«Eine ehrgeizige Mutter war inakzeptabel»

Die Mutter des zweifachen Wimbledon-Siegers Andy Murray erzählt, wieso es Frauen im von Männern dominierten Tenniszirkus schwer haben.

Strenger Blick: Judy Murray beobachtet ein Spiel ihres Sohnes Andy.

Strenger Blick: Judy Murray beobachtet ein Spiel ihres Sohnes Andy. Bild: Andy Rain/Keystone

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Judy Murray, wird eine Tennismutter anders wahrgenommen als ein Tennisvater?
Ich erinnere mich noch lebhaft an 2005, als Andy erstmals in Wimbledon spielte, zwei Matches gewann und auf dem Centre Court gegen Nalbandian antrat. Es war ein emotionaler Match, er führte mit 2:0 Sätzen und verlor noch. Eine Eigenheit des Tennis ist, dass man zwischen den Punkten 20 Sekunden Pause hat und beim Seitenwechsel 90 Sekunden. Viel Zeit, um am Fernsehen andere Dinge zu zeigen. Die Kameras fingen mich immer wieder ein, ich wurde wenig vorteilhaft dargestellt. Die Dynamik zwischen einer Mutter und ihrem Sohn ist ungewöhnlich im Tennis. Ein grosser Teil der ­Medien war sehr negativ mir gegenüber. Ein ehrgeiziger Vater zu sein, ist total okay. Aber eine ehrgeizige Mutter war inakzeptabel.

Hat sich das inzwischen ­verändert?
Ich weiss nicht. Die öffentliche Wahrnehmung von mir hat sich verändert in den letzten vier, fünf Jahren. Fast alle Journalisten sind Männer, die Fotografen und Fernsehleute auch. Jedes Foto von mir zeigte mich mit geballter Faust und Grimasse. Darauf basierten die Meinungen über mich. Leute, die mich nicht kannten, schrieben Kommentare über mich. Ich gab ­anfangs ja auch keine Interviews. Aber ich las alles. Als ich Captain des Fed-Cup-Teams wurde, konnte ich zeigen, dass ich nicht nur eine Mutter bin, ­sondern auch ein guter Coach. Und dann kam «Strictly Come ­Dancing». Das half sehr.

Bildstrecke: Der besondere Blick auf Wimbledon

Das ist die Tanzshow auf BBC, an der Sie 2014 teilnahmen. Wie kam es dazu?
Ich war schon immer ein Fan der Show gewesen. Zehn Millionen Menschen schauen jede Woche zu. Ich nahm auch deshalb Teil, um mich von einer anderen Seite zu zeigen. Durch die Show merkten die Leute, dass ich bin wie die meisten: dass ich auch gerne lache und Spass habe. Und meine Auftritte weckten das Interesse vieler daran, was ich im Tennis tue. Dass ich den Sport an der Basis fördere, die Mädchen zum Tennis bringen will. Aber ja, es war nicht einfach, mit dem Image der verbissenen ­Mutter umzugehen, das die männlich ­dominierten Medien von mir gezeichnet hatten.

Überraschte Sie das am meisten, als Sie mit Ihren Söhnen Andy und Jamie auf die Tour ­kamen?
Mich erstaunte auch, wie wenige weibliche Coaches es im Tennis gibt. Bei den Männern sowieso, aber auch auf der Frauentour. Ich fragte mich: Wieso ist das so? Es gibt keinen Karrierepfad für Frauen im Tennis nach ihrer Aktivkarriere. Wenn sie eine Auszeit nehmen, um eine Familie zu gründen, ist es für sie fast unmöglich, danach auf die Tour zurückzukehren. Denn da ist man 25, 30 Wochen im Jahr unterwegs. Ich verstehe die Gründe, weshalb es weniger Frauen hat. Aber ich finde, es sollte ­unbedingt mehr haben.

Wieso?
Weil Frauen andere Frauen brauchen, mit denen sie sich über einige Dinge unterhalten können. Über emotionale Dinge. Oder gewisse körperliche. Erzählt man dies einem männlichen Coach? Kaum. Die Frauentour hat etwas ­Abhilfe geschaffen, indem sie Lifestyle-­Manager eingeführt hat. Frauen, die mitreisen an die Turniere und für die Girls ­Ansprechpartnerinnen sind. Das ist ein Start.

Was ist Ihr Ratschlag für Tenniseltern?
Ich war ja nicht nur die Trainerin meiner Söhne, sondern auch schottischer Nationalcoach. Ich sah viele Kinder und Eltern, die es falsch machten. Sie fokussierten sich viel zu früh auf Sieg oder Niederlage. Wenn die Kinder klein sind, sollte sich alles ums Abenteuer Tennis drehen. Darum, das zu lieben, was man tut. Der Weg zum Profi ist enorm lang. Da ist die Gefahr gross, dass der Spass auf der Strecke bleibt. Und ich sah viele Eltern, die emotional viel zu sehr daran hingen, was ihre Kids taten. Ich hatte stets viele andere Kinder, auf die ich schauen musste, sodass ich mich nie nur auf meine Söhne ­konzentrierte. Das half.

