«Der Mensch Federer hat den Spieler Federer im Griff»

Pierre Paganini, seit zehn Jahren persönlicher Konditionstrainer und Berater des weltbesten Tennisspielers, sagt, der Athlet Federer werde unterschätzt. Er ist überzeugt, dass Federer auch ein Top-Fussballer geworden wäre.

Pierre Paganini (links) über seine Beziehung zur Nummer 1: «Federer braucht Leute, die genug stark sind, ihm zu sagen, was sie denken. Ich bin einer davon...

Pierre Paganini (links) über seine Beziehung zur Nummer 1: «Federer braucht Leute, die genug stark sind, ihm zu sagen, was sie denken. Ich bin einer davon...
Bild: Keystone

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Die Geige mit dem Medizinball getauscht

Federers Konditionstrainer stammt aus einer Musikerfamilie, wohnt in Zermatt und Dubai - und hält sich am liebsten im Hintergrund. In den zehn Jahren, in denen Pierre Paganini auf privater Basis schon für Roger Federer arbeitet, hat er erst wenige grössere Interviews gegeben. Trainer, die sich in der Öffentlichkeit produzieren, sind ihm selber ein Gräuel. Er stört sich daran, dass man von vielen Fussballteams nur vom Trainer und kaum von den Spielern spricht. «Ich will nicht, dass man mich gegenüber Roger in den Vordergrund stellt», sagt der 52-jährige Westschweizer, der auch perfekt Schweizerdeutsch spricht. So weiss denn noch heute kaum einer, dass er in Zürich zur Welt kam. Dass er einige Jahre in Glattbrugg lebte. Dass seine Mutter Maria 30 Jahre lang Universitätslehrerin in den USA und sein Vater Rôë Pianist und in den 60er-Jahren mitverantwortlich dafür war, dass in den Schweizer Schulen Musikunterricht eingeführt wurde.

16 Jahre habe er selber Musik gemacht, «dann tauschte ich mit 20 die Geige mit dem Medizinball», sagt der glatzköpfige, sportlich immer noch topfite Romand. Schon als Kind fühlte er sich zum Sport und seinem späteren Beruf hingezogen. «Ich erinnere mich daran, wie wir 1970 erstmals an einem Farbfernseher den WM-Final in Mexiko zwischen Brasilien und Italien verfolgten», erzählt er. «Meine Kollegen wollten alle nur wissen, was auf dem Platz passiert. Ich war der Einzige, der schon vor der Partie da sass und sich überlegte: Was machen die eigentlich vorher? Was geht da ab?»

17 Jahre mit Marc Rosset

Paganini spielte Zweit- und Drittligafussball, kommt aber auch aus der Leichtathletik. Diese beiden Sportarten waren seine Spezialfächer bei der Sportlehrerausbildung in Magglingen. In den 80er-Jahren konzentrierte er sich auf Tennis. Während 20 Jahren arbeitete Paganini für Swiss Tennis, zwischen 1991 und 2008 gehörte er er 11 Jahre lang zum Davis-Cup-Team. Zu seinen Klienten zählten etwa die Maleeva-Schwestern und 17 Jahre lang Marc Rosset.

Paganini war Konditionstrainer und administrativer Leiter in Ecublens, als Federer dort 1995 zum Förderprojekt Tennis/Etudes stiess. Im Jahr 2000 verpflichtete ihn Federer auf privater Basis, wie inzwischen auch Stanislas Wawrinka (für 70 Tage im Jahr). Längst hat Paganini eine eigene Trainingsmethode entwickelt mit Übungen, die spezifisch auf das Tennis ausgerichtet sind. Sie ist zu seinem Markenzeichen geworden.

Paganini lebte während seiner Schulzeit im Wallis. Inzwischen pendelt er mit seiner Frau Isabelle, ebenfalls eine Fitnesstrainerin, zwischen seinen Wohnsitzen in Zermatt und Dubai. «Dubai lernte ich durch Roger kennen. Inzwischen würde ich aber auch dort bleiben, wenn ich nicht mehr mit ihm arbeiten würde.» Die Stadt sei eine ideale Basis für seine häufigen Reisen durch Asien oder nach Australien. «Es gibt zwar vieles, das einen in Dubai bestürzt, aber vieles begeistert auch. Man kann einen Katholiken, einen Atheisten und einen Muslim am gleichen Tisch sehen, und es ist normal. 97 Prozent aller Leute dort sind Ausländer.»

