Sport
Ammann sammelte Daten für Gold
Von Christian Andiel, Whistler. Aktualisiert am 22.02.2010
Artikel zum Thema
- Bald fliegt Ammann mit der F/A-18
- Millionenpublikum für Simon Ammann
- «Ammann macht auf Federer»
- «Eine Kraft, ich kann sie nur magisch nennen»
- Ammann der König der Lüfte
- Olympia kostete 600 Millionen
- So kämpft sich der gestürzte Bobfahrer ins Leben zurück
- Entschädigung für Angehörige von Kumaritaschwili
Stichworte
Das Projekt «Vancouver 2010» wurde von Simon Ammann über drei Jahre akribisch verfolgt. Doch speziell im letzten Sommer setzte er sich mit seinen Betreuern zusammen, um nochmals eine ganz neue Qualität ins Spiel zu bringen. Sie fanden einen wissenschaftlichen Ansatz, der bislang einzigartig ist im Sport. Im Kern handelt es sich dabei um eine aufwendige Datensammlung, die etwa durch Pulsmessen oder via EKG erhoben wurde. Und zwar in verschiedenen Situationen: Im Training und im Wettkampf. So ergab sich ein jeweiliges Bild von Ammanns Körper- und Gemütszuständen, und zwar in einer Genauigkeit, wie man es bisher von einem Sportler noch nicht gekannt hat.
Verantwortlich für dieses «Experiment» waren vor allem Gerhard Tröster, Professor an der ETH Zürich, und Hanspeter Gubelmann, Sportpsychologe an der ETH und Betreuer der Schweizer Skispringer seit vielen Jahren. Tröster ist Leiter der Abteilung Elektronik. Der Schwerpunkt des Deutschen ist die Verkleinerung von Datenmessgeräten unter Beibehaltung ihrer Funktion sowie die Entwicklung von Sensornetzwerken, die am Körper angebracht werden.
Ein exaktes Erfolgsmuster
Ammann wurde also verkabelt über die Schanzen geschickt – auch bei den Sprüngen auf der Grossschanze von Vancouver war das so. Mit den ermittelten Daten konnte exakt festgestellt werden, in welchem Zustand er sich zum Beispiel befindet, wenn er sich «in Form fühlt». Man weiss nun, was es heisst, wenn Ammann davon redet, dass er «Gas gibt». Der Selbsteinschätzung des Athleten wurde ein Profil seiner Körperdaten zugeordnet. «Bei Simon war das Muster im Erfolgsfall jeweils absolut eindeutig, das heisst, es gibt exakt ‹sein› Erfolgsmuster», sagt Gubelmann.
Das Erreichen eines optimalen körperlichen und geistigen Zustands vor dem Start gilt in der Sportwissenschaft als massgeblich für die tatsächliche Leistung, die erbracht wird. Nun galt es, diesen Zustand des «Erfolgsmusters» bewusst herbeizuführen, wenn der
Wettkampf beginnt. Das Vorbereitungsprozedere wurde exakt darauf ausgerichtet. Dieses geht von der Bewegung am Morgen des Wettkampfs zur Aktivierung der Muskulatur bis zum Hochsteigen der Treppe, um an den Absprung zu gelangen. «Simon wollte sein Vorbereitungsprozedere überprüfen und optimieren, und es war die Idee, dieses zu objektivieren», sagt Gubelmann, also mit klaren Daten darzustellen.
Ist Erfolg tatsächlich planbar? Bis zu einem gewissen Grad schon, nur muss der Athlet seine Vorgaben auch technisch umsetzen, und im Skisprung zum Beispiel darf ihm der Wind keinen Streich spielen. Doch das Konzept von Gerhard Tröster und Hanspeter Gubelmann ist bestechend, das hat Ammann mit seinem Doppelsieg bewiesen.
Die Fis interessiert das Projekt
Ammann selbst studiert an der ETH bei Tröster, er möchte später auf diesem Gebiet weiterarbeiten. Und an der Datensammlung zeigt sich sogar der internationale Skiverband interessiert. Skisprung-Direktor Walter Hofer will sie nutzen für Fragen rund um Material und Sicherheit. Das sei hier vor allem auch deshalb gesagt, damit die Österreicher nicht auf die Idee kommen, Protest einzulegen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.02.2010, 11:35 Uhr
