«Sport ist undankbar. Das war mir von Anfang an bewusst»

Unternehmer Hans-Ulrich Lehmann, seit acht Monaten Besitzer des EHC Kloten, bekämpft falsche Erwartungen und will weiter radikal sparen.

Nie um eine prägnante Aussage verlegen: Kloten-Präsident Hans-Ulrich Lehmann (57).

Nie um eine prägnante Aussage verlegen: Kloten-Präsident Hans-Ulrich Lehmann (57).

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Das Jahr hat zwiespältig begonnen für Hans-Ulrich Lehmann. Am 1. Januar brach er sich beim Skifahren das Schlüsselbein, dafür konnte sein EHC Kloten nach acht Niederlagen in Serie im Derby gegen die ZSC Lions einen 3:1-Heimsieg feiern.

Wenn Sie sich in den April 2016 zurückversetzen: Würden Sie den EHC Kloten noch einmal übernehmen?
Ich habe nicht das Gefühl, ich hätte einen Blödsinn gemacht. Wir sind gut gestartet, jetzt haben wir eine schwierige Zeit: Das ist Sport. Ich mache meinen Leuten nur einen Vorwurf, wenn kein Engagement da ist, kein Herzblut – denn für das sind sie bezahlt.

Wie ist Ihr Kontakt mit den Fans?
Ich hatte noch keinen einzigen negativen Fankontakt. Dass der eine oder andere einen gut gemeinten Tipp gibt, ist normal.

In Internetforen kann man Beiträge lesen wie: «Was will Lehmann? Dass nächste Saison niemand mehr in die Swiss-Arena kommt? Von den Spielerlöhnen sprechen wir gar nicht erst. Schon klar, gehen die Besten!» Oder: «Gerüchten zufolge plant Lehmann bewusst den Abstieg in die NLB, da es dort weniger Ausländer hat.» Solche Dinge hören Sie nie?
Nein. Ich lese keine Internetforen und auch nicht allzu viel Zeitung. Gesagt hat mir das noch niemand.

Aber Sie können die Unruhe verstehen?
Natürlich, aber ich bin kein Fan. Ich bin emotional nicht so nah am Sport, dass bei mir die Welt zusammenbricht, wenn wir verlieren.

Und es ist auch nicht Ihr Plan abzusteigen?
Man kann mir ja alles unterstellen. Nein: Unser Plan ist, ins Playoff zu kommen. Doch unser Plan ist nicht mehr wie früher, um den Meistertitel zu spielen.

Sind Fans diesbezüglich schizophren? Sie sind dankbar für den Weiterbestand des Clubs – und fordern nun schon wieder Investitionen?
Es ist falsch, Dankbarkeit zu erwarten. Wenn Sie so an die Sache herangehen, werden Sie immer verlieren. Sport ist undankbar. Das war mir von Anfang an bewusst. Und als ich sagte: Wenn es nicht reicht, steigen wir auch ab, habe ich es genau so gemeint. Priorität hat das Finanzielle, Priorität zwei das Sportliche. Wenn Sie diese Prioritäten tauschen, haben Sie innert Kürze wieder ein paar Millionen Schulden. Von denen, die in den Foren schreiben, bezahlt mir keiner die Rechnungen.

Könnte man sagen, Sie wollten die Kloten-Fans neu erziehen?
Ich weiss nicht, ob das möglich ist. Aber sie müssen sich einfach mit neuen Gegebenheiten abfinden. Die Zeit, als Kloten in den Final stürmte, war toll, hat aber auch viel Geld gekostet.

Im Gegensatz zu Ihren anderen Geschäften haben Sie beim EHC Gönner, Fans und Medien, die mitreden. War das eine Umstellung?
Ja. Die Öffentlichkeit ist wahrscheinlich das, was mich am meisten auf dem linken Fuss erwischt hat. Wenn irgendein Spieler furzt, interessiert das schon. Der grosse Unterschied sind die Emotionen – die haben Sie in einer Firma viel weniger.

