Sport
Der Penaltykrimi in der späten Nacht
Von Florian A. Lehmann. Aktualisiert am 28.02.2010
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Über die sportlichen Highlights der Delegation von Swiss Olympic in Vancouver muss man keine Worte mehr verlieren. Die Nervenstärke von Simon Ammann & Co: Das war ganz grosse Klasse. Aber es gibt da noch eine Leistung, die aus meiner Sicht bemerkenswert war, die mir immer in Erinnerung bleiben wird, auch wenn sie mit einer leisen Enttäuschung endete: das 2:3 nach Penaltys der Schweizer Eishockeyaner gegen Turnier-Gastgeber Kanada. Natürlich, am Ende wurde dieser Match verloren, und einmal mehr fehlte in einem Duell gegen einen ganz Grossen dieser dynamischen Sportart der sogenannte Killerinstinkt.
Und natürlich hatte die Schweiz vor vier Jahren das Mutterland des Eishockeys an Olympia gar mit 2:0 besiegt. Dieser historische Erfolg an einem Samstagnachmittag im Jahre 2006 wurde im 4. Drittel im Café du Raisin in der Hockey-Hochburg Blonay VD an den Ufern des Lac Léman ausgiebig mit der Stammformation des Lokals gefeiert – sowohl das Resultat auf dem Eis als auch die spontane Party und ihre Folgen haben im Hirn des Schreibenden einen olympischen Ehrenplatz gefunden.
Der Jubel muss im Hals stecken bleiben
Doch dieses Erlebnis vor dem Pantoffelkino am europäischen 19. Februar 2010, erlebt in der tiefen Schweizer Nacht, zu einer Zeit also, wenn der brave und arbeitsame Bürger schon von Gesetzes wegen gar nicht mehr wach sein dürfte, ist ebensoviel Wert wie die Sternstunde von Turin. Denn die NHL-Stars mit dem Ahornblatt auf der Brust zeig(t)en sich vor eigenem Publikum ungleich motivierter als bei ihrer missglückten Expedition vor vier Jahren im Piemont. Der kämpferische, herzhafte Auftritt der gut organisierten Underdogs hat den Schweizer Fan zu Hause begeistert, ja geradezu mitgerissen, die Paraden von Goalie Jonas «Killer» Hiller sowieso.
Der grosse Unterschied zum Exploit von 2006 mit Torhüter Martin Gerber und Doppeltorschütze Paul DiPietro als Hauptakteure sind nicht unbedingt der Ausgang der Partie, sondern die Formen der Begeisterung. Jubelschreie um cirka 3 Uhr MEZ sind in der Wohnung nicht vereinbar mit der schlafenden besseren Hälfte, dem häuslichen Frieden der Nachbarn sowie dem strengen Tierschutz in diesem Land; schliesslich wollen Katzen, Füchse und Marder in der Nacht ungestört ihrer Arbeit nachgehen und nicht von lautstark mitfiebernden Hockey-Fans gestört werden. Mit anderen Worten: Während Ralph Kruegers tapfere Auswahl einen 0:2-Rückstand wettmachte, mussten die «Hopp-Schwiiz-Rufe» und «Jonas-Hiller-olé»-Gesänge im Hals stecken bleiben. Ich kann Ihnen versichern: Das hat viel Wille und Disziplin gekostet.
Die Hoffnung auf eine neue Generation
Die unmittelbaren Gedanken nach dem verlorenen Shootout, aber auch nach dem nicht minder heroischen Auftritt im Viertelfinal gegen die USA (0:2) sind die gleichen geblieben: Ein bisschen mehr Durchschlagskraft und Cleverness im Abschluss, und die Überraschungen wären perfekt gewesen. Wir haben Hiller, wir haben Verteidiger und Playmaker Mark Streit, aber wir haben noch keinen Stürmer, der in der besten Liga der Welt in Sachen Torproduktion eine Schlüsselrolle spielt. Deshalb ist es wichtig, dass Klotens Roman Wick den Sprung nach Übersee wagt, deshalb liegt die Hoffnung auf «El Nino aus Chur», auf den talentierten und dynamischen Junior Nino Niederreiter und andere Talente aus dem Land der Berge und Banken, die gewillt sind und den Mut haben, ihr Glück in Übersee zu suchen.
Und noch eine Erinnerung ist mir bei den Vorstellungen von der Mannschaft von Personalchef Krueger, der in Vancouver einen würdigen Abgang erlebte, plötzlich hochgeschossen. Als Teenager fiel mir eine Schlagzeile aus dem Boulevard-Hause Ringier auf: «Spielt doch gegen Hawaii» hiess der Titel eines saftigen Zeitungsartikels vom 20. Februar 1971, als die «Eisgenossen» nach motivationslosen Bewegungsübungen mit einer 2:5-Pleite aus Ungarn und einem 4:4 aus Rumänien – zwei Nationen aus der WM-C-Gruppe notabene – nach Hause kehrten. Und dies, wenige Tage vor Beginn der B-WM im eigenen Land. Die Schlagzeile von damals war nicht übertrieben, die Auftritte der Landesauswahl waren in der jungen Vergangenheit oft peinlich gewesen und sollten es später bleiben, selbst wenn gelegentlich die Promotion in die oberste Etage des Eishockeys gelang. Meistens blieb am Ende des A-Turniers nur die Relegation, mit einer derart negativen und debakulösen Tordifferenz, beinahe so gross wie der Verlust der UBS im Jahre 2008. Die Schweizer Hockey-Nati bildete genug humorvollen und zynischen Stoff für die Kabarettisten, die Basler Fastnacht und die damals noch vielen Zeitungen des Landes.
Die Freude, wieder stolz zu sein
Und heute? Die Reporter von ARD und ZDF lobten in British Columbia die Schweizer in den höchsten Tönen und wünschten sich solch engagierte Auftritte von ihrer Mannschaft. Fürwahr: Die Schweiz hat in einer bedeutenden Sportart der Winterspiele in den letzten Jahrzehnten grosse Fortschritte erzielt. Man kann unserer Nationalmannschaft wieder zuschauen, mit ihr mitfiebern.
Das nimmt der Fan und Patriot mit Genugtuung und Stolz zur Kenntnis, auch tief in der dunklen Nacht, kurz vor dem Timeout in der Heia. Der Satz «Früher war alles besser» hat im Schweizer Eishockey ausgedient. Endgültig. Das freut nicht nur die Generation, die unter seniler Bettflucht leidet. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 28.02.2010, 21:52 Uhr
