Sport

«Coaching ist keine Wissenschaft, eher eine Kunstform»

Von Simon Graf, Kent Ruhnke und Werner Schweizer. Aktualisiert am 23.04.2009

Im jungen WM-Team der USA ist der Trainer der Star: Ron Wilson hat eine riesige Erfahrung und mag nichts hören von Druck - ein Herzchirurg denke auch nicht daran.

Ist nach 1173 NHL-Spielen der Coach mit den siebtmeisten Spielen und Siegen: Ron Wilson.

Ist nach 1173 NHL-Spielen der Coach mit den siebtmeisten Spielen und Siegen: Ron Wilson.
Bild: Keystone

Ron Wilson

Geboren am 28. Mai 1955 in Windsor, Ontario (Ka)
Verheiratet mit Maureen, Töchter Kristen (29) und Lauren (24)
Stationen als Spieler
1975 von Toronto als Nr. 132 gedraftet
77-80 Toronto 81-86 Davos
80-81 Kloten 86-88 Minnesota

Grösste Erfolge
84 und 85 Meister mit dem HCD
85 NLA-Topskorer mit 101 Punkten

Stationen als Trainer
1989 für 80 Tage beim HC Davos
93-97 Anaheim 02-08 San Jose
97-02 Washington ab 08 Toronto

Grösste Erfolge
1996 World-Cup-Sieger mit den USA
1996 WM-Bronze mit den USA
1998 NHL-Final mit Washington
2-mal Wahl zum besten NHL- Coach

Der Amerikaner war als Offensivverteidiger in der ersten Hälfte der 80er-Jahre bei Kloten und Davos eine überragende Figur auf Schweizer Eis, Torschützenkönig und Meister. Nun ist er 56 und nach 20 Jahren erstmals zurück: Als WM- Coach der USA, mit denen er 1996 den World Cup gewann - und als Coach mit den siebtmeisten Spielen und Siegen in der NHL-Geschichte (derzeit bei Toronto).


Ron Wilson, Sie sind einer der erfolgreichsten NHL-Coaches geworden. Haben Ihnen dabei Ihre Schweizer Erfahrungen geholfen?
Absolut. Es hat mir sehr viel gebracht, hier eine andere Kultur und Coaches mit verschiedenen Nationalitäten zu erleben. Ich hatte Kanadier, Amerikaner, Finnen, Schweden. Wenn man von jedem Coach nur ein Ding nimmt, profitiert man viel.

Von wem haben Sie am meisten profitiert?
Dan Hobér war technisch der beste Trainer, den ich hatte, menschlich nicht unbedingt. Und ich coachte in Davos ja schon parallel das Juniorenteam, lernte da bereits, was funktioniert und was nicht. Meine Erfahrung hier war unbezahlbar. Ich lernte das europäische Eishockey kennen. Und inzwischen ist die NHL ja eine globale Liga geworden. Wir haben 50 Russen, 50 Tschechen, 65 Schweden, viele Finnen, die besten Goalies kommen aus Europa. Hiller zum Beispiel. Wenn man in Europa gelebt hat, versteht man besser, welche Probleme ein Europäer hat, wenn er nach Nordamerika kommt.

Wieso?
Weil man sich in ihn einfühlen kann. In meinem ersten Schweizer Jahr verstand ich kein Wort Schweizerdeutsch. Ich lernte Hochdeutsch und verstand im Bus trotzdem nicht, was die anderen sagten. Wenn nun bei uns jemand einem Europäer vorwirft, er versuche nicht einmal, Englisch zu sprechen, sage ich: Hast du jemals versucht, Russisch zu sprechen? Oder Tschechisch? Kannst du dir vorstellen, alleine in Europa zu sein? Für einige ist das eine grosse Umstellung. Ich habe gelernt, toleranter zu sein. Ich bin der einzige Coach in der NHL, der lange in Europa gespielt hat. Das hilft mir.

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an die Schweiz denken? Davos?
Oh ja. Ich verfolge die Resultate des HCD immer noch auf dem Internet. Als die Davoser das sechste Finalspiel in Overtime verloren hatten, dachte ich, sie hätten ihre Chance verspielt. Aber sie kamen nochmals zurück. In San Jose war ich jeweils durch die Verlobte von Joe Thornton, die ja aus Davos ist, auf dem Laufenden. Wer was tut. Jacques Soguel. Richi Bucher. Einmal, zweimal pro Jahr unterhalte ich mich mit Daniele Paganini. Er redet Schweizerdeutsch, und ich sage ihm, wenn er langsamer sprechen muss. Wenn man zusammen in einem Team war, hat man eine spezielle Verbindung. Und wenn man sich nach langem wieder sieht, versteht man sich sofort. Man kann über Dinge lachen, die Aussenstehende nicht verstehen.

