Der Fuchs überlistet den Löwen

In einem spektakulären Mailand–Sanremo düpiert Kwiatkowski Favorit Sagan im Sprint.

Michal Kwiatkowski schlägt Peter Sagan (l.) und Julian Alaphilippe (r.).

Michal Kwiatkowski schlägt Peter Sagan (l.) und Julian Alaphilippe (r.). Bild: Keystone

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Das Rennen nähert sich dem Poggio, diesem letzten Hügelchen vor Sanremo, über das sich die Sprinter in den vergangenen Jahren stets erfolgreich ­hinübergemogelt haben. Dann wird es ­Peter Sagan zu bunt. Er tritt an und fährt davon. Der Weltmeister greift an, obwohl er sich doch auf seinen Sprint verlassen könnte. Reaktionen? Kaum. Nur der Franzose Julian Alaphilippe entscheidet sich, Sagan nachzujagen, ebenso Michal Kwiatkowski. Und die versammelte Konkurrenz? Sonny Colbrelli fährt an Sagans Hinterrad, kann dieses aber nicht halten, als der antritt. Und John Degenkolb, der dahinter folgt, entscheidet sich zu pokern, insistiert nicht. Es stellt sich als die falsche Entscheidung heraus.

Plötzlich ist es wieder wie einst. Sagan und Kwiatkowski erleben einen Déjà-vu-Moment. Genau so waren bei den Junioren unzählige ihrer Rennen gelaufen. Vorne fuhren die beiden alleine um den Sieg, die Konkurrenz sah sie nur mehr aus der Distanz. Ein Jahrzehnt ist das nun her. An diesem Samstag ist es nicht anders.

Denkt Kwiatkowski an seinen Sturz, als er hinunterrast?

Wie eigenartig muss das für die beiden sein, nun wieder mit dem altbekannten Konkurrenten vorauszufahren? Fern von der Heimat im Osten Europas. Slowake der eine, Pole der andere. Nun nehmen sie mutig die engen Serpentinen hinunter Richtung Sanremo. Ob Kwiatkowski in jenen Momenten an das Rennen vor zwei Jahren denkt? Auch damals legte er sich kühn in die Kurven. Bis eine doch etwas enger war als erwartet, er landete in einer Schutzmatte. Nun geht alles gut. Auch Alaphilippe hält gut mit. Mit 24 ist er der Jüngste im Trio, steht seinen beiden Konkurrenten bezüglich Ausnahmetalent in nichts nach. Im Gegensatz zum Palmarès. Er kann eine WM-Silbermedaille vorweisen: bei den Junioren im Radquer. Sagan und Kwiatkowski dagegen: teilten die letzten drei Elite-WM-Strassen­titel unter sich auf.

Sie fahren dann auch mit diesem Selbstbewusstsein Richtung Zielgerade. Zweifel sind bei ihnen ­keine auszumachen, derweil Alaphilippe offensichtlich schon jetzt pokert, Kräfte schonen will. Durchaus legitim, hinten im Feld folgt mit Teamkollege Fernando Gaviria der Endschnellste im Starterfeld.

Doch Sagan, dieser Löwe von einem Fahrer, und Kwiatkowski, der Fuchs, geben den anderen keine zweite Chance. Erstmals nach 2012 erreicht wieder eine Fluchtgruppe das Ziel, gibt es in Sanremo keinen Massensprint um den Sieg.

Sagan im gleichen Dilemma wie Cancellara 2012

Vor fünf Jahren war es Fabian Cancellara, der das Tempo im Trio an der Spitze bestimmte, fast alleine das nachjagende Feld auf Distanz hielt. Nun ist die Rolle an Sagan übergegangen. Damals wurde Cancellara auf der Ziellinie noch von Simon Gerrans übertrumpft. Das wird Sagan, dem ungleich besseren Sprinter, aber kaum passieren . . . Er eröffnet den Sprint, schaut schon fast wie der Sieger aus . . . Bis ihn Kwiatkowski doch noch abfängt, sein Timing beim Schlussspurt ist noch etwas besser, keine halbe Radlänge schiebt er sein Vorderrad vor Sagans über die Ziellinie. So nüchtern, wie er auf dem Rad agiert, kommentiert er später auch seinen Coup: «Ich denke, das war der Sprint meines Lebens.»

Der besiegte Favorit? Schüttelt seinem altbekannten Rivalen sogleich die Hand. Seit die beiden bei den Profis aufeinandertreffen, ist es für ihn zum leidigen Ritual geworden. 2014 liess ihn Kwiatkowski hinauf zur Piazza del Campo stehen, gewann so die Strade Bianche. Voriges Jahr sprintete er in Belgien erfolgreicher, gewann den E3 Harelbeke, die «kleine Flandernrundfahrt», vor Sagan.

Ein Instinktentscheid macht alle zufrieden

Der gibt sich auch nach dem Hand­shake souverän, später bei der Einschätzung dieses Rennens, das spektakulär war wie schon lange nicht mehr. «Meine Attacke? Das war ein Instinktentscheid. Dann ­kamen die anderen beiden mit – und zusammen kreierten wir ein wirklich ausserordentliches Finale. Ich glaube, ein Spektakel wie dieses ist wichtig für den Radsport, für seine Fans – so sind alle zufrieden.»

Ebenso darf auch er vorwärtsschauen. Nächste Woche beginnen die Kopfsteinpflaster-Rennen in Belgien, wo er seine Rohkraft noch viel wirkungsvoller wird einsetzen können. Und vor allem: wo weder Kwiatkowski noch Alaphilippe antreten wird. Die beiden bevorzugen die hügligen Klassiker in den Ardennen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.03.2017, 22:06 Uhr

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