«Irgendwie ein Luxus»

Paganini übt seinen Beruf auch nach 25 Jahren noch mit Enthusiasmus aus. «Ich arbeite gerne mit Federer und Wawrinka und möchte damit so lange weiterfahren, wie ich mich nützlich fühle», sagt er. «Irgendwann würde ich mich aber auch gerne wieder mehr um junge Spieler kümmern.» Er weiss, dass er einen Job hat, um den ihn viele beneiden, und betrachtet sich als privilegiert. «Ich kann mit Roger arbeiten, wenn niemand dabei ist. Wir sind ungestört, können frei reden. Irgendwie ist das schon ein Luxus.» (rst.)

Pierre Paganini, kann Roger Federer weitere acht Jahre im Tennis erfolgreich sein? Er sagt, er strebe an, so lange zu spielen wie Andre Agassi, und der trat mit 36 zurück.
Mit 28 oder 30 Jahren geht es noch nicht bergab. Entscheidend ist, dass man die Planung anpasst. Einer mit 850 Matches hinter sich hat nicht mehr den gleich grossen Tank wie einer mit 200. Es liegt nicht nur am Alter, sondern an der Aufteilung: vorbereiten, spielen, erholen. Solange seine Gesundheit gut ist, spricht alles dafür, dass er noch lange dieses Topniveau halten kann. Ich bin überzeugt: Solange er spielt, wird er sehr stark sein.

Erreicht man nicht gewisse Limiten, wenn der Tank kleiner wird?
Man muss einfach einen anderen Weg wählen, damit der Tank wieder voll wird. Und Federers Vorteil ist, dass er so viel Erfahrung auf höchstem Niveau hat. Diese Erfahrung und seine ungebrochene Begeisterung für das Tennis helfen ihm, seine Energie optimal einzusetzen. Auch darin ist er ein Ausnahmekönner.

Dennoch: Mit 35 dürfte auch Federer athletisch nicht mehr so stark und schnell sein wie heute.
Im Tennis kann man mit 35 noch genug schnell sein, wenn man die Karriere richtig geplant und umgesetzt hat. Wenn du das Feuer noch hast, bringst du dafür die Erfahrung, Antizipation und das Trainingsvolumen eines 35-Jährigen mit - und da wird Federer unübertroffen sein. Deshalb sehe ich keinen Unterschied. Jimmy Connors hat bewiesen, dass es geht (Connors war mit 39 Halbfinalist am US Open).

Wie hat sich Federer in den letzten Jahren athletisch entwickelt? Wo steht er jetzt?
Er hat gezeigt, dass er zum ausgewachsenen Athleten geworden ist. Wie als Spieler hat er nun auch als Athlet eine grosse Routine und Erfahrung. Er spürt seinen Körper genau und weiss immer, woran er ist und wie er damit umgehen kann; zum Beispiel wenn er müde ist, was ja zum Alltag eines Tennisspielers gehört. Zudem ist er muskulär noch ausgeglichener geworden. Nach all den Jahren kennt man sich auch besser, weil man die ganze Zeit miteinander spricht und plant. Wir lernen dauernd voneinander und haben viele Erfahrungswerte gesammelt, die wir nun auch benützen müssen.

2008 warf ihn das Drüsenfieber zurück. Wann hatte er diesen Rückschlag aus Ihrer Sicht athletisch wieder aufgeholt?
Im vergangenen Jahr fehlten ihm immer zwei, drei Prozent. Drüsenfieber ist wirklich eine harte Sache. Und dann kamen im Herbst die Rückenschmerzen dazu, das hat auch nicht geholfen. Ich würde sagen: Ab 2009 war er wieder der Alte. Aber es war schon sensationell, wie er sich 2008 durch alles gekämpft hat, obwohl er eingeschränkt war. Das macht auf diesem hohen Niveau einen grossen Unterschied aus und forderte ihn auch mental extrem heraus. 2008 war vom Mentalen her eines seiner besten Jahre.

Dieses Jahr gewann Federer zwei Grand-Slam-Endspiele und verlor die anderen zwei erst im fünften Satz. Hatten diese Niederlagen in Melbourne gegen Nadal und in New York gegen Del Potro auch mit der Athletik zu tun?
Aus meiner Sicht nicht - und das sage ich nicht, um etwas zu beschönigen. Zuerst spielt man einmal Tennis, und das kann man gut oder weniger gut tun. Als Konditionstrainer unterscheide ich, wie du dich bewegst, wie intensiv du dich als Spieler athletisch ausdrücken kannst und wie lange dir das gelingt. Diese drei Parameter sind für mich gleich wichtig, und sie beeinflussen sich gegenseitig. Man kann die Fünfsätzer gegen Nadal in Melbourne und Del Potro in New York auch nicht miteinander vergleichen, denn es war eine ganz andere Art Tennis.

