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Flüelers Wettlauf mit der Zeit

Von Silvan Schweizer. Aktualisiert am 11.01.2016

Der ZSC-Goalie hat diese Saison wegen Adduktoren-Problemen 30 Spiele verpasst. Er hofft, rechtzeitig fürs Playoff fit zu werden und muss seine Ängste verdrängen, dass es nicht klappt.

Er will doch nur spielen: ZSC-Goalie Lukas Flüeler in der Kinderspielecke  auf der Zürcher Bäckeranlage.

Er will doch nur spielen: ZSC-Goalie Lukas Flüeler in der Kinderspielecke auf der Zürcher Bäckeranlage.
Bild: Thomas Egli

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In jedem Handbuch für Eishockey-­Torhüter wird die Kopfarbeit schon im ­ersten Kapitel herausgestrichen. Ein Lapsus ist schnell passiert, ein Puck rasch durch die Beine ins Tor gerutscht. Da muss man die Zweifel überlisten und sofort wieder ­Zuversicht finden. Noch schwieriger wird der Prozess, wenn der Goalie gar nicht zwischen den Pfosten stehen kann. Wenn ihn eine Verletzung zum Zuschauen zwingt und die Rückkehr erst noch unabsehbar ist.

Eine solche Härteprüfung erlebt ­Lukas Flüeler: «Ich würde ­lügen, wenn ich behaupten würde: ‹Ich bin sicher, dass es wieder gut kommt.›» Seit dem sechsten Spieltag fehlt der zweifache Meistergoalie den ZSC ­Lions wegen ­Adduktoren-Problemen. Ein Comeback-Versuch gegen Zug im November endete nach 25  Minuten und einer missglückten ­Parade. Wieder blitzte der Schmerz auf. Wutentbrannt stapfte er Richtung Garderobe und schmetterte seinen Stock auf den ­Boden. Er wusste: Die ganze Aufbau­arbeit war umsonst. Zurück auf Feld 1.

Mit kaputtem Knie zum Titel

Die Beschwerden begleiten den 27-Jährigen schon länger: Alles begann im Playoff 2014, als die ­Zürcher in der ­ersten Runde mühevoll Lausanne niederrangen. Während ­jener Serie erlitt er einen Meniskusriss im Knie. Flüeler spielte weiter, da ihn die Verletzung nicht zu stark behinderte – schliesslich stand auch viel auf dem Spiel. Er führte seine Mannschaft noch bis zum Meistertitel. Pausierte danach.

Doch während der folgenden Saison musste der Meniskus nach einem weiteren Zwischenfall operativ entfernt werden. Und kaum war Flüeler zurück, schmerzten die Adduktoren. Wegen des ungewohnten Gefühls im Knie hatte er sein Bein falsch ­belastetet, der Muskel im Oberschenkel entzündete sich. Das Ziehen ­beschäftigt ihn bis heute.

Flüeler hat Monate der Therapie hinter sich, war öfter und länger im Oerliker Trainingszentrum, als er es als gesunder Spieler sein würde: Massagen, Physio, Stosswellen, Akupunktur, Kinesio­tapes, wärmende Creme, kühlende Creme . . . Alle ­möglichen Formen hat er getestet. «Ich war ziemlich verzweifelt», offenbart er. Auch eine weitere Operation wurde irgendwann zum Thema.

55 Spiele verpasst seit 2013

Mittlerweile spürt er Hoffnung. Seit ­letzter Woche trainiert Flüeler wieder mit dem Team, beschwerdefrei. Das Ziel ist klar: Spielpraxis ­finden, um recht­zeitig zum Playoff-Start am 3. März in Form zu sein. Doch er sagt auch: «Ich bin ­vorsichtig ­geworden mit Prognosen. Sonst ist die Enttäuschung umso grösser, wenn es nicht klappt.»

Nach der langen Zeit ohne richtigen Eiskontakt fühlt er sich «wie im August in der ersten Training­swoche». Seine ­Augen müssen sich zuerst wieder ans Tempo gewöhnen, an die Spielsituationen, die sich im Sekundentakt verändern. Er muss den Fokus wieder schärfen. Vor allem sind da aber die Gedanken an die Beine, die Angst, dass eine unbedarfte Bewegung die altbekannten Probleme von neuem auslösen könnte. Die Adduktoren eines Goalies werden vor allem beim seitlichen Verschieben und bei Reflexen am Boden, etwa im Spagat, ­belastet. «Wenn im Training zwei auf dich zustürmen und einer den schnellen Querpass macht, versuche ich den Abschluss vielleicht mal nur mit dem Stock abzuwehren», sagt Flüeler. «Aber im Match mache ich alles dafür, dass ich den Puck stoppe. Auch Be­wegungen, die ich nicht kontrolliere. Diese Belastungen kann ich im Training nicht simulieren.»

Flüeler kann erst wieder in den ­Matchalltag eingreifen, wenn er Sicherheit gefunden hat, wenn er auf dem Eis nicht mehr daran denkt, was passieren könnte. In den letzten drei Saisons hat er wegen Verletzungen 55 Spiele, also über ein Drittel der Qualifikations­partien verpasst. Doch im Playoff war er stets zurück: «Das macht Mut.»

Sein Lob für Schlegel

Dass in seiner Abwesenheit der 21-jährige Niklas Schlegel starke Leistungen zeigte und dass der Emporkömmling ihn ­sogar dauerhaft verdrängen könnte, beschäftigt Flüeler hingegen nicht. «Druck gibt es immer», sagt er. «Früher als ich der Nachfolger von Ari Sulander werden sollte. Dann als ich zur Nummer 1 wurde. Und auch jetzt. Es ist eine gesunde Situation.» Vielmehr lobt er Schlegel, der lange unterschätzt worden sei und sich seinen neuen Status verdient habe. Auch wegen Flüelers Anfälligkeit verlängerten die ­Lions mit ihm um ein weiteres Jahr.

Flüeler fehlt der Rhythmus in seinem Leben, den die Partien vorgeben; das Gefühl, gebraucht zu werden. Am meisten vermisst er den Moment nach einem siegreichen Match in der Garderobe: «Wenn du verschwitzt in die Runde blickst. Der Captain legt einen tollen Song ein. Du bist erschöpft, aber du spürst die Genugtuung, etwas geleistet zu haben.» Auf diesen Moment arbeitet er seit September hin. Er kann nicht früh genug kommen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.01.2016, 23:38 Uhr

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