Können Sie sich noch an Ihren Punkterekord als Torschützenkönig in Davos erinnern?
(lacht) Ich werde gerne ab und zu daran erinnert. Zu Joe Thornton sagte ich: Wie viele Punkte hast du gemacht, 60? Ich hatte 101. Ich wurde bezahlt, um zu skoren. Das tat ich.

Wären Sie überhaupt je in die Schweiz gekommen, wenn damals schon die Nulltoleranz gegolten hätte?
Wahrscheinlich nicht. Es ist ein ganz anderer Sport geworden. Kleinere Spieler können darin nun gut funktionieren. Ich habe hier an der WM mit den USA zwei Verteidiger, die eine ähnliche Statur haben wie ich: Keith Ballard und John-Michael Liles. Und die sind erfolgreich in der NHL. Zu meiner Zeit wären sie nach Europa gekommen. Aber ich bedaure nichts. Ich kam ursprünglich für ein Jahr nach Kloten und blieb fünf, sechs Jahre in der Schweiz. Ich habe hier viele spannende Menschen kennen gelernt.

Wie hat sich das Schweizer Eishockey seitdem verändert?
Es hat sich enorm entwickelt. Als ich in der Schweiz spielte, waren in der Skorerliste keine Schweizer vorne dabei. Vielleicht Guido Lindemann oder Giovanni Conte. Heute können die Schweizer sogar die erste Linie bilden. Und ich finde, es ist Zeit für einige Schweizer Stürmer, es in der NHL zu probieren. Wenn man rüberkommt und die NHL nicht schafft, ist das immerhin eine Erfahrung. Das macht einen stärker als Persönlichkeit. Man muss es versuchen, sonst kann man es nie schaffen. Die Schweizer Skifahrer begnügen sich ja auch nicht mit dem Titel des Schweizer Meisters.

Was trauen Sie den Schweizern an der Weltmeisterschaft zu? Können sie es über die Viertelfinals hinaus schaffen?
Schwer zu sagen. Mir gefällt ihr Speed. Und sie sind etwas kräftiger als früher. Das war immer die grösste Schwäche. Sie scheinen auch keine Angst mehr zu haben. Und Mark Streit hat einen unglaublichen Schuss. Aber unser Testspiel, das 2:5 ist kein verlässlicher Indikator für die Stärke der Schweizer. Wir waren nach dem ersten Drittel todmüde.

Die USA haben schon mehrmals die U-18-WM gewonnen, auch diesmal. Aber auf dem Topniveau scheinen die Amerikaner keine Superstars mehr zu produzieren. Wieso?
Wir haben ein grosses Loch. Als wir 1996 den World Cup gewannen, war das unser bestes Team aller Zeiten mit sechs oder sieben Spielern für die Hall of Fame. Aber bis zur nächsten Generation klaffte ein Loch. Unsere guten Spieler sind nun 22, 23 Jahre alt. Das heisst, dass wir erst in ein paar Jahren auf dem Höhepunkt sind. Patrick Kane wird einst unser bester Spieler werden, er ist erst 20. Das heisst aber nicht, dass wir nicht ein internationales Turnier gewinnen könnten. Im K.-o.-Modus ist alles möglich. Zumal wir mit Tim Thomas, Ryan Miller und Rick Di Pietro ausgezeichnete Goalies haben. Die sind allerdings an der WM nicht dabei. Die WM gibt nun jungen Spielern Erfahrungen, die ihnen nützen werden. Was Sie am Dienstag im ersten Drittel gesehen haben, war die Spitze des Eisbergs: Wir haben sehr viele schnelle Spieler. Wir werden ein schnelles, unerfahrenes Team haben. An der WM wie auch nächstes Jahr an den Olympischen Spielen.

Nur sechs Coaches haben noch mehr NHL-Spiele gewonnen als Sie. Was macht einen guten Coach aus?
Das Wichtigste für einen NHL-Coach ist, die Spieler zu motivieren und die richtigen Kombinationen zu finden. Das ist ein Bauchgefühl. Ich glaube, die europäischen Coaches haben eher einen wissenschaftlichen Ansatz. Sie sehen die Spieler nicht so sehr als Menschen, sondern als Roboter. Sie denken: Das System gewinnt. Aber das stimmt nicht. Systeme gewinnen nicht, die Spieler gewinnen. Natürlich spielen sie innerhalb eines gewissen Systems, aber das Spiel gehört den Spielern. Und die richtigen Spieler zusammenzubringen, damit sie besser werden, ist keine Wissenschaft, sondern eher eine Kunstform. So gesehen sind wir Künstler. Zudem ist es wichtig, Erwartungen managen.