In welcher Hinsicht?
Gegen Nadal zeigte er physisch einen unglaublichen Match. Er war während vier Stunden voll präsent, und das gegen das kräftezehrende Spiel eines Nadal in Bestform. Das ist, wie wenn man eine Fremdsprache spricht: Man braucht mehr Energie. Nach dem Jahr mit dem Drüsenfieber war das sehr positiv. Das war genau der Match, den es gebraucht hatte, um zu sagen: Hey, du bist wieder voll da. Danach hat er in Roland Garros, wo er teilweise mit seinem Tennis kämpfte, bewiesen, dass er in der Lage ist, mehrere Matches über drei oder mehr Stunden zu bewältigen. Man unterschätzt oft die Intensität im heutigen Spitzentennis. In New York merkte man beiden Spielern an, dass sie schon eine lange Saison in den Beinen hatten - wobei man sagen muss, dass Del Potro eine hervorragende Partie gelang.

Wie würden Sie einem Laien Federers Rückenprobleme von Ende 2008 erklären?
Tennis ist eben keine symmetrische Sportart. Irgendwann zeigen sich bei jedem Spieler Abnützungserscheinungen - bei Roger allerdings viel weniger als bei anderen in seinem Alter. Aber wir müssen diesen Punkt respektieren, indem wir uns mehr Zeit geben, mehr vorbeugend arbeiten und uns immer wieder hinterfragen. Anstatt fünf Tage hintereinander trainiert man dann vielleicht dreieinhalb Tage, schaltet 24 Stunden Pause ein und trainiert dann nochmals zweieinhalb Tage. Dann erreicht man in sechs Tagen das gleiche Trainingsvolumen, hat aber dem Körper die Möglichkeit gegeben, sich zu erholen.

Bevor in Madrid seine Siegesserie begann, unterzog sich Federer in Traininglagern auf Sardinien und in der Schweiz im Mai einigen Härtetests. Er habe diese gebraucht zur Bestätigung, dass sein Rücken wieder okay sei, sagte er.
Irgendwann will man es immer wissen, vor allem vor einer Serie von Turnieren, wenn man den Rhythmus sucht. Aber er hat auch im Dezember 2008 und im Februar dieses Jahres extrem hart gearbeitet.

Wie wichtig war es für ihn, im März auf Dubai und den Davis-Cup in den USA zu verzichten?
Zum Glück hat er das gemacht. Für den Rücken wäre die Belastung zu gross gewesen. Diese Pause war die Basis für die Supersaison. Er konnte in jener Phase den Anlauf nehmen, den er brauchte, um sich tennismässig auszudrücken. Was er danach demonstriert hat, war unglaublich: zwei Grand-Slam-Titel, Final in New York, Sieg in Cincinnati…

Könnte es sein, dass er in Zukunft noch weniger spielt?
Er wird sicher noch viel mehr auf seinen Körper und sein Inneres hören, bevor er einen Entscheid trifft. Das muss nicht bedeuten, dass er weniger Turniere bestreitet. Er hat inzwischen so viel Erfahrung und weiss, worauf er schauen muss. Das ist mit ihm so wunderbar, weil wir meistens antizipieren müssen. Natürlich würde er am liebsten jede Woche irgendwo antreten - aber er weiss, was die Konsequenzen sind von dem, was er macht. Der Mensch Federer hat den Spieler Federer im Griff. Er kennt sich so gut, da ist er eine totale Ausnahmeerscheinung.

Federer sagte zuletzt die Turniere von Tokio und Shanghai ab, nachdem er in Genua über Schmerzen im Oberschenkel geklagt hatte. Wo steht er körperlich jetzt, in der Woche vor seinem Basler Heimturnier?
Nach dem Davis-Cup wollte er eine Pause auch einschalten, um einer schwerwiegenderen Verletzung vorzubeugen und die physischen Probleme, die er hatte, auszuheilen. Das war vernünftig, denn so hatte er wirklich Zeit, sich zu erholen nach diesem superharten Sommer und sich anschliessend in Ruhe neu aufzubauen.

Wie sah das Programm in den vergangenen Wochen aus?
Der erste Trainingsblock fand in Dubai statt, zusammen mit Severin Lüthi, wobei am Anfang die Kondition im Vordergrund stand. Vergangene Woche kamen wir zurück in die Schweiz. Nun steht das Tennis im Mittelpunkt.

