Vor dem Matterhorn sind alle gleich

Der 16. Zermatt Marathon ist hart und fasziniert nicht nur die Schnellsten. Auch der älteste Teilnehmer (82) schwärmt und gönnt sich danach ein Fünf-Gänge-Menü.

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Der Berg ruft. Und wer kann dieser Schönheit, die majestätisch über Zermatt thront, die millionenfach fotografiert wird, schon widerstehen? Wer will ihr eine Absage erteilen, der liebend gern in die Höhe rennt?

Also reisen sie in Scharen an, aus ­allen Ecken der Schweiz, aus dem Ausland, über 2600 haben sich eingeschrieben. Die einen, um mit dem Halbmarathon von Zermatt auf den Riffelberg das Light-Programm zu bewältigen. Die ­anderen, um in St. Niklaus auf 1116 Metern zu starten und nach 42,195 Kilometern auf 2585 Metern das Ziel zu erreichen – und die dritte Gruppe ist die der gänzlich Unersättlichen: Die Ultra-Läufer hängen weitere 3,4 Kilometer bis zum Gornergrat auf 3089 Metern an. Und wer leistet, muss versorgt werden. Unter anderem stehen an den Verpflegungsposten 556 Kilo Bananen, fast 4000 Liter Wasser, 3411 Liter Süss-­getränk, 1000 Liter Bouillon, 4320 Power-Gels und 3300 Linzertörtli bereit.

Wieser sagt: «Sorry, Mustafa»

Es ist Samstag, und zum Start in den Juli strahlt das Matterhorn nicht – es steckt unter einer hartnäckigen Nebelglocke. Die mässigen Temperaturen und der Wind wirken in der Zielregion wie Vorboten des Herbstes, hier sind am Vortag sogar ein paar Schneeflocken ­gefallen. Wer sich aber unten auf den Weg macht, tut das mit einem guten ­Gefühl. «Durchwegs ideale Bedingungen», meldet Rennleiter Martin Schmid und wagt die Prognose: «Alle werden mit einem Lächeln ­ankommen.»

Einer hat es auf der Marathon-Distanz besonders eilig, und als er aus dem Nebel auftaucht, bringt er die letzten Meter beschwingt hinter sich, fast tänzelnd. Der Amerikaner Eric Blake (38) benötigt 3:03:36 Stunden und sieht ­danach aus, als wäre er eben von einem netten Spaziergang zurückgekehrt. Er sagt: «Ich hatte gute Beine, das Rennen war für mich ein Vergnügen.» Über sechs Minuten beträgt sein Vorsprung auf Isaac Kosgei, der aus ­Kenia stammt und für ­Österreich startet.

Und dahinter reiht sich Patrick Wieser ein, der 37-Jährige aus Winterthur. Der dreifache Zermatt-Sieger bringt die Energie auf, um im heftigen Schlussaufstieg das Tempo zu erhöhen und Mustafa Shaban zu überholen. Später klopft Wieser dem Bulgaren auf die Schultern: «Sorry, Mustafa.» Shaban ­lächelt gequält.

Zweifel, Zweifel, Zweifel

Blake, Kosgei, Wieser, Shaban, sie alle vertreten die Spitze wie die italienische Siegerin Ivana Iozzia, die euphorisch ins Mikrofon der Speakerin ruft: «Das ist der schönste Lauf der Welt.» Aber den Gornergrat Zermatt Marathon prägen nicht nur die flinken Gipfelstürmer, sondern auch jene, die einfach vor dem Marathon-Kontrollschluss um 15.45 Uhr oben sein wollen und wissen, dass es mit dem warmen Wasser im Duschzelt möglicherweise knapp wird. Kurz bevor sie das Ziel auf dem Riffelberg ­erreichen, haben sie die letzte happige Herausforderung zu meistern.

Und wie sie das tun. Sie stützen die Arme in die Hüfte oder haben sie vor der Brust verschränkt, sie gehen gebückt oder laufen rückwärts, sie verziehen die Gesichter, die Muskeln schmerzen, der Saft geht aus. Welche wilden Gedanken müssen ihnen durch den Kopf schiessen? ­Warum tue ich mir das bloss an? Oder vielleicht: nie wieder!

Ein Läufer legt einen kurzen Spurt hin und wird mit einem Sonderapplaus ­belohnt. Ein ­Zuschauer bemüht sich, gute Laune zu verbreiten: «Bald ist es ­geschafft! Weit ist es nicht mehr!» Aus dem Pulk antwortet einer: «Ja, ja, das heisst es immer.» ­Gelächter. Eine ­besorgte Helferin fragt ihren Partner: «Getrunken hast du doch, oder?» Natürlich hat er. Oder eben doch nicht?

82 und kein bisschen müde

Als die Sieger auf dem Podest stehen, ­bewegt sich die Endlos-Läuferschlange immer noch den Berg hoch, viele von ­ihnen leiden, aber keiner flucht, weil zur Faszination des Laufs auch ein ­Genussfaktor gehört. Und jeder, der den Wettkampf beendet, darf sich vorkommen wie ein kleiner Sieger. Dafür braucht er nicht einmal die Medaille, die ihm um den Hals gehängt wird.

Einer dieser Sieger heisst Roland Thommen, der in seinem Leben schon über 130-mal einen Marathon bestritten hat – und nun mit 82 Jahren die Ultra-Distanz absolviert. Als der Mann aus Rorschacherberg, der tagtäglich mindestens 75 Minuten rennt, nach etwas mehr als 7:30 Stunden auf dem Gornergrat ankommt, sagt er: «Ich habe nie ein Problem ­gehabt. Ich könnte noch eine Stunde weiterlaufen.» Zur Belohnung gönnt er sich am Abend mit seiner Frau ein Fünfgangmenü.

Nächstes Jahr möchte er wieder starten. Überhaupt kündigen die meisten ihre Rückkehr an – unabhängig von ihrer gelaufenen Zeit und noch so brennenden Oberschenkeln. Und einen kleinen Trost nehmen selbst jene mit dem grössten Rückstand mit nach Hause. Vor dem Matterhorn ist jeder Läufer gleich. Der stolze Berg bleibt für alle den ganzen Tag trotzig versteckt. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.07.2017, 22:22 Uhr

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