Der Mann ohne Grenzen

Roger Federers achter Triumph in Wimbledon ist ein weiteres Meisterstück. Wohin das noch führen kann, ist nicht abzuschätzen.

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Wimbledon ist bekanntlich der Ort des Traditionellen, des Gepflegten. Ein Epizentrum des guten Stils und der Etikette. Dazu gehört selbstverständlich auch eine adäquate Garderobe, ergänzt mit ein paar geschmackvollen Accessoires.

Ein unästhetischer Rechenschieber passt da nicht ins schmucke Bild, natürlich tut er das nicht. Aber in den letzten Wochen wäre dieses klobige Utensil ein nützlicher Begleiter gewesen, wenn man sich auch nur ein bisschen mit Roger Federer beschäftig hat. Was wurden da für Spielereien betrieben.

Es ging um den achten Wimbledon-Titel, den 19. Grand-Slam-Sieg und all das in einem Alter von 35 Jahren. Kein Tag verging danach ohne die nächste Wegmarke: 70. Major-Teilnahme, dann der 85. Sieg an der Church Road, gleich gefolgt von seinem 10 000. Ass in der Karriere sowie dem 100. Spiel auf dem heiligen Rasen. Und so weiter.

Jetzt aber, da der Baselbieter mit dem Triumph an seinem Lieblingsturnier sein grosses, vielleicht sogar sein grösstes Ziel erreicht hat, verblassen all diese Zahlen augenscheinlich, denn Zahlen stehen für Endlichkeit und das ist ein Begriff, mit dem der Maestro nun wirklich nicht assoziiert werden darf.

Roger Federer ist ein Mann ohne Grenzen.

Mentales Meisterstück

Nicht, dass es noch irgendeinen Beweis benötigt hätte, dass er der grösste Tennisspieler der Geschichte ist. Dieses Themenfeld war spätestens nach seinem Erfolg am diesjährigen Australian Open abgearbeitet. Wie sein Rekordsieg in Wimbledon aber zustande kam, das hievt ihn doch noch einmal auf ein neues, ungekanntes Level. Wer auf Rasen in sieben Spielen keinen Satz abgibt, der hat alles richtig gemacht. In Wimbledon ist dies erst Björn Borg gelungen – vor 41 Jahren.

Kein Wunder, wird darüber gesprochen, ob die Welt derzeit den besten Federer zu sehen bekommt, den es je gab. Diese Frage ist kaum zu beantworten, sie ist auch nicht so wichtig. Vielleicht würde er gegen den Federer von 2005 gewinnen, weil er sich weiterentwickelt habe, der Aufschlag besser geworden sei, sagte er an der Pressekonferenz. Klar ist, dass sein Leistungsvermögen grenzenlos scheint, sein enorm vielfältiges Spiel immer noch variabler werden kann. Stets hat er eine neue Idee, um sich immer wieder ein Stück weit neu zu erfinden.

Entscheidender aber scheint sowieso, dass ihm auf mentaler Ebene ein Meisterstück gelungen ist. Die psychische Belastung, bei seinem Höhepunkt des Jahres reüssieren zu wollen, muss immens sein. Konnte er in Melbourne bei seinem Comeback noch einigermassen entspannt antreten, zählte in Wimbledon von Anfang an nur der Sieg. Von Anfang an war er der grosse Favorit auf den Titel.

Stressresistenz in Perfektion

Dieser Status ist jedoch die Rolle seines Lebens, wie die BaZ schon vor Turnierbeginn schrieb. Einmal mehr hat Federer unter Beweis gestellt, wie gut er mit diesen Drucksituationen umgehen kann. Stressresistenz in Perfektion. Das macht ihn zur Zeit zum alles überragenden Spieler auf der Tour. Ein Ende der Dominanz ist nicht in Sicht. Wer sowohl spielerisch als auch mental auf den Punkt bereit sein kann, dem ist alles zuzutrauen.

Wohin das noch führen kann, ist nicht abzuschätzen. Beim US Open, das Ende August beginnt, wird er auf alle Fälle wieder die Rolle des Favoriten innehaben. Gerade weil unsicher ist, ob mit Andy Murray und Novak Djokovic zwei der grössten Konkurrenten aufgrund ihrer körperlichen Probleme überhaupt antreten werden. Ein 20. Grand-Slam-Sieg erscheint momentan durchaus realistisch.

Und da kommt dann wieder der Rechenschieber ins Spiel. Es ist nicht auszuschliessen, dass Federer schon bald wieder die Nummer 1 der Welt ist. Warum nicht auch auf die 109 Titel von Jimmy Connors schielen, die der Amerikaner in seiner Karriere auf der ATP-Tour gewonnen hat? Auf einen Rekord also, der als unantastbar gilt. Oder auf die 24 Major-Siege von Margaret Court, die geschlechterübergreifend die Bestmarke bei Grand-Slam-Erfolgen hält.

Wenn das einer schaffen kann, dann Roger Federer. Der Mann ohne Grenzen. Der Mann mit seinen schier unendlichen Möglichkeiten. (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.07.2017, 00:28 Uhr

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