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Die Schweiz muss das «Miracle on Ice» kopieren

Von Jonas Racine. Aktualisiert am 24.02.2010

Wenn heute Abend die Schweizer im Viertelfinal auf das US-Team treffen, braucht es mehr als nur einen sensationellen Hiller im Tor und einen magistralen Streit - es braucht ein Wunder.

Eine der grössten Hockey-Sensationen: Das amerikanische College-Team bezwing 1980 im Olympia-Halbfinal die scheinbar unbesiegbare UdSSR 4:3 und holte sich später den Olympiasieg.

Eine der grössten Hockey-Sensationen: Das amerikanische College-Team bezwing 1980 im Olympia-Halbfinal die scheinbar unbesiegbare UdSSR 4:3 und holte sich später den Olympiasieg.
Bild: Keystone

Als damals 1980 in Lake Placid das amerikanische College-Team die übermächtigen Sowjets im Halbfinal bodigte und nach einem weiteren Sieg über die Finnen die Goldmedaille gewann, sprach man vom «Miracle on Ice» oder, wie man es hierzulande nennt, dem Wunder auf dem Eis. Die Amerikaner waren gegen das vom unbarmherzigen Viktor Tichonow betreute UdSSR-Team der eigentlich chancenlose Aussenseiter.

Nicht ganz so aussichtslos präsentiert sich die Ausgangslage für die Schweizer, die heute Abend im Olympia-Viertelfinal auf die Amerikaner treffen. Denn obwohl diese bisher überzeugt haben und darüber hinaus ungeschlagen geblieben sind, kann man ihnen den Nimbus der Unbesiegbarkeit, der die «Sbornaja» damals umwehte, nicht zuschreiben. Zu behaupten die Schweizer seien Amateure, wäre ebenso untertrieben, verdienen doch die meisten Nationalspieler bei ihren Klubs gutes Geld. Zudem ist der Abstand im Spitzeneishockey bekanntlich kleiner geworden. Resultate wie die zwei Schweizer Sensationssiege über Kanada (2:0) und Tschechien (3:2) an den Olympischen Spielen von Turin 2006 beweisen dies.

Starke US-Boys

Und doch braucht das Nationalteam heute Abend ein Wunder, wenn der Olympiatraum weitergehen soll. Denn die Amerikaner haben in den Gruppenspielen gezeigt, zu was sie fähig sind. Starteten sie im Eröffnungsspiel gegen die Eidgenossen noch verhalten, liessen sie im «border battle», dem Duell mit dem nördlichen Rivalen, die Muskeln spielen. Mit einer kämpferisch und taktisch eindrucksvollen Darbietung besiegte man Kanada 5:3 und meldete gleichzeitig Ambitionen auf olympisches Edelmetall an.

Das Team hat alles, um es seinen berühmten Vorgängern gleich zu tun. Das beginnt bei Trainer Ron Wilson, der Erfahrung mit Schlitzohrigkeit paart und findet im qualitativ gut besetzten, jungen Kader seine Fortsetzung. Ryan Suter, Patrick Kane und Zach Parise sind die Namen der international noch unerfahrenen doch hungrigen Generation, die damit ebenfalls an das College-Team von 1980 erinnert.

Jim Craigs Nachfolger gefunden

Zu guter Letzt haben die Amerikaner in Ryan Miller einen würdigen Nachfolger des legendären Goalies Jim Craig gefunden. Der Torwart der Buffalo Sabres besticht sowohl an Olympia als auch im NHL-Alltag mit herausragenden Fangquoten. Auf ihn können die Amerikaner zählen, auch wenn der in der Schweiz wohlbekannte David Backes (das ist das Raubein, das Julien Sprunger kopfvoran in die Bande checkte) mahnt: «Wir dürfen uns nicht zu fest auf ihn verlassen. Er ist das Rückgrat unserer Mannschaft, wir müssen ihn abschirmen.»

Eine Aufgabe wie für Brian Rafalski geschaffen. Der Veteran, der als einer der wenigen im US-Team über olympische Erfahrung verfügt, erfreut sich bemerkenswerter Form und hat bereits vier Tore erzielt - als Verteidiger notabene. Seine Kreise gilt es für die Schweizer ebenso einzuschränken wie jene seiner quirligen Vorderleute.

Wieder Aussenseiter

Angesichts der Vorteile, die die Amerikaner auf ihrer Seite wissen, geht fast vergessen, dass sich die Schweizer im Gewand des Aussenseiters äusserst wohl fühlen. Vorbei sind die von gequälten Offensivanstrengungen geprägten Partien gegen Norwegen und Weissrussland. Endlich darf die Schweiz wieder Aussenseiter und Spielverderber spielen. Mark Streit bestätigt: «Das liegt uns besser. Wir mögen es, defensiv zu spielen.» Gelingt sowohl ihm als auch Jonas Hiller eine Parforce-Leistung, ist das Wunder möglich. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.02.2010, 14:38 Uhr