«Ich bin für einigen Blödsinn zu haben»
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Für Roger Federer (28) ist bei seinem 10. Start im Hauptfeld der Davidoff Swiss Indoors vieles anders als gewohnt. Erstmals steigt der Baselbieter Weltstar nach einer ausgedehnten Pause in sein Heimturnier, erstmals stellte er sich schon am Sonntag zur ersten Medienkonferenz, und erstmals greift er schon am Montag in den Wettkampf ein, wobei er nach einer grossen Eröffnungsfeier heute (ab 18.30 Uhr) auf den Qualifikanten Olivier Rochus trifft. In einem schmalen, ungeschmückten Kellerbüro der St. Jakobs-Halle, zwischen Betonwänden und auf Plastikstühlen, nahm er sich am Sonntagabend auch Zeit für dieses Interview, in dem Tennis nur ein Randthema sein soll.
Roger Federer, haben Sie vergangene Nacht gut geschlafen, trotz der Zwillinge?
Kein Problem. Es ist ein Auf und Ab. Aber obwohl sie manchmal aufwachen, schlafe ich insgesamt gut durch. Mirka ist sehr schnell auf den Füssen, wir sind zufrieden, wie es läuft.
Haben Sie geregelt, wer aufsteht?
Es ist schon meistens Mirka. Aber unterdessen macht es mir nichts aus, wenn ich nur wenig schlafe. Nicht gut ist, wenn mein Schlaf oft unterbrochen wird.
Wechseln Sie auch Windeln?
Ja. Es ist mir wichtig, dass ich auch den Schoppen geben und Windeln wechseln kann. Jetzt ist Mirka die Nummer 1 bei den Kleinen, aber ich helfe mit. Die Zeit, in der ich mit den Kindern spielen kann, wird schon noch kommen.
Sie haben noch keinen Tag mit Ihren Kindern verpasst. Wollen Sie das auch in Zukunft so halten?
Es wird sicher der Moment kommen, in dem dies nicht mehr möglich ist, mit den vielen Reisen. Wir sind aber gut organisiert und haben die Möglichkeit, bequem zu reisen. Es freut mich, dass ich von Anfang an dabei sein konnte. Diese Zeit kann man nicht zurückholen, und in den ersten paar Jahren entwickeln sie sich extrem.
Warum ist Ihnen die Familie so wichtig?
Ich denke nicht, dass sie mir wichtiger ist als anderen. Meine Eltern sagten zwar schon, wie wichtig die Familie ist. Wir gingen früher oft nach Berneck, zu den Grosseltern, und wir versuchten immer, uns an Feiertagen zu treffen. Ich hatte immer den Wunsch, irgendwann eine Familie zu haben. Nun bin ich schon fast zehn Jahre mit Mirka zusammen, und schon vor drei Jahren sprachen wir darüber, wann dies am besten sein könnte. Wir sahen, dass es 2008 nicht möglich war, mit Olympia. Ich glaube, das ist der richtige Moment, und wir freuen uns riesig. Auch wenn man sich darauf nicht vorbereiten kann. Plötzlich bist du Vater und Mutter, das ist eine grosse Umstellung.
Was verbindet Sie so stark mit Mirka?
Das gute Verständnis, dass wir so gut auskommen. Dass wir wissen, dass das Leben super ist auf der einen Seite, aber auf der anderen manchmal auch sehr schwierig. Du bist immer im Blickpunkt, musst immer etwas anders leben, als du lieber würdest. Sie hat mich immer unglaublich unterstützt und ich sie. Wir verbringen die Zeit am liebsten alleine, das brauchen wir, weil wir oft in grossen Gruppen sind.
Ist sie jemand, der Ihnen auch einmal widerspricht?
Sie sagt ihre Meinung, sie ist eine starke Person. Aber in erster Linie ist sie meine Frau und die Mutter meiner Kinder, eindeutig. Gleichzeitig gehört sie zu meinem Team. Und von meinem Team erwarte ich nicht, dass jeder immer nur nickt. Ich erwarte von Pierre (Paganini, Konditionstrainer), Seve (Lüthi, Trainer) – egal von wem –, dass sie mir die Wahrheit sagen. Auch wenn es schlecht läuft.
Widerspruch ist Ihnen wichtig?
Auf jeden Fall. Darin ist mein Vater die Nummer 1. Das habe ich von ihm gelernt.
