Sport
Der grosse Rückschlag für das Schweizer Eishockey
Von Florian A. Lehmann. Aktualisiert am 06.05.2011 18 Kommentare
Eishockey-A-WM in der Slowakei
Kosice, Zwischenrunde:
Schweiz - Norwegen 2:3 (0:2, 1:0, 1:1)
Tabelle:
1. Kanada 2 1 1 0 0 13:4 5
2. Norwegen 3 1 1 0 1 10:10 5
3. Schweden 2 1 0 1 0 10:7 4
4. USA 2 1 0 0 1 6:8 3
---------------------
5. Schweiz 3 0 1 1 1 6:7 3
6. Frankreich 2 0 0 1 1 1:10 1
Das weitere Programm:
Gruppe E (in Bratislava). Samstag, 7. Mai: Norwegen - Kanada (16.15 Uhr). USA - Frankreich (20.15). Sonntag, 8. Mai: Schweden - Schweiz (16.15 Uhr).
Gruppe F (in Kosice). Samstag, 7. Mai: Dänemark - Deutschland (16.15 Uhr). Finnland - Slowakei (20.15). - Sonntag, 8. Mai: Tschechien - Russland (16.15 Uhr).
Abstiegsrunde. Gruppe G (in Bratislava und Kosice). Samstag, 7. Mai: Österreich - Slowenien (12.15 Uhr). Weissrussland - Lettland (12.15). - Sonntag, 8. Mai: Slowenien - Weissrussland (20.15 Uhr). Lettland - Österreich (20.15).
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Zu Hause prosten sich die Funktionäre wegen der gelungenen Umstrukturierung von Verband und Liga, die zukünftig unter einem Dach operieren werden, fröhlich zu. Weiter östlich in Europa, im slowakischen Kosice, ist die Stimmung im Schweizer Eishockey-Lager weniger ausgelassen. Die 2:3-Pleite im kapitalen Zwischenrunden-Duell gegen Norwegen schlägt die Türe für den Viertelfinal praktisch zu. Das Team von Sean Simpson braucht nun einen, wenn nicht gar zwei Exploits, um das Minimalziel zu schaffen. Das ist zwar theoretisch gesehen immer noch möglich. Aufgrund der zwiespältigen Leistungen der Schweizer Landesauswahl scheint dieses Vorhaben jedoch ein Ding der Unmöglichkeit.
Wer die Vorstellungen der «Simpsons» kritisch beleuchtet, muss feststellen, dass von total 242 WM-Minuten in der Steel Arena 60 Minuten unbefriedigend, teilweise sogar miserabel waren. Alle drei besagten Drittel waren gegen die bestimmt schlagbaren Auswahlen von Frankreich (1:0-Sieg nach Verlängerung) und Norwegen (2:3) zu beobachten. Die Darbietungen gegen Weissrussland (4:1) und Kanada (3:4 nach Overtime) dagegen stimmten mehrheitlich zuversichtlich.
Luca Sbisas trauriges Fazit
Mit anderen Worten: Dieser Equipe fehlt es an der Konstanz, sie ist noch zu grossen Leistungsschwankungen ausgesetzt. Das ist bei der Anzahl WM-Debütanten (sieben) irgendwie verständlich. Doch es mutet eigenartig an, wenn nach einer solch wichtigen WM-Partie wie gegen die Norweger, die zuvor die Schweden schlugen und vor einem Jahr schon die Schweizer bezwungen hatten, ein NHL-Profi wie Luca Sbisa sagen muss: «Die Norweger zeigten mehr Willen. Wir haben die Partie in den ersten 20 Minuten verloren. Wir wären physisch sicher bereit, doch mental vielleicht nicht. Wir haben die Norweger leicht unterschätzt.»
Auch André Rötheli, ehemaliger Top-Stürmer und Internationaler sowie TV-Experte, wundert sich über die missliche Lage der Schweiz in der Slowakei. «Es sind oft Kleinigkeiten, die an einer WM über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Es ist jedoch eigenartig, dass unsere Nationalmannschaft gegen gute Gegner stark aufspielt, gegen Teams, die in unserer Reichweite liegen, aber so viel Mühe hat und sogar in einem wichtigen Spiel verliert. Da scheint in mentaler Hinsicht etwas nicht zu stimmen. Denn in sieben von zehn Vergleichen gegen eine kleinere Eishockey-Nation würde die Schweiz wohl gewinnen. Dabei hat die Mannschaft eine gelungene Vorbereitung absolviert, die Atmosphäre innerhalb der Mannschaft scheint gut zu sein, es herrscht Harmonie – anders als in früheren Jahren.» Wobei man hier anfügen muss: Ein WM-Turnier kann nicht der Ort einer Wohlfühloase sein. Dazu ist die Expedition zu wichtig.
