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Weissrussisches Roulette
Von Benjamin Muschg. Aktualisiert am 22.02.2010
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«Hey, wir haben gewonnen!», sagte Ralph Krueger nach dem letzten Gruppenspiel des Olympiaturniers wohl ebenso sehr zu sich selbst wie zu den Medienvertretern und ballte zur Bekräftigung die Faust. Zwei Tage nach der Niederlage gegen Kanada hatte sein Team Norwegen besiegt. Aber eigenartigerweise fühlte es sich genau umgekehrt an, auch für den Schweizer Nationaltrainer. Das 2:3 nach Penaltys gegen das hoch favorisierte Heimteam nannte er die beste Leistung seiner 13-jährigen Amtszeit. Über das 5:4 nach der Verlängerung des abschliessenden Gruppenspiels sagte er: «Wir sind als Team auseinandergerückt. Unsere Laufarbeit und das Spiel ohne Puck waren inakzeptabel. Uns hat der Respekt gefehlt.»
«Heimvorteil» für die Schweiz
Unter dem Strich hat die Nationalmannschaft aber nach Spielen gegen zwei NHL-Teams und die Nummer 11 der Weltrangliste genau das erreicht, was zu erwarten war: drei Punkte. Sie belegt damit in der Gruppe A den dritten, in der Gesamttabelle aller 12 Teams den achten Rang und spielt am Mittwoch gegen Weissrussland um den Einzug in den Viertelfinal. «Wir wollten auf einen unserer direkten Gegner treffen», sagte Krueger, der dazu neben den Weissrussen Deutschland und Lettland, nicht aber das starke slowakische Olympiateam zählt. Dank der besseren Tordifferenz hat die Schweiz in der Barrage zudem das Recht, seine Spieler bei Unterbrüchen jeweils nach den Weissrussen zu wechseln. «Dieser Heimvorteil ist für uns Trainer wichtig», betont Krueger.
Das Team von Michail Sacharow besteht mehrheitlich aus Spielern (12 von 23) des KHL-Klubs und Spengler-CupSiegers Dynamo Minsk. Und es ist auch für Krueger ein alles andere als unbekannter Gegner. Die Schweiz bestritt zuletzt innert zwei Monaten drei Testspiele gegen die Mannschaft, die in der Weltrangliste direkt hinter ihr auf Rang 8 liegt: eines im Dezember in der Slowakei und zwei im Rahmen der unmittelbaren Olympiavorbereitung vorletzte Woche in Winnipeg. Die ersten beiden Partien verloren die Schweizer trotz jeweils krasser Überlegenheit 1:2 nach Penaltyschiessen bzw. Verlängerung, im letzten siegten sie 6:2. Den Weissrussen fehlten in diesen Partien allerdings wie der Schweiz die NHL-Söldner.
Weissrusse verhaftet
Zwei ihrer vier Spieler aus der besten Liga gehören zum Team von Vancouver. Sie haben beim 5:3 im letzten Gruppenspiel gegen Deutschland ihre Stärke eindrücklich bewiesen. Montreals 22-jähriger Stürmer Sergei Kostitsin erzielte vier Skorerpunkte und hievte sich damit an die Spitze der Skorerliste des Turniers. Colorados 35-jähriger Verteidiger und Nationalteam-Captain Ruslan Salei schoss das entscheidende 4:3. Die beiden anderen weissrussischen NHLSpieler, Andrei Kostitsin (Montreal) und Michail Grabowski (Toronto) mussten wegen Verletzungen passen. Letzterer liess sich aber nicht davon abhalten, die Olympischen Spiele vor Ort zu verfolgen – und in der spielfreien Zeit über die Stränge zu schlagen. Der 26-jährige Grabowski wurde in Vancouver nach einer Schlägerei am frühen Samstagmorgen von der Polizei in Gewahrsam genommen und wieder freigelassen.
Falls die Schweiz an den Weissrussen scheitert, ist diese Partie zugleich die letzte für den Schweizer Nationaltrainer. «Ich versuche, das eiskalt durchzuziehen. Aber es gibt jeden Tag Momente, wo ich daran denke», sagt der Deutschkanadier. Sollte sein Team den Viertelfinal erreichen, muss es ihn mit der schwerstmöglichen Ausgangslage in Angriff nehmen. Die Schweiz würde dort nicht nur auf das beste Team der Gruppenphase (letzte Spiele nach Red.) treffen. Sie müsste auch bereits 12 Stunden nach der Partie gegen Weissrussland zum Viertelfinal antreten. Die Barrage findet am Mittwoch um 6 Uhr Schweizer Zeit statt, der Viertelfinal gleichentags ab 21 Uhr. Um Energie im Hinblick auf dieses Extremszenario zu sparen, sagte Krueger das gestrige Training ganz ab und wird die Spieler auch heute schonen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.02.2010, 20:57 Uhr
