Sport

«Eine Wintersportnation trägt Kuhglocken»

Aktualisiert am 17.02.2010

Mehr Klischee geht kaum: Kuhglocken, Dirndl und Holzgeschirr. Dies beobachtete die «Süddeutsche Zeitung» bei den Schweizer Medaillenfeiern.

Organisierten, folkloristisches Gedränge: Simon Ammann auf dem Weg ins House of Switzerland.

Organisierten, folkloristisches Gedränge: Simon Ammann auf dem Weg ins House of Switzerland.
Bild: Keystone

Bis gestern thronten die Schweizer mit den Goldmedaillen von Simon Ammann, Didier Défago und Dario Cologna über allen anderen Nationen im Medaillenspiegel. Das erstaunte auch den grossen Nachbarn Deutschland, der uns mittlerweile zwar überholt hat und nun auch an der Spitze des ewigen Medaillenspiegels von Winterspielen steht. Die «Süddeutsche Zeitung» beobachtete in Whistler Mountain eine Aufruhr, wenn die Schweizer ihre Medaillen zelebrieren.

«Sie prozessieren vom unweit entfernten Medals Plaza mit grossem Spektakel hinauf zu ihrer Dependance, mit Kuhglocken und viel Folklore», sah der Reporter. Das House of Switzerland liegt an einem kleinen Platz in einer schönen Fussgängerzone und heisst im richtigen Leben «Mountain Club». Die Prozession werde von den Medaillengewinnern angeführt, «hinter ihnen gingen zwei Frauen im Dirndl, die eine Schweizer Fahre trugen, und dahinter einige Männer mit Bommelmützen und riesigen Kuhglocken. Einem hatten sie sogar ein Holzgeschirr umgehängt, damit er zwei Kuhglocken tragen konnte, es war ein ohrenbetäubender Lärm, aber auch ein spektakulärer Lärm, wenn man bedenkt, dass das alles in einem kanadischen Bergdorf stattfand.»

Der Hang zur klaren Definition

Der Reporter der «Süddeutschen Zeitung» sah aber nicht nur Tradition und Folklore, sondern auch das, was als Tugend durchaus auch den Deutschen zuschreibt. «Aber die Schweizer sind natürlich immer noch die Schweizer, organisiert und professionell wie die Deutschen.» Es habe genaue Abläufe der Prozessionen für Journalisten und Fotografen gegeben, ausserdem durften Lokalradios, denen Interviews auf den offiziellen olympischen Anlagen hochstrikt untersagt sind, auf einem abgelegenen Parkplatz mit den Medaillengewinnern sprechen.

Und von diesem gab es an den ersten vier Olympiatagen eben schon vier. Das schreibt die «Süddeutsche Zeitung» auch dem «Hang zur klaren Definition» zu, und dass das Wort des Cheftrainers – anders als in Deutschland – nicht «unumstössliches Gesetz» sei. Und als formidable Konklusion: «Und nicht zuletzt gibt es ja noch die Sache mit der Identität, der Herkunft, der Umgebung, die die Schweizer nun mal naturgemäss haben. ‹Wir sind eine echte Wintersportnation›, sagt Dario Cologna, der Langläufer. Und eine echte Wintersportnation, so ist das nun mal, trägt eben Kuhglocken.» (son)

Erstellt: 17.02.2010, 15:49 Uhr