Konnten Sie von Ihren Vorgängern etwas lernen?
Ich will eigentlich gar nicht über meine Vorgänger sprechen. Sie haben es auf ihre Weise gemacht, ich mache es anders.

Was für Eigenschaften braucht ein guter Chef? Muss er konsequent sein, sogar stur?
Stur trifft es nicht schlecht – man muss die Dinge manchmal überzeichnen. Ich habe eine gewisse Sturheit, damit wir die Kosten im Griff behalten.

Was war Ihre erste Reaktion, als Sie hörten, dass der langjährige Center Tommi Santala weg wollte?
Ich war enttäuscht. Nur eine Woche vorher hatten wir noch über eine Vertragsverlängerung gesprochen. Da sagte er kein Wort von einem Wechselwunsch.

Vielleicht hat er von Ihnen ein Salär gehört, das ihm nicht gefiel.
Das ist ja legitim. Wenns ums Geld geht, mache ich ihm keine Vorwürfe. Aber hier geht es mehr um moralische Aspekte: Mich stört, dass er nicht offen war. Denn das Ganze war ja von langer Hand geplant, die Flüge waren schon gebucht.

Sie sparen jetzt seinen Lohn und haben auch noch eine hohe Ablöse kassiert. Was passiert mit dem Geld?
Das wird selbstverständlich eingesetzt, ich mache keine Ferien damit. Das Geld fliesst zur Gänze wieder in den Sport – aber nicht einfach, um eine x-beliebige Lösung zu haben.

Könnte es auch sein, dass Sie noch Spieler von anderen NLA-Clubs ausleihen?
Ja, klar. Es ist ein offenes Geheimnis, dass ich mit dem ZSC gerne enger zusammenarbeiten würde. Es bringt doch nichts, wenn wir auf dem Platz Zürich aufeinander losgehen. Da muss ich auch noch mal mit Walter Frey (dem ZSC-Präsidenten, die Red.) sprechen, denn der ZSC gehörte ja zu den Kostentreibern der Liga.

Ist es nicht das Wesen des Sports, dass man auch beim Budget ans Maximum geht?
Konkurrenz muss sein, ja. Aber wenn es so läuft wie heute, machen wir unsere Liga kaputt. Wenn es am Ende eine Zweiklassengesellschaft mit drei, vier Top-Clubs gibt und unten alle wegfallen, ist der Sache nicht gedient. Wir haben ja ein Produkt Eishockey, das den Clubs gehört. Da müssten wir uns zuerst einmal überlegen: Wo wollen wir hin?

Der neue TV-Vertrag bringt dem Schweizer Eishockey bis 2022 total 177 Millionen Franken, der Verteilschlüssel wird derzeit diskutiert...
Das Geld gehört den Clubs. Erledigt.

Sehen die Leute vom Verband das auch so?
Mittlerweile schon, glaube ich. Da sitzen wir als Clubs am längeren Hebel. Aber alle Verbände sind zu teuer, nicht nur der Eishockeyverband. Das sind Funktionäre, die viel zu viel Kohle verdienen und nichts leisten. Das ist leider so. Die haben eine übergeordnete Funktion und können nicht zur Verantwortung gezogen werden. Bei uns können Sie alle zur Verantwortung ziehen: Wir müssen unsere Rechnungen zahlen. Und da ist es mir schon ein Anliegen, dass die Clubs wieder einmal über die Lohnkosten sprechen.

Sollte da nicht freier Wettbewerb herrschen?
Ich habe kein Problem damit, wenn die Aushängeschilder viel verdienen. Die bringen auch Mehrwert und Publikum. Aber wenn ein Durchschnittsspieler 300'000, 400'000 Franken verdient, versteht das kein normaler Mensch. Und wir sind den Zuschauern auch Rechenschaft schuldig. Jedem, der 50 Franken für ein Ticket bezahlt und für 4500 Franken pro Monat arbeiten geht. Da haben wir als Clubchefs eine Verantwortung. In keinem normalen Beruf bekommt man einfach so 200'000. Und im Eishockey gibt es 25-Jährige, die ihrem Hobby frönen und das Doppelte verdienen. Darüber muss man mal reden.