Wessen Erwartungen?
Jene der Spieler, des Teams, aber auch die Erwartungen der Fans. Indem man die Erwartungen gut managt und Druck von den Spielern wegnimmt, ermöglicht man es ihnen zu wachsen. Als Coach muss man den Druck auf sich nehmen.

Und wie ertragen Sie diesen Druck?
Ich bin nun seit 16 Jahren NHL-Headcoach. Wenn du das, was Druck genannt wird, nicht erträgst, hält du es nie so lange aus. Man gewöhnt sich daran. Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Wenn man einen Herzchirurgen fragt, wie er seinen Druck erträgt, stutzt er zuerst. Denn daran denkt er gar nicht. Wenn man etwas gelernt hat, dann tut man es einfach. Den Rest blendet man aus. Je länger man dabei ist, desto besser gelingt das einem. Und wenn man zum ersten Mal gefeuert wurde, ist es danach sowieso einfacher. Zuerst fühlt man sich wie ein totaler Versager. Aber wenn zwei Tage später drei Teams anrufen und dich wollen, realisierst du: Das ist einfach Teil des Spiels. Man bleibt bei einem Klub fünf, sechs Jahre, dann ist es besser für dich und die Spieler, dass du weiterziehst. Es gibt nicht unbeschränkt Wege, um die gleiche Message rüberzubringen.

Sie gelten als Technikfreak. Wie muss man sich das vorstellen?
Ich digitalisiere alles. Letztmals an einer Weltmeisterschaft coachte ich 1996 in Wien. Damals gewannen wir mit einem schlechten Team eine Bronzemedaille. Joe Sacco, einer meiner Assistenten hier, fragte mich, wer damals dabei war. Ich hatte sofort die Aufstellung, die Strategie zur Hand. Ich habe Informationen über jedes Spiel, das ich je gecoacht habe. Schon seit 1993, als ich bei den Ducks begann. Ich sammele alle möglichen Informationen, speichere jedes Penaltyschiessen, welche Tricks die Spieler probieren, welche Dinge die Schiedsrichter pfeifen, welche Schiedsrichter ich nicht gern habe.

Wozu sind all diese Informationen gut?
Ich brauche die vielen Informationen, um mein Bauchgefühl zu stützen. Und wenn mich ein Spieler herausfordert, wenn er zu mir kommt und sagt, ich sei nicht fair mit ihm, weil ich ihn persönlich nicht möge, denn schlage ich ihm Zahlen um den Kopf, wieso er nicht so oft spielt. Mir ist egal, woher jemand kommt, was er denkt. Zahlen lügen nicht.

Seit diesem Winter sind Sie in Toronto. Ist das anders als in den anderen Städten, in denen Sie gecoacht haben?
Der grosse Unterschied ist die unglaubliche Aufmerksamkeit, die wir erfahren. Überall ausser in den kanadischen Städten spricht man täglich mit etwa zwei Journalisten fünf Minuten, das ist es. In Toronto sind es täglich 25 Minuten mit zehn Kameras, es ist wie eine tägliche Pressekonferenz des Präsidenten. Und jedes Wort kann missverstanden werden und eine grosse Story provozieren. In Toronto muss man einfach über die Leafs informiert sein, sonst gehört man nicht dazu. Es ist wie eine Religion. Es ist vielleicht vergleichbar mit Fussball in Deutschland. Oder in England.

Obschon die Leafs sportlich zuletzt wenig Erfolg hatten, floriert das Unternehmen. Ist der Erfolg überhaupt wichtig?
Natürlich. Unser Job ist es ja, dieses Team besser zu machen. Es ist ein Prozess. Und der wird zwei, drei Jahre dauern. Aber es ist nicht so einfach, ein Team umzukrempeln. Zumal uns durch die Salärbeschränkung die Hände gebunden sind. Und was in Toronto erstaunlich war: Trotz der grossen Aufmerksamkeit der Medien war es ein recht angenehmer Ort, ein Spieler zu sein. Wer das Leafs-Trikot trägt, geniesst ein hohes Ansehen. Und es ist der Fehler der Coaches oder des Managements, wenn sie nicht gewinnen. Wenn mittelmässige Spieler verehrt werden und denken, sie seien gut und müssten nicht mehr so hart arbeiten, dann ist das problematisch. Ich versuche nun, unsere Kultur zu verändern.

