Sport

Lambiel braucht die Dramatik

Von Monica Schneider, Vancouver. Aktualisiert am 18.02.2010

Eine Medaille ist trotz Rang 5 im Kurzprogramm für den Westschweizer möglich. Hauptfavorit in der Kür von heute Nacht ist aber Jewgeni Pluschenko.

Das Pacific Coliseum bebte, die 11'200 mehrheitlich kanadischen und fachkundigen Zuschauer hatten sich zu einer Ovation von ihren Sitzen erhoben, und Stéphane Lambiel wusste, dass er mit dem im zweiten Teil schmissigen «Wilhelm Tell» die richtige Wahl für sein Kurzprogramm getroffen hatte. «Ja, das Publikum hat sehr positiv auf meinen Auftritt reagiert, das gibt mir viel Kraft für die Kür», sagte er. Mit einer irrwitzig schnellen Pirouette, wie sie vor dem Schweizer noch kein Läufer gezeigt hat, hatte er seinen ersten Programmteil fantastisch abgeschlossen - und belegte zuletzt dennoch nur Rang 5.

Weniger glanzvoll als der Schluss war sein Start gewesen, bei dem ihm die Vierfach-/Dreifach-Kombination nicht nach Wunsch geglückt war, den zweiten Toeloop hatte er nur zweifach gedreht. Nach einem Drittel seiner Vorstellung hatte der Silbergewinner von Turin so rund 10 Punkte auf Jewgeni Pluschenko verloren, dem schon die Kombination makellos und auch ein Dreifach-Axel gelungen war. Dass Lambiel seinen Rückstand auf den Führenden und grossen Favoriten mit 6,22 Punkten in viel engeren Grenzen als noch an der EM hat halten können (13,7), verdankte der 24-Jährige der höchsten Bewertung in Choreografie, Interpretation und Ausführung. Mit 43 Punkten sicherte er sich in diesem Bereich 4 mehr als der Russe.

«Alles möglich, ich kenne mich»

Die Ausgangslage ist keine neue für Lambiel, der kaum einmal von der Spitzenposition aus und mit Vorsprung die Kür hat angehen können. Oft schon hat er die Vermutung geäussert, dass er den Druck der Rücklage wohl brauche, um die vor ihm Klassierten jagen zu können. Irgendwie würde das auch zu seiner Charakteristik passen, er liebt die Dramatik und Spannung. Dies unterscheidet den Walliser von vielen anderen Läufern, er ist nervenstark in den entscheidenden Momenten. In den Katakomben des Coliseum sagte er denn auch: «Sechs Punkte sind nicht enorm viel, es ist noch alles möglich, ich kenne mich.» Zuletzt kämpfte er sich an der EM ebenfalls vom fünften Rang noch auf den zweiten vor, und in der Kür in der Nacht auf morgen (Start 2 Uhr Schweizer Zeit, Lambiels Gruppe ab 05.15) hat er weitere Vorteile.

Das seltene Double

Vor ihm und hinter Pluschenko liegen der aktuelle Weltmeister Evan Lysacek (USA), der, ganz in Schwarz, mit eleganten raumgreifenden Schritten und weiten Armbewegungen einem Kraken gleich das Eis eroberte und Zweiter wurde, sowie die beiden Japaner Daisuke Takahashi und Nobunari Oda, zwei eher wirblige, kleine Springer und Techniker. Dieses Trio beherrscht derzeit den Vierfachsprung höchstens im Training, was an der WM 2009 und im GP-Final noch keinen Einfluss hatte.

Seit Pluschenko und Lambiel jedoch zurückgekehrt sind, wird wieder mit anderem Massstab gemessen. Gelingen dem Schweizer die Vierfach-/Dreifach-, eine Dreifach-/Dreifach-Kombination sowie später nochmals ein Vierfachsprung ohne Fehler, ist mindestens Silber möglich. Zumal Lambiel seit neuestem von hohen, aber keinesfalls zu hohen Bewertungen in der früheren B-Note profitiert. Den 4-Punkte-Vorteil in diesem Bereich auf Pluschenko könnte er in der Kür ohne weiteres aufs Doppelte ausbauen, womit der Rückstand bereits gutgemacht wäre.

Pluschenko steuert auf das seltene Double zweier Goldmedaillen in Folge hin, dies gelang letztmals einem Amerikaner vor 60 Jahren. Der Druck liegt also bei ihm, und dass es auf das Duell mit dem Schweizer hinauslaufen wird, sprach er nach der Kurzkür an. Die Zukunft des Eiskunstlaufens seien Vierfachsprünge, «unser Sport muss sich wie andere weiterentwickeln». Damit dürfte er Lysacek, Takahashi und Oda gemeint haben. Lambiel sieht dies nicht ganz so. Wenn er heute zu «La Traviata» läuft, ist dies für ihn auch eine Form der Kunst.

Lambiel: Mit Leidenschaft und tadellosen Sprüngen zur Medaille? Foto: Keystone (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.02.2010, 20:28 Uhr