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«Die Schweiz hätte mehr herausholen müssen»
Von René Stauffer, Melbourne. Aktualisiert am 25.01.2012 17 Kommentare
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Martina Hingis fühlt sich wohl bei ihrer Rückkehr nach Melbourne, wo sie drei ihrer fünf Grand-Slam-Titel gewann und zweimal erst im Final verlor. Neben Iva Majoli siegte die 31-Jährige gestern am Legendenturnier gegen Tracy Austin und Barbara Schett (6:3, 7:6). Daneben frischt sie alte Bekanntschaften auf, spielt mit ihrem Ehemann Thibault Hutin Golf und kümmert sich als Beraterin der Pariser Mouratoglou-Akademie um die Juniorinnen Julia Putintsewa und Sachia Vickery. Und noch immer verfolgt sie die Entwicklung des Profitennis aufmerksam.
«Djokovic hat das Turnier sehr stark begonnen und ist in Melbourne Titelverteidiger, ich würde mein Geld auf ihn setzen, wenn ich müsste», sagt Hingis. Aber auch Federer, der in der Nacht auf heute auf Juan Martin del Potro traf, sei seit dem letzten Herbst hervorragend in Form. Sie traut ihm 2012 Grosses zu: «Er hat ein Spiel, das Djokovic nicht liegt und bessere Chancen, ihn zu schlagen, als Nadal. Nadal scheint nicht in der Form seiner besten Tage. Er hat sich weniger verbessert als die anderen zwei. Spielerisch ist Federer heute besser, dafür ist ihm Nadal vielleicht mental überlegen.»
Kein klarer Aufbau wie im Ski
Die jüngste Melbourne-Siegerin, die 209 Wochen lang die Weltrangliste anführte, favorisierte im Frauenturnier schon vor dem Ausscheiden von Serena Williams die Tschechin Petra Kvitova. «Im Wimbledonfinal hat sie super gespielt, für mich ist sie die Beste. Wenn sie dieses Niveau noch eine Weile halten kann und gesund bleibt, ist es für mich nur eine Frage der Zeit, bis sie die Nummer 1 wird.» Die Dänin Caroline Wozniacki, die die letzten zwei Jahre als Nummer 1 beendete, sei keine komplette Spielerin, «aber sie ist immer da, nie verletzt».
Dass die Schweiz im Frauentennis eine Krise durchlebt – Stefanie Vögele liegt als Beste auf Rang 138 –, überrascht Hingis nicht. «In der Schweiz ist Tennis zwar sehr populär, aber vor allem ein Breitensport mit einer schmalen Spitze. Und diese lebte bisher von einzelnen Personen, die nicht von einem System hervorgebracht wurden – Federer, Hlasek, Rosset, Günthardt, aber auch Patty (Schnyder) und ich. Das ist nicht wie im Ski, wo ein Team existiert und ein klarer Aufbau dahinter steht. Deshalb muss keiner erstaunt sein, dass von hinten niemand kommt.»
Die Antwort auf die Frage, ob die Schweiz und Swiss Tennis zu wenig gemacht hätten aus den goldenen Jahren mit Federer und ihr, kommt ohne zu zögern: «Ich denke schon. Da hätte viel mehr herausgeholt werden müssen.» Das Land verfüge im Tennis auch über Möglichkeiten wie kaum ein anderes, mit einer guten Infrastruktur, vielen Hallen. «Heute hat fast jedes Dorf einen Tennisplatz. Aber es braucht auch Spieler, die wollen, und Trainer mit Know-how.»
«Bencic hat enormes Potenzial»
Neue Topspieler entstünden nicht von alleine, die müssten herangebildet werden. Zudem werde meist zu einseitig trainiert: «Tennis und Fitness, Fitness und Tennis … Ich war damals sehr polysportiv, ging Skifahren, Reiten, Rollerbladen, Boxen. Das hat mir viel gebracht und geholfen, vorauszuschauen, auf alles vorbereitet zu sein. Wer immer nur auf den Ball drischt, bekommt einen sehr engen Horizont.»
Ein Hauptproblem sieht Hingis darin, dass der Sport in der Schweiz immer noch hinter der Ausbildung anstehen muss. Um Chancen auf eine erfolgreiche Profikarriere zu haben, müsse aber etwas riskiert und alles dafür gegeben werden, wie es Federer und sie gemacht hätten. «Das Wichtigste ist der Wille. Der Wille, zu arbeiten, Erfolg zu haben.»
Ihre Mutter, Melanie Molitor, trainiere in Wollerau alleine etwa 150 Kinder, sagt Hingis. Darunter ist mit der bald 15-jährigen Belinda Bencic auch die grösste Hoffnungsträgerin der Schweiz. «Mama hat sicher Superarbeit geleistet mit ihr, seit sieben, acht Jahren. Belinda ist eine der weltbesten Juniorinnen ihres Alters, ihr Potenzial ist enorm. Sie hat viel mitbekommen auf ihren Weg. Aber jetzt hängt es von ihr ab, was sie daraus macht, das kann ihr niemand abnehmen. Ihr Umfeld stimmt, und mit 16, 17 wird sich entscheiden, was aus ihr wird.»
Nicht gut findet Hingis auch, dass die Juniorinnen reglementsbedingt weniger Weltranglistenturniere bestreiten können, als viele gerne würden. «So verlieren sie Zeit, und das halte ich für falsch. Mit 16, 17 ist eine Frau erwachsen. Juniorinnen sollten deshalb mit 16 überall spielen können, Erfahrungen sammeln und sehen, was es alles braucht. Mit 18 ist das viel schwieriger.» Ihr Fazit: «Das Tennis hat sich nicht richtig entwickelt.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.01.2012, 07:16 Uhr
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