Sie haben gerade Ihre Auto­biografie veröffentlicht. Was war Ihr Antrieb dazu?
Ich trug mich immer mit dem ­Gedanken, einmal ein Buch zu schreiben. Aber ich dachte, ich würde es erst tun, wenn die Boys mit dem Tennis aufgehört haben. Doch in den letzten drei Jahren fragten mich viele: «Wann kommt ihr Buch?» Ich wollte ­erzählen, was ich alles lernen und erfahren musste als Coach, als ­Mutter, als Frau in einer Männerwelt. Ich hatte kein Buch, in dem ich nachlesen konnte, was mich erwartet. Und man überzeugte mich, dass es effektiver sei, das Buch herauszubringen, solange die Boys noch spielen.

Sie sind eine öffentliche Figur geworden, die fast jeder kennt in Grossbritannien. Wie ist das?
Ich hätte nie gedacht, dass es einmal so kommt. Ich würde lieber die Strasse hinunterlaufen und von niemandem erkannt werden. Aber das ist nicht mehr realistisch. Nicht in Schottland und schon gar nicht hier während Wimbledon. Es ist das absolute Chaos, jeder hier ist ein Tennisfan. Es ist schon ein Einschnitt in meine Privatsphäre. Aber alles hat zwei Seiten. Und der Rummel um Andy ist noch in einer ganz anderen Dimension.

War es für Sie eine Herausforderung, Ihrem älteren Sohn Jamie gleich viel Aufmerksamkeit zu schenken wie Andy?
Es ist eine Challenge für alle Eltern, ihren Kindern Möglichkeiten zu eröffnen. Und natürlich kann man da ein Kind nicht vernachlässigen. Ich versuche, meine Zeit zwischen den beiden fair aufzuteilen. Wenn an einem Grand Slam beide am gleichen Tag spielen, habe ich eine Strategie entwickelt: Ich besuche immer das Spiel desjenigen, der zuerst beginnt. Das schaue ich zu Ende, dann gehe ich zum anderen. Die Boys wissen das. Andy wurde hier einmal gefragt: «Ihre Mutter war nicht an Ihrem Match. Was ist los?» Er sagte: «Sie war bei meinem Bruder. Ist doch logisch.»

Wie hat sein erster Wimbledon-Sieg Ihr Leben verändert?
Er hatte vorher schon das US Open gewonnen, war Olympiasieger ­geworden. Aber als er als erster ­Brite nach 77 Jahren Wimbledon gewann, war das schon gewaltig. Es ist einer jener Momente, von denen die meisten Briten noch genau wissen, wo sie waren, als es passierte. Es veränderte mein Leben insofern, als dass ich danach das Gefühl hatte, den Leuten nun erzählen zu ­können, was alles dahintersteckt. Sie sehen am Fernsehen nur die ­grossen Matches, aber nicht, was in den 15 Jahren zuvor alles passieren musste, damit das möglich wurde. Jener Sieg gab mir mehr Selbstvertrauen, meine Meinung zu sagen.

Welchen anderen Spielern ausser Andy, Jamie und Ihrem Liebling Feliciano Lopez sehen Sie gerne zu?
(lacht) Ich schaue am liebsten Spielern zu, die anders sind. Wie Nick Kyrgios, Dustin Brown, Gaël Monfils. Oder Radek Stepanek, der so clever spielte. Einer meiner Lieblinge ist auch Ivo Karlovic. Ich kenne ihn seit 16 Jahren. Damals war er die Nummer 120 und stotterte so sehr, dass er kaum eine Konversation führen konnte. Ich rede sehr gerne, wie Sie wohl gemerkt ­haben. Also sprach ich stets auf ihn ein, und er sagte kaum ein Wort. Aber je besser er wurde im Tennis, desto weniger stotterte er. Ich liebe ­seine Story.

Was sagen Sie dazu, dass Jamie hier mit Martina Hingis spielt?
Jamie hat nun eine Weile nicht Mixed gespielt, weil er eine Verletzung mit sich herumschleppte. Er ist ein exzellenter Mixed-­Spieler, ein Gentleman, der nicht sagt: «Steh auf die Seite, ich erledige das.» Es freut mich sehr, dass er wieder Mixed spielt. Und dann noch mit einer Legende wie ­Martina. Das ist fabelhaft!

Das Interview wurde ermöglicht von HSBC, einem Wimbledon-Partner, der Judy Murrays ­Förderprogramme unterstützt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.07.2017, 23:02 Uhr

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