Glauben Sie, teamintern sei es ein Problem, dass Denis Hollenstein viel mehr verdient als die anderen?
Das stimmt einfach nicht. Er hat wie die meisten im Team letzten Sommer auf zehn Prozent Lohn verzichtet.

Können Sie gute Ausländer zu den aktuellen, relativ tiefen Salären überhaupt halten?
Das ist Verhandlungssache, aber klar wird es schwierig. Mit Shore und Sanguinetti hatten wir eine glückliche Hand, doch wenn sie anderswo mehr verdienen, muss man sie halt ziehen lassen. Wir in Kloten sind nicht mehr die, die einfach zu allem Ja sagen. Wir können auch Nein sagen.

2015/16 kamen im Schnitt 4790 Zuschauer, dieses Saison sind es 5190. Hatten Sie sich mehr Zuwachs erhofft?
Klar, wir haben Platz für 7600. Natürlich wäre es schön, wenn es voll wäre. Ich weiss nicht, woran es liegt. Ob wir schlecht oder gut gespielt haben, hatte interessanterweise kaum Auswirkungen. Für mich ist das alles noch neu. Anderseits sind wir auf der Ertragsseite beim Sponsoring und bei den Gönnerbeiträgen weit über dem Vorjahr...

... aber auch dank einmaliger Beiträge, oder?
Auch wenn man die herausrechnet, sind wir drüber. Und das in einem Umfeld, dass diesbezüglich relativ schwierig ist.

Sie wollen gegenüber dem Vorjahr gut 7 Millionen Franken einsparen. Wie soll das gehen?
Wenn es so weiterläuft, werden wir unser Ziel um 1 Million verpassen. Das sind die rund 1000 Zuschauer, die uns pro Match fehlen. Und wenn es am Ende 1 Million weniger ist, dann ist es halt so. Aber im Vergleich zu den 7,6 Millionen Defizit des Vorjahres ist es immer noch eine Wahnsinnsleistung.

Allein mit Salärkürzungen von 10 Prozent kann das aber kaum aufgehen...
Manche Spieler mussten mehr als 10 Prozent hergeben. Auch das Personal auf der Geschäftsstelle: Jeder musste bluten.

Fehlen da nicht immer noch ein paar Millionen?
Es ist eine Herkulesaufgabe, das stimmt. Aber bis jetzt habe ich keinen Stutz in diesen Club investiert.

Das wäre unsere nächste Frage gewesen...
Ich werde Ende Saison, falls es nicht ganz reicht, das Defizit begleichen. Aber das Einzige, was ich bisher bezahlt habe, waren die Catering-Rechte im Herbst und 700'000 Franken für die Erhöhung des Aktienkapitals.

Profitieren von Ihrem Engagement beim EHC auch Ihre anderen Geschäftsfelder
Das Hotel Riverside nicht. Wenn jetzt in Stettbach die Samsung Hall aufgeht, könnten Synergien entstehen, was das Personal angeht, die Küche. Dort habe ich für 5000 Leute Kapazität, hier für 7000.

Kongresshotel, Eventhalle, Sportclub: Strebten Sie diesen Tanz auf vielen Hochzeiten an?
Ganz und gar nicht. Es war etwas gar viel 2016. Ich suchte die Samsung Hall und den EHC nicht, beide Projekte wurde an mich herangetragen. Und ich konnte nicht ablehnen. Das ist mein Naturell: Wenn ich A sage, sage ich schon auch B.

Wie viel Zeit wenden Sie pro Woche für den EHC Kloten auf?
Einen Tag, 20 Prozent.

Ist das so viel, wie Sie veranschlagt haben?
Zuerst dachte ich, ich könnte das so nebenbei erledigen. Aber so geht es schon nicht. Ich kann ja schlecht die Kommandobrücke verlassen, wenn es nicht so läuft.

(SonntagsZeitung) (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.01.2017, 16:02 Uhr

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