Sie gelten als jemand, der gerne die Kontrolle behält. Man hat das Gefühl, dass viele Leute um Sie herum zu Ihnen aufschauen und sich kaum getrauen, etwas zu machen, ohne dass Sie Ihr Okay geben. Ist Ihnen das bewusst?
Das wird übertrieben. Viele denken, ich sei ein Kontrollfreak. Aber am Anfang gingen zu viele Informationen hinaus, was mir nicht passte. Ich wollte den Leuten um mich herum vertrauen können in Fällen, wo etwas privat oder vorerst geheim bleiben sollte. Dass Mirka keine Interviews mehr gibt, dazu gab ich ihr irgendwann den Tipp.
Warum?
Sie war im Zwiespalt. Sie pflegte den Kontakt mit den Medien, wurde oft zitiert und war immer die Böse, die nein sagen musste. Zuerst 50 Prozent nein, dann 90 Prozent, dann 99 und am Schluss 100 Prozent, weil ich keine Zeit mehr hatte. Das passte mir nicht für sie. Ich merkte, dass es ihr keinen Spass mehr machte. Es war ein undankbarer Job. Dann riet ich ihr, keine Interviews mehr zu geben. Sie ist happy, dass sie heute nichts machen muss.
Sie gelten als Mann, der sein Leben, die Karriere und alles Drumherum locker im Griff hat, als Perfektionist. Haben Sie sich ein Image aufgebaut, das Sie manchmal stört?
Das nicht, aber ich muss manchmal schmunzeln, wie über mich geredet wird. Zum Beispiel, wenn ich trainiere, einen normalen Schlag mache, und alle sagen: «Uiiiiii». Wenn man gut ist, wird schon das Normale als extrem dargestellt, und wenn du nicht so gut bist, musst du etwas Unglaubliches machen, damit du Anerkennung erhältst. Ich lebe von diesem Bonus, das ist mir klar. Aber ich finde nicht, dass es völlig übertrieben ist. Ich habe immer noch beide Füsse auf dem Boden und habe auch das richtige Umfeld dafür.
Ist es anstrengend für Sie, immer nett sein zu wollen?
Wenn ich weiss, morgen treffe ich 5000 Leute, alle mit Handshake – dann ziehe ich das durch. Aber wenn ich sage, morgen mache ich frei, und dann treffe ich 5000 Leute, dann halte ich es nicht aus. Klar muss ich mich auch anpassen. Es ist aber viel einfacher für mich, wenn ich weiss, was in den nächsten Stunden, Tagen oder Wochen auf mich zukommt.
Dieses Jahr wurde einige Male eine andere Seite von Ihnen sichtbar. Zum Beispiel beim Davis-Cup in Genua, wo Sie mit dem Team vor Fans als Vorsänger auftraten. Viele waren überrascht – für Sie eine verständliche Reaktion?
Ich musste lachen. Viele Fans des Davis-Cup-Teams wissen, dass ich so bin. Die haben mich schon oft gesehen, wie ich entspannt mit ihnen Zeit verbringe und plaudere. Das Singen war nun schon ein Zusatz. Ich war überrascht, dass es sofort überall an der Öffentlichkeit war. Im Moment, als ich sang und sah, dass einige filmten, dachte ich: Hoffentlich kommt das nicht raus. Es kam dann trotzdem raus – und zum Glück habe ich keinen Seich komponiert. Alle, die mir nahe stehen, wissen, dass ich eine sehr entspannte Person bin. Ich bin einfach so, manchmal immer noch ein Kind. Und gleichzeitig auch der Mann. Ich glaube, du musst beide Seiten haben in dem Terrain, in dem ich mich bewege.
Einige Leute sagen, Sie seien für einigen Blödsinn zu haben.
Das ist auch so.
Müssen Sie diese Seite verstecken und sich in der Öffentlichkeit beherrschen?
Es geht. Es gibt Anstandsregeln, die immer eingehalten werden sollten. Ich schaue, dass dies von meiner Seite her geschieht. Das ist mir wichtig, der Respekt gegenüber meiner Person und der Respekt gegen andere. Es gibt viele Momente, in denen ich mich selber sein kann, ganz losgelöst. Wenn ich jetzt hier spreche, muss ich mich nicht verstellen. Für mich ist es wichtig, dass ich mich selber sein kann.