Die Sache mit der mentalen Stärke
Das Abrufen der mentalen Stärke im richtigen Moment: ein Problem für Schweizer Sportler, nicht nur im Eishockey. Aber gerade Simpson ist bekannt dafür, dass er seine Schützlinge auf wichtige Termine hervorragend einstellen und motivieren kann. Das hat der Kanadier auf eindrückliche Art mit den ZSC Lions in der Champions Hockey League und im Victoria Cup bewiesen. Oder im letzten Jahr in Mannheim, als er eine nationale B-Auswahl auf den fünften WM-Rang coachte. Während der Partien versucht Simpson alles, um ein Spiel in die richtigen Bahnen zu lenken. Er gilt als aktiver Trainer an der Bande. Dass er versucht, der Schweizer Nati eine offensivere und modernere Taktik zu verpassen, wird zwischen Buchs SG und St-Julien GE allenthalben begrüsst.
Gewiss, 41:25 lautete das Schussverhältnis zugunsten der Schweizer gestern, der Nobody Lars Haugen im norwegischen Tor hielt im Gegensatz zu Tobias Stephan fast alles, was auf ihn zuflog. Und der Ausfall des verletzten Genfers Goran Bezina ist ein schwerer Schlag. Es zeigt, dass die Personaldecke an guten Fachkräften in der Verteidigung nicht so dick ist wie bei grossen Eishockey-Nationen, die Ausfälle leichter kompensieren können.
Die richtige Personalpolitik?
Aber Simpson muss sich neben der Tatsache, dass seine Spieler gegen die Aussenseiter offensichtlich mental nicht bereit waren und einen trägen Eindruck hinterliessen, auch andere unangenehme Fragen gefallen lassen. Nach längerem Hin und Her hat Yannick Weber, ein NHL-Professional der Montreal Canadiens, den Trip nach Kosice nicht vollzogen. Ihn könnte das Team jetzt gut gebrauchen. Weber wurde abgesagt, um die Chemie im Team nicht durcheinanderzubringen. Ob dies mit seiner Präsenz auch passiert wäre, ist hypothetisch und fraglich. Dafür hat sich der WM-Debütant John Gobbi der Selektion angeschlossen, nachdem der Davoser Tim Ramholt bereits in die Ferien abgereist war – alles in allem eine Personalpolitik mit wenig Weitsicht und mit einem gewissen schalen Nachgeschmack. «Dass man auf einen NHL-Profi wie Weber nicht von Beginn weg zurückgreift, beweist doch, dass ein gewisses Selbstvertrauen vorhanden ist», meint Rötheli.
Zweifelsohne sind die Tage von Kosice der erste Rückschlag für Simpson als Nationaltrainer. Es ist aber auch ein Rückschlag für die Schweizer Eishockey-Bewegung, die zu Recht den Anspruch stellt, dass eine Viertelfinal-Qualifikation an grossen Turnieren das Minimalziel sein muss. Rötheli will jetzt nicht alles infrage stellen. «Wir haben eine talentierte Mannschaft, die Mischung zwischen jungem Elan und Routine stimmt. Ich glaube, wird sind trotz allem auf gutem Weg. Und es werden, wenn man die Playoffs als Massstab nimmt, weitere Junge den Kreis von Nationalmannschaftsspielern erweitern.»
Der Strohhalm Hoffnung
Was die Mission Slowakei betrifft, ist der erfahrene Experte allerdings weniger optimistisch. «Ich bin zwar zuversichtlich, dass dieses Team nochmals reagieren und gegen die Schweden und die USA zwei gute Spiele abliefern wird. Aber es wird jetzt sehr schwierig werden, den Viertelfinal noch zu erreichen.»
Simpson, aber auch die Spieler stehen vor beschwerlichen Tagen. «Trotz der Niederlage gegen Norwegen sind wir immer noch im Turnier. Wir müssen vorwärtsschauen und positiv bleiben», erklärte der Personalchef nach der gestrigen Pleite. Es sind dies Worte der Hoffnung. Nun müssen aber auch Taten auf dem Eis folgen. Die Schweizer Nationalmannschaft ist gefordert wie schon lange nicht mehr. Und erstmals in der Ära Simpson ist auch ein Druck in der Öffentlichkeit und in den Medien vorhanden.
Die schönen, unbeschwerten Tage der Nach-Krueger-Zeit sind vorbei. Und ein sportliches Scheitern in der Slowakei passt auch dem Verband und der Liga überhaupt nicht ins Konzept. Schliesslich soll das Schweizer Eishockey administrativ und leistungsmässig zu neuen Ufern aufbrechen. Da ist ein Scheitern in der WM-Zwischenrunde nicht gerade hilfreich, um das neue Produkt Swiss Ice Hockey Federation zu vermarkten. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 06.05.2011, 12:16 Uhr
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18 Kommentare
Die Niederlage gestern war nicht nötig und unglücklich. Und trotzdem traue ich den Simpsons die Viertelfinal qualifikation zu. Denn jetzt kommen zwei stärkere Gegner als dies Norwegen war. Und genau gegen die stärkeren Gegner spielen unsere in der Regel besseres Hockey. Also, Augen zu und durch. Daumen drücken! Antworten

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