Sind Oberschenkel und Rücken kein Thema mehr?
Momentan ist alles okay, Roger kann normal trainieren, fühlt sich gut. Er freut sich auf Basel, wie er sagt. Aber wenn einer so viel gespielt hat, muss man immer aufpassen. Du hast nie eine Garantie, wir müssen immer sehr sorgfältig sein.

Diese Saison dauert bis Ende November und damit zwei Wochen länger als üblich, und schon Anfang Januar beginnt die neue Saison. Welche Konsequenzen hat das für Ihre Arbeit und die Vorbereitung auf 2010?
Gewisse Sachen aus dem jetzigen Trainingsblock kann man schon für den Aufbau im Dezember verwerten. Zusammen kommt er so trotz der kürzeren Pause auf die Trainingszeit, die er im Hinblick auf 2010 braucht.

Wie hat sich Ihre Arbeit mit Federer über die Jahre verändert?
Die Aufteilung ist anders, die Flexibilität wichtiger geworden. 140 Tage mit Roger zu arbeiten, bedeutet, 365 Tage im Jahr abrufbar zu sein. Wir haben zwar einen roten Faden, aber es gibt immer wieder Anpassungen.

Wird Federer als Athlet unterschätzt?
Mit Sicherheit.

Was zeichnet ihn aus?
Er ist flink, ausdauernd und extrem koordiniert, und das auch nach mehreren Stunden und in 70, 80 Partien pro Jahr. Und das seit zehn Jahren. Das ist nicht nur Talent, sondern die Folge harter Arbeit und dem Willen, immer wieder etwas zu wiederholen. Darin ist Roger stark. Er arbeitet viel mehr, als sich die Leute vorstellen können - weil er meistens dann trainiert, wenn ihn niemand sieht. Er musste seine ganze Lebensphilosophie der Arbeit unterstellen.

Für welche Sportarten wäre er sonst noch prädestiniert gewesen?
Er wäre ein super Fussballspieler, Sprinter, Werfer - nicht gerade ein Kugelstösser, aber ein guter Speerwerfer. Er wäre ein guter Volleyballspieler und ein guter Skifahrer.

Hat es einen Einfluss auf Ihre Arbeit, dass er nun eine Familie mit zwei Kindern hat?
Die Situation ist etwas komplexer geworden, weil sie nun zu viert statt zu zweit sind. Aber Roger und Mirka kennen sich so gut, sind so viele Jahre miteinander gereist, und von dieser Erfahrung können sie nun profitieren. Schwieriger geworden ist es nicht unbedingt, aber spannender. Wir sind uns gewöhnt, über jede neue Situation zuerst ausführlich zu sprechen.

Sie sind auch einer der wichtigsten Berater von ihm. Wie gross ist Ihr Einfluss?
Diese Frage sollte man nicht mir stellen. Mit dem Wort wichtig kann ich ohnehin nichts anfangen. Roger, Mirka, Severin und ich kennen uns nun schon alle zehn Jahre und mehr und sprechen viel zusammen. Wir haben gemerkt, wie wichtig dies und die Planung ist. Das führt dazu, dass wir ein sehr enges Arbeitsverhältnis und ein tiefes Vertrauen haben. Roger spürt, wie gerne ich mit ihm arbeite und dass ich gerne für ihn flexibel bin. Ein Spieler muss selber entscheiden, aber er sollte auch respektieren, was ihm das Umfeld vorschlägt. Ein charismatischer Spieler wie Federer braucht auch ein Umfeld, das Charisma hat. Leute, die genug stark sind, ihm zu sagen, was sie denken. Das wünscht er sich auch, und ich bin einer davon.

Wer sind die anderen?
Severin Lüthi, Mirka Vavrin... sorry: Mirka Federer. Für gewisse Sachen sein Manager (Tony Godsick). Und dann natürlich in bestimmten Bereichen auch seine Eltern. Was in unserem Team gut ist: Jeder übernimmt die Verantwortung in seiner Domäne.

Werden Sie Federer raten, im März 2010 gegen Spanien Davis-Cup zu spielen?
Ich bin der Konditionstrainer und sage nicht, welche Ziele der Spieler haben soll. Ich rate ihm nur, konsequent an sich zu denken, wenn ein Event sein ganzes Puzzle negativ beeinflussen könnte. Auf das Thema Davis-Cup gehe ich als Konditionstrainer gar nicht ein. Aber ich weiss, wie gerne Roger den Davis-Cup hat und was er alles für diese Mannschaft tut. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2009, 11:35 Uhr

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