Wie erklären Sie sich den Respekt, den viele vor Ihnen haben? Es gibt Leute, die sich nicht getrauen, Sie anzurufen, obwohl sie Ihre Handynummer haben.
Die Leute wissen, dass ich viel am Hut habe. Wenn man sieht, wie gut bei mir alles organisiert sein muss... Ich kann hier nicht 20 Minuten in Ruhe in der Players Lounge sitzen. Ich muss immer wieder mit neuen Leuten sprechen, und das ist nicht so entspannend. Und dann gibt es auch immer wieder Leute, die es sich nicht verkneifen können, mich zu filmen aus einer Ecke, unauffällig, oder mich zu fotografieren. Das ist unangenehm, wenn man sich beobachtet fühlt. Dann gehe ich lieber weg. Aber an den Orten, wo ich wohne, in Dubai und der Schweiz, lässt es sich gut leben. Und wenn jemand doch einmal kommt, der es nicht lassen kann, mich zu treffen, mir die Hand zu schütteln, um ein Autogramm zu fragen, sich mit mir fotografieren zu lassen, dann erfülle ich den Wunsch schon, so gut es geht.
Gibt es grosse Opfer, die Sie für Ihre Bekanntheit bringen müssen?
Nicht unbedingt. Auch wenn ich gerne noch mehr in die Stadt gehen würde, ins Kino... Aber ich bin auch recht häufig müde, vom vielen Training. Und ich bin einer, der gerne viel Zeit mit Mirka verbringt. Ich habe nicht das Bedürfnis, viel zu ändern. Mein Leben ist sehr fröhlich, ich bin sehr happy damit. Mirka und ich haben alles top im Griff. Ich brauche keine grossen Veränderungen, es fehlt mir nicht viel. Das grösste Bedürfnis wäre, dass ich mehr Zeit hätte, wenn ich in der Schweiz bin. Zeit für meine Freunde, meine Eltern. Dass ich nicht so gestresst wäre, wenn ich hier bin.
Dass sie am vergangenen Mittwoch in den Letzigrund gingen, was das ein spontaner Entscheid?
Ich wusste, dass sie (der FC Basel) spielen und ich in Zürich bin. Ich dachte, soll ich gehen, soll ich nicht? Dann schaute ich mit meinen Kollegen, ob sie Lust hatten. Tony (Godsick) und Reto (Staubli) hatten Lust, dann rief ich noch einen Kollegen an, der wollte auch kommen. Darauf sagte ich: «Okay, ich schau mal, ob ich Tickets organisieren kann.» Das ist zwar eh meist der Fall, aber ich sagte: «Ich schau mal.» In der Schweiz ist das nicht wie in Amerika oder Dubai, wo immer noch ein extra Platz frei ist. Wenn man in der Schweiz in ein Restaurant kommt und es ist voll, dann ist es halt voll, dann gibt es nicht noch einen Extratisch. Darauf rief ich Gigi Oeri an, die ich gut kenne, erst um 17.15 Uhr... Ich sagte, wenn du Tickets hast, komme ich gerne, und sonst ist auch egal, kein Problem.
Dann sitzen Sie in Wollerau ins Auto und fahren hin?
Wir waren bereits in der Stadt, und wir sagten: Kommt, wir gehen. Es war sehr spontan.
Wächst mit der Familie das Bedürfnis, das Privatleben auszubauen, die Tenniskarriere zurückzufahren?
Unterdessen weiss ich besser, wie es mit den Kindern zu und hergeht. Ich sagte, ich muss mal das US Open abwarten, um zu sehen, wie es für mich ist, mit dem Reisen, wie ich mich fühle. Die Lust am Spielen ist immer noch gleich gross. Mirka sagte auch zu mir: Schau, wir haben nicht Babies, damit du nachher aufhörst zu spielen. Das ist nicht das Ziel. Mir gefällt es auf der Tour, mir gefällt es, mit dir zu reisen, ich will das weiterhin mit dir so machen und nicht auf einmal alleine zuhause sein, und du gehst einsam auf Reisen. Eigentlich wollen wir nicht, dass sich gross etwas ändert. Aber die grosse Priorität ist, dass es den Kleinen gut geht. Nicht, dass wir sie mitschleppen auf Reisen, wenn sie nicht könnten. Das würden wir nie machen. Aber ich bin wirklich noch topmotiviert, habe Lust zu spielen. Auch wenn ich eine solche Pause von sechs Wochen mache. Da könnte man denken: Es ist schön, einfach nichts zu tun. Aber ich bin froh, wenn ich trainieren kann, ich bin froh, wenn ich an Turniere zurück komme und das Kribbeln spüre. Solange das so ist, werde ich noch lange spielen.
