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Federer, der Aussenseiter

Von Simon Graf. Aktualisiert am 24.06.2012

Selbst in Wimbledon ist es vorerst leise geworden um Roger Federer – obwohl der Schweizer beim Rasen-Grand-Slam im All England Club schon sechs Titel gewinnen konnte.

Der kritische Blick gilt nur dem Wetter – Roger Federer fühlt sich bereit für Wimbledon.

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Bild: Keystone

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Es gab Zeiten, da überbot sich die internationale Tennispresse darin, Roger Federers Niedergang zu prophezeien, ihn verbal vom Sockel zu stossen. Damit ist es vorbei. Weil er nicht mehr auf einem Sockel steht. Zwar gewannen die Top 3 des Rankings seit dem US Open 2011 fast exakt gleich viele Punkte (zwischen 8670 und 8680). Doch die letzten vier Grand-Slam-Finals spielten Novak Djokovic und Rafael Nadal unter sich aus – eine Serie, wie man sie selbst zwischen Federer und Nadal nie erlebt hatte.

Im vergangenen Jahr hatte sich Federer mit seinem mitreissenden Paris-Halbfinal gegen Djokovic nochmals in die Favoritenrolle für Wimbledon gehievt. Diesmal ist es ruhig um ihm geworden. Wer als Journalist originell sein will, schreibt ihn nicht ab, sondern erläutert, weshalb eben trotzdem mit ihm zu rechnen ist.

Federers wohliges Gefühl in seiner sportlichen Heimat

Klar ist: Ein siebter Wimbledon-Triumph wäre für ihn ein eindrucksvoller Befreiungsschlag. Und einen Federer wie in Paris, für den die Spiele wie Pflichtübungen wirkten, der kaum Freude ausstrahlte, wird man im Südwesten Londons nicht sehen. Wimbledon und Olympia gleichenorts sind für ihn die Saisonhöhepunkte, die schon lange in seinem Kopf kreisten.

Er selbst betonte gestern, dass ihn immer noch ein wohliges Gefühl durchströme, wenn er in den All England Club zurückkehrt: «Es ist schön, an einen Ort zu kommen, wo ich schon so gut gespielt habe. Zuerst schiesst mir jeweils der Match gegen Pete Sampras durch den Kopf. Und wenn ich eine Minute überlege, kommen ganz viele wunderbare Erinnerungen hoch.»

Gestand er nach Roland Garros, er habe das Gefühl gehabt, gar nie richtig in Paris angekommen zu sein, so pflegt Federer sich auf Rasen schnell wohlzufühlen. «Das Spiel hier fühlt sich für mich natürlich an», sagte er. «Es hilft meinem Slice und meinem Aufschlag. Auch was die Beinarbeit betrifft, fühle ich mich hier wohler als andere. Und kleine Unterschiede können eben eine grosse Differenz machen.» Zudem habe er auf Rasen gar keine andere Wahl, als den Weg nach vorne zu suchen. Und das sei auch gut so: «Denn in Paris hatte ich eine zu passive Einstellung im Hinterkopf. Woher die kam, kann ich mir auch nicht recht erklären.» Vielleicht habe es an den (schweren) Bällen gelegen, vielleicht an der Hüftverletzung, die er aus Madrid und Rom angeschleppt habe.

Was seine Physis betrifft, gab er gestern Entwarnung. «Es kam auch schon vor, dass ich nach Roland Garros komplett ausgelaugt war und ich mich fast eine Woche ausruhen musste, bevor ich wieder an Training denken konnte. Diesmal war das nicht so. Ich fühlte mich überhaupt nicht müde. Ich nahm nach Halle ein paar Tage frei, habe hier nun schon gut trainiert. Und ich habe keine Blessuren mehr, die mich hemmen.» Er habe das Gefühl, dass in seinem Spiel alles funktioniere, schob er nach. Also auch der Aufschlag. Er sagte sogar: «Mein Selbstvertrauen ist sehr gut. Ich habe in den letzten zwölf Monaten viele Spiele gewonnen, genug Spielpraxis gesammelt, um für die harten, entscheidenden Momente in den Matches bereit zu sein. Das ist der Schlüssel vor jedem Grand Slam.»

Tim Henmans Plädoyer für den Schweizer

Sein früherer Weggefährte Tim Henman, der ihm noch immer freundschaftlich verbunden ist, legte zudem gegenüber dem «Daily Telegraph» ein gutes Wort für ihn ein. Wenn Federer weitere Majors gewinne, und davon sei er überzeugt, dann in Wimbledon und Flushing Meadows. «In Paris sahen wir ihn in sehr windigen Bedingungen verlieren, die Djokovic entgegenkamen. Wenn es so windig ist, muss man mit einer viel höheren Marge spielen. Und das ist schlecht für Federers aggressiven Stil.» Am liebsten hätte er es, so Henman, der seine Sympathien nicht verbarg, wenn dieser den Wimbledon-Halbfinal gegen Djokovic wegen Regens unter geschlossenem Dach spiele. «Dann würde das Resultat anders rauskommen. Denn Federer ist der beste Indoor-Spieler.»

Der Schweizer selbst trauert vergangenen Rasenzeiten nach, als Angriffspieler noch belohnt wurden: «Thomas Muster erzählte mir, selbst er sei hier nach dem ersten und zweiten Aufschlag ans Netz gestürmt. Und Muster hatte weder einen besonders guten Aufschlag noch einen brillanten Volley. Heute spielen nicht einmal hervorragende Aufschläger wie Milos Raonic und John Isner konsequent Serve-and-Volley. Dies, weil die Passierbälle viel besser geworden sind.» Federer führt dies auf die verbesserte Rasenqualität zurück: «Der Rasen ist perfekt, fast zu perfekt. Heute verspringen kaum noch Bälle. So kann man gut an der Grundlinie bleiben und darauf warten, einen Passierball zu schlagen.»

Kann Paul Annacone die richtige Mischung finden?

Er selbst habe sich dieser Entwicklung nicht verschliessen können. Rückte er bei seinem Sieg über Sampras von 2001 noch fast immer unmittelbar nach seinem Service ans Netz vor, bleibt er nun meist hinten. Doch gerade in den kräfteraubenden Grundlinienduellen hat er gegen die jüngeren Nadal und Djokovic Nachteile. Mit Coach Paul Annacone muss Federer, der über ein breiteres Schlagrepertoire verfügt als seine beiden härtesten Konkurrenten, die richtige Mischung finden.

Annacone führte Pete Sampras einst zu fünf seiner sieben Wimbledon-Kronen. Nun könnte er Federer helfen, eine weitere Bestmarke des Amerikaners auszulöschen und auf den Thron zurückzukehren. Und, so packend die Rivalität zwischen Nadal und Djokovic geworden ist, dies wäre im All England Club auch für die internationale Tennispresse die wohl beste Story. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 24.06.2012, 10:34 Uhr

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