Querpass-Spieler soll nun also in Basel den Fussball attraktiver, offensiver machen. Kann er das? Und kann er das bereits jetzt, da er noch nie Trainer auf Profistufe gewesen ist? Die Verantwortlichen in Basel sind überzeugt davon. Weil sie Wicky beobachtet haben. Weil einige von ihnen noch mit ihm zusammengespielt haben. Und weil Wicky sie letztlich überzeugt hat mit seiner Präsentation und seinen Ideen. Ideen von einem taktisch flexiblen, konstruktiven Fussball.

Und wie sieht das Raphael Wicky selbst? Als er beim FCB am 21. April als neuer Trainer vorgestellt wurde, da wurde ihm von den Medien die Frage gestellt, warum er im neuen Konzept die Idealbesetzung sei. Seine Antwort war direkt: «Weil ich von mir und meiner Kompetenz überzeugt bin. Weil ich für das Projekt ein gutes Gesicht bin. Und weil ich überzeugt bin, dass wir mit einem guten Staff und der neuen Clubführung die Erfolgsgeschichte des FC Basel fortschreiben können.»

Wetten, dass sie auch ehrlich war? (Basler Zeitung)

Erstellt: 01.07.2017, 07:29 Uhr

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