Was wäre der ideale Abgang von der Tennisbühne?
Das habe ich mir auch schon überlegt. Keine Ahnung. Es gibt Spieler, die hörten auf dem Höhepunkt auf, andere sagten, ich spiele noch drei Monate... Ich wüsste es nicht. Und solange ich das nicht weiss, ist das ein gutes Zeichen.
Fällen Sie die meisten wichtigen Entscheide aus dem Bauch oder aus dem Kopf heraus?
Ich habe immer mein Gefühl, und Mirka hat ihr Gefühl, und wenn wir unsere Gefühle zusammentun, haben wir meistens eine Idee, was gut ist. Hier in Basel beispielsweise sagte ich zu Mirka: Du, ich habe Lust, Doppel zu spielen. Sie sagte: «Dann spiel doch Doppel, du musst mich nicht fragen.» Aber ich denke, ich habe eine Familie, also muss ich doch nachfragen. Wenn sie nein gesagt hätte, hätte ich nicht gespielt. Das sind Bauchentscheide, die braucht es auch. Wie der FCB-Match. Aber dann gibt es auch die Entscheide, die vorher sehr ausführlich diskutiert werden, mit Pierre, mit Seve, mit Tony. Wo wir über die Planung reden: Wie sehen die nächsten Monate aus? Exhibitions ja oder nein?
Ändern sich die Träume, wenn man alles kaufen könnte, was man will? Welche Träume hat man da?
Die Träume ändern sich schon, ich bin ja nicht mehr 14.
Ein Auto, ein Haus, grosse Ferien?
Solche Träume habe ich selber auch. Vielleicht mal in einem Haus leben, später... Oder wenn ich ein schönes Auto kaufen kann, ist die Freude bei mir gleich gross wie bei anderen auch. Klar habe ich ein Bankkonto, das vielleicht grösser ist als andere. Aber gleichzeitig bin ich so viel unterwegs und investiere so viel, dass man sich auch über die kleinen Sachen freut.
Wie ist es, wenn man weiss, man müsste nicht mehr arbeiten?
Ich sehe das nicht so. Obwohl ich es weiss. Es ist ein lustiges Gefühl, ein gutes Gefühl. Es ist vor allem entspannend zu wissen, dass ich das French Open und den 15. Grand-Slam-Titel gewonnen habe. Das ich das innerhalb eines Monats schaffte, nimmt viel vom Druck weg, mich nochmal beweisen zu müssen. Aber den Biss habe ich immer noch, obwohl ich das US Open im Final verloren habe. Und ich finde, den Match (gegen Del Potro) hätte ich nie verlieren dürfen. Aber vielleicht ging ich in diesem Jahr schon durch zu viele Sachen hindurch, so dass es mir am Schluss einfach nicht mehr ganz reichte. Ich hatte mich am French Open und in Wimbledon durch zu viele Matches hindurchgewurstelt. Da war das Glück halt vielleicht einmal nicht auf meiner Seite. Aber der Biss ist da, und die Freude und die Liebe für den Sport sind grösser denn je. Deshalb stellt man sich diese Frage gar nicht.
Passiert es auch, dass es Ihnen stinkt, zur Arbeit zu gehen, wie allen Leuten manchmal?
Das passiert auch, aber sehr selten. Und dann hat es mehr damit zu tun, dass ich aufwache und zu starken Muskelkater habe. Oder dass ich merke, dass ich krank werden könnte. Dann sage ich, Pierre, schau, ich könnte, aber will nicht. Wie wir es in Dubai einmal machten. Ein Tag mehr oder weniger entscheidet nicht, ob ich nächstes Jahr Wimbledon gewinne. Aber das hatte mehr damit zu tun, Kräfte zu sparen – nicht einfach: Keine Lust.
Und Ihr Alter, spüren Sie dies auch schon?
Ich bin einfach vorsichtig. Aber klar, ich bin schon nicht mehr ganz so frisch.
Tröstlich, dass es auch Ihnen so geht...
(Lacht).
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.11.2009, 10:20 Uhr
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