Macht es mehr Spass in einer eishockeyverrückten Stadt wie Toronto zu coachen als in San Jose oder Washington?
Wenn man gewinnt, ja. Dann ist jeder so aufgeregt. Montreal und Toronto sind die schönsten Orte, wenn man gewinnt. Wenn man viel verliert, sind es die schlimmsten Orte. Dieses erste Jahr war nicht so schlimm, weil die Leute verstanden, dass wir jung sind und hart arbeiteten. Meine Botschaft kam an. Es ist wie mit dem neuen Präsidenten: Barack Obama hat eine neue Message. Und manchmal ist die Message fast wichtiger als das, was tatsächlich passiert. Die Dinge mögen nicht besser sein, aber wenn man denkt, es sei besser und Hoffnung hat, fühlt man sich besser. Und früher oder später kommen die Resultate.

Sie haben einen Vierjahres-Vertrag in Toronto. Haben Sie einen Plan?
Im ersten Jahr ging es darum, die Gewohnheiten zu verändern, eine bessere Leistungskultur einzuführen. Ich sagte den Spielern: Ihr passt euch mir an, nicht umgekehrt. Nächstes Jahr werden wir versuchen, das Playoff zu erreichen. Mit besseren Goalies wäre uns das schon diesmal gelungen. Toskala hatte ein schlechtes Jahr, Joseph ist 42. Danach wollen wir so weit kommen, um eine Playoff-Runde zu gewinnen. Im vierten Jahr möchte ich mit den Leafs ein Titelanwärter sein.

Hat Martin Gerber eine Chance auf einen neuen Vertrag bei den Leafs?
Grundsätzlich schon. Aber wir versuchen, Jonas Gustavsson (vom schwedischen Meister Färjestad, die Red.) zu holen. Wenn das gelingt, kann Martin nicht bleiben. Sonst hat er eine Chance. Aber auf jeden Fall muss er eine grosse Salärreduktion hinnehmen. Denn er wird nun als Nummer 2 angesehen, nicht mehr als Nummer 1. Er verdiente vier Millionen Dollar, jetzt muss er froh sein, noch eine Million zu bekommen. Aber ist ein guter Typ. Und er will unbedingt gegen die Besten spielen, das spricht für ihn.

Er spielte gut in Toronto, nicht?
Ja, das stimmt. Aber er leistete sich einen gewaltigen Fauxpas. Als ihn die Journalisten fragten, ob er mich kenne, sagte er: Oh ja, ich sah ihn in der Schweiz spielen, als ich fünf war. Ich sagte zu ihm: Stimmt nicht, du warst sieben bis zwölf, als ich in der Schweiz war. Er gab zurück: Stimmt, aber ich fand das lustig. Ich sagte: Ja, lustig für alle ausser mir. Deshalb zog ich ihn täglich auf, weil er aus Langnau ist. Das gefiel ihm nicht. Er sagte mir übrigens: Es ist immer noch die gleiche Halle in Langnau, der Metzger ist immer noch dort, unglaublich.

Waren Sie jemals zurück für Ferien in der Schweiz?
Nein, war ich nicht. Ich war exakt vor 20 Jahren zum letzten Mal hier. Im März vor 20 Jahren. Ich war an ein paar WM, aber ich reise während der Saison so viel, dass ich im Sommer nicht wieder ein Flugzeug besteigen will. Ich würde sehr gerne einmal wieder den Spengler-Cup besuchen. Einfach Zuschauer sein und Spass haben. Es gibt nichts Besseres als den Spengler-Cup, das ist ein Hockey-Festival.

Sie tönen wie Andy Murray.
Mag sein. Aber es stimmt. Ich würde gerne mit meiner Familie kommen und eine Woche während des Spengler-Cups in Davos verbringen, Skifahren, in alle Festzelte gehen, Spass haben, die alten Freunde besuchen und über die alten Tage reden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2009, 09:49 Uhr

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Programm & Resultate

Freundschaftsspiel
EndeSpanien - Serbien2:0
EndeSchweiz - Deutschland5:3
EndeNorwegen - England0:1
Playoff
EndeSion - Aarau3:0
Stand: 26.05.2012 20:56
Brussels Ladies Open
26.05EndeRadwanska - Halep7:5 6:0
Stand: 26.05.2012 17:02
GP Monaco 2012 - Qualifikation
1:14.3011 Michael Schumacher
1:14.3812 Mark Webber
1:14.4483 Nico Rosberg
Stand: 27.05.2012 14:24
Keine Daten vorhanden
Keine Daten vorhanden
Roland Garros
27.05Live Cipolla - Wawrinka3:6 3:6 3:1
Stand: 27.05.2012 14:22
Keine Daten vorhanden
Keine Daten vorhanden
Playoff
17:00Aarau - Sion
Stand: 25.05.2012 09:25
Roland Garros WTA
28.0511:00Radwanska - Jovanovski
Roland Garros
28.0511:00Bolelli - Nadal
28.0511:00Djokovic - Starace
28.0511:00Federer - Kamke
Stand: 25.05.2012 15:24
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