Sport
Die dunkle Seite von «schneller, höher, stärker»
Von Sascha Rhyner. Aktualisiert am 27.02.2010
Olympische Winterspiele Vancouver 2010
Juan Antonio Samaranch pflegte bei der Schlussfeier von Olympischen Spielen jeweils von den «best games ever» - den besten Spielen - zu sprechen. Sein Nachfolger als IOC-Präsident, der Belgier Jacques Rogge, macht dies - in abgewandelter Form und etwas weniger absolut - auch. Aber wie gut waren die Spiele wirklich? Was für die Schweizer Bilanz gilt, kann auch auf die gesamten Spiele in Vancouver und Whistler angewendet werden.
Dass noch vor der offiziellen Eröffnungsfeier der georgische Schlittler Nodar Kumaritschwili bei einem Unfall im Eiskanal verstarb, warf einen dunklen Schatten über die Spiele, den die Organisatoren mit aller Kraft auszuleuchten versuchten. Doch Schatten gab es immer wieder. Für das unbeständige Wetter können die Kanadier mit Bestimmtheit nicht verantwortlich gemacht werden; Verschiebungen sind bei Veranstaltungen unter freiem Himmel nun einmal nicht auszuschliessen.
Die saubersten Spiele aller Zeiten?
Die Olympischen Spiele von Vancouver werden auch die saubersten Spiele aller Zeiten sein. Zumindest sind sie es offiziell bis jetzt. Es bleibt in Erinnerung, wie sich das IOC und die Wada vor den Spielen freuten, dass sie 30 Athleten hätten sperren können, die gedopt hätten. Die Medienkonferenz suggerierte etwas vollkommen anderes, als es in Tat und Wahrheit war. Die Zahl der negativen Test darf nicht mit saubereren Athleten gleichgesetzt werden. Vielmehr deutet die Tour de France des letzten Jahres ohne nennenswerten Skandal ebenso wie nun die vermeintlich dopingfreien Spiele daraufhin, dass die Kontrolleure den Sündern nicht näher gekommen sind.
Die Spiele von Vancouver werden aus Schweizer Sicht vor allem mit dem Doppelolympiasieg von Simon Ammann in Erinnerung bleiben. Das Eishockeyturnier dürfte es aus internationaler Sicht sein - und auch aus der Perspektive der Gastgeber. Es waren aber auch die Spiele der streikenden Eismaschinen, des fluchenden, weil disqualifizierten holländischen Eisschnellläufers, des Bindungstheaters um Ammann, das die Österreicher erfolglos inszenierten.
Dem Spektakel zu viel untergeordnet
Neue sportliche Helden gebar Olympia kaum. Wir werden uns an Anja Pärson erinnern, die in der Abfahrt wie so viele andere so furchtbar gestürzt war, und dann am nächsten Tag schon fast wundersam in der Kombination die Bronzemedaille holte. Die kanadische Eiskunstläuferin Joannie Rochette, die nur wenige Tage nach dem überraschenden Tod ihrer Mutter die Bronzemedaille gewann und so für den menschlichsten und emotionalsten Höhepunkt der Spiele sorgte, hat mich bewegt. Die Reaktion des Publikums nach dem Kurzprogramm war herzergreifend.
In Erinnerung bleiben die Spiele aber auch mit dem Eiskanal, den zahlreichen Stürzen im Bob. Der zweifache Olympiasieger von Sarajevo, Wolfgang Hoppe, forderte nach Stürzen im Viererbob sogar, dass man die Konkurrenz abbrechen und keine Medaillen verteilen soll. Mit zwei deutschen Schlitten auf dem Podest nach dem ersten Tag notabene. Die Organisatoren aber auch der Bob-Verband hatten weder grosses Verständnis für diese Forderung noch ein Gehör für eine entscheidende Entschärfung des gefährlichen Eiskanals. Und so ist es wieder dieses erste Bild der Spiele, der fürchterliche Abflug von Kumaritschwili, das diese Spiele prägte. Und das bleiben wird. Dem Spektakel, dem offiziellen olympischen Motto «citius, altius, fortius» («schneller, höher, stärker»), wie es Baron Pierre de Coubertin, der Erfinder der Spiele der Neuzeit, formulierte, wurde zu viel untergeordnet. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.02.2010, 15:03 Uhr
