Sport

Zu gut für die Goldmedaille?

Von Benjamin Muschg, Vancouver. Aktualisiert am 28.02.2010

Im olympischen Eishockey-Final gegen die USA muss Kanadas All-Star-Team auch gut verteidigen. baz.ch/Newsnet berichtet live ab 21.15 Uhr.

Riesige Erwartungshaltung der Fans: Die Kanadier stehen vor heimischem Publikum unter grossem Druck.

Riesige Erwartungshaltung der Fans: Die Kanadier stehen vor heimischem Publikum unter grossem Druck.
Bild: Keystone

«We want Canada!», sangen die amerikanischen Fans im Canada Hockey Place, während ihr Team am Freitag die Finnen 6:1 deklassierte. Ein paar Stunden später hatten die Kanadier die Slowakei im zweiten Halbfinal 3:2 niedergerungen und das Echo kam aus 17'000 Kehlen wesentlich lauter zurück: «We want USA!» Vor dem Olympiaturnier hatten alle vom Showdown gegen Russland geträumt. Nun gibt es den anderen Traumfinal. Das Duell gegen den grossen Bruder USA (heute um 21.15 Uhr MEZ) ist im grenznahen Vancouver mindestens so emotional wie dasjenige gegen die andere Eishockey-Grossmacht.

«Wir sind glücklich, die Chance zu haben, das zu tun, wofür wir hergekommen sind», sagt Kanadas Coach Mike Babcock. Gold im Eishockeyturnier der Männer zu holen, ist nicht nur der Job des Trainers und seiner Spieler. Es ist eine Mission von nationaler Bedeutung. Die Tausenden von Menschen in weiss-roten Eishockeytrikots, die Vancouver rund um die Uhr in den Ausnahmezustand versetzen, verlassen sich darauf. Und Millionen im ganzen Land erwarten nichts sehnlicher. Sie jubelten in den letzten zwei Wochen begeistert über jede der vielen Medaillen, die ihre Athleten holten. Doch keine davon wird in kanadischen Augen noch richtig glänzen, wenn das Eishockeyteam die Heimspiele heute nicht krönt.

Im US-Team gibt es Routiniers und harte Arbeiter

Für die Wettbüros ist das Heimteam Favorit mit einem Vorteil von fast 2:1. US-Trainer Ron Wilson ist mit dieser Rollenverteilung einverstanden. Und Babcock kann sich ein ironisches Grinsen nicht verkneifen, als er dagegenhält, die USA seien zu favorisieren.

Fest steht, dass auf den Kanadiern im Final der grössere Druck lastet. Und fest steht auch, dass sich dort die beiden klar stärksten Mannschaften der vergangenen zwei Wochen gegenüberstehen. Es ist kaum Zufall, dass es beim ersten olympischen Turnier auf dem schmaleren Eisfeld eines NHL-Stadions die beiden einzigen Mannschaften sind, die ausschliesslich aus NHL-Spielern bestehen.

Die Zusammensetzung der beiden nordamerikanischen Auswahlen ist allerdings höchst unterschiedlich. Kanada tritt mit einem Allstar-Team aus Offensivkünstlern und Powerplay-Spezialisten an, von denen jeder in seinem Klub eine Hauptrolle spielt. Von ihnen ragte bisher nicht Crosby heraus, sondern die komplett aus San Jose importierte Linie mit Thornton, Heatley und Marleau. Kanadas Olympiateilnehmer kassieren in der NHL im Durchschnitt 5,5 Millionen Dollar pro Jahr. Bei den Amerikanern sind es rund zwei Millionen weniger. Ihr General Manager Brian Burke und Wilson haben aus ihrem deutlich kleineren Spielerpool eine funktionierende Mischung aus harten Checkern und Arbeitern und einer kleinen Gruppe sehr begabter Stürmer zusammengestellt.

Das US-Team ist jung, aber von einigen Routiniers getragen. Vor allem von Ryan Miller, dem überragenden Goalie des Turniers. Wilson: «Wenn du einen grossartigen Goalie, bewegliche Verteidiger und begabte Stürmer hast, versuchst du, ihnen als Coach nicht im Weg zu stehen.» Womöglich hat sich in Vancouver ein USTeam gefunden, dessen Teile zueinander passen. Dafür spricht, dass die USA im ganzen Turnier nur drei Gegentreffer bei personellem Vollbestand kassierten – bei den Kanadiern waren es mit Ausnahme des Norwegen-Spiels jedes Mal mindestens zwei.

Gegen gut organisierte Teams tat sich Kanada schwer

So waren die Kanadier zwar kaum zu bremsen, wenn sie auf einen schwachen oder schlecht organisierten Gegner trafen. Wie beim 8:0 im Startspiel gegen die überforderten Norweger und beim 7:3 im Viertelfinal gegen undisziplinierte Russen. Daneben aber bekam das Starensemble Probleme, weil es nur zum Stürmen gemacht ist. Gegen die Schweiz gewannen die Kanadier erst im Penaltyschiessen, das Vorrundenspiel gegen die USA verloren sie – und den Finaleinzug hätten sie beinahe verspielt, als sich die Slowakei in der Schlussphase aufbäumte. Ein Team aus Topskorern ist nicht dafür gemacht, einen knappen Vorsprung zu verwalten. Deshalb geht in Kanada die Angst um, die Spieler könnten zu gut für Gold sein.

Babcock setzte deshalb mit fortschreitendem Turnier die wenigen braven Arbeiter häufiger ein. Der grosse Profiteur ist Brenden Morrow, der zuletzt dem Duo Getzlaf/Perry noch mehr Durchsetzungskraft verlieh und in den letzten beiden Spielen auch je einmal traf. Babcock: «Er ist ein anderer Typ als unsere Künstler, genau deshalb haben wir ihn ins Team geholt.» Heute zeigt sich, ob Kanada zu viel Crosby und zu wenig Morrow hat. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.02.2010, 13:23 Uhr