Sport

«Dort konnte man abstürzen»

Von Martin Born, Whistler. Aktualisiert am 14.02.2010

Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann kennt die mentale Belastung, wenn sich Rennen immer wieder hinauszögern.

Urs Lehmann, Sie wurden 1993 in Morioka Weltmeister, nachdem die Abfahrt mehrmals hatte verschoben werden müssen. Wurden Sie in Whistler schon um Rat gefragt, wie man mit solchen Situationen umgeht?
Das ist schon passiert. Aber nicht erst hier. Wir hatten ja schon bei den letzten Weltmeisterschaften von Val d’Isère oder Are ähnliche Situationen. Dabei geht es immer um dasselbe: Die mentale Stärke des Athleten.

In Morioka scheiterten aber sogar mental starke Athleten wie Franz Heinzer.
Er scheiterte, weil er genau in diesem Moment zu wenig stark war.

Wo lauern die Gefahren, wenn ein Rennen immer wieder verschoben wird?
Man muss im Geist flexibel bleiben. Man muss fokussiert sein. Es braucht den roten Faden, dem man folgt, doch zu diesem roten Faden gehört auch der Plan B für den Fall von Verschiebungen auf morgen, auf übermorgen oder auch in einer Woche. In Morioka fand das Rennen mit sieben oder noch mehr Tagen Verspätung statt. Wem es gelingt, bei einer Absage sehr schnell loszulassen und sich neu einzustellen, hat schon viel gewonnen. Wer beginnt, sich über Details aufzuregen, die man ohnehin nicht beeinflussen kann, hat es schwer.

Wie haben Sie das in Morioka erlebt? Merkten Sie, wie einige Gegner die Nerven verloren?
Es war eine besondere Situation. Alle Athleten waren im gleichen Hotel mit einem grossen Frühstückssaal. Um ihn zu betreten, mussten alle durch die gleiche Türe gehen. Es genügte, sich dort hinzusetzen und den Leuten ins Gesicht zu schauen, um zu wissen, was los ist. Man sah jedem an, ob er noch im Rennen oder schon weg war. Es gab schon damals ein House of Switzerland und eine Casa d’Italia, und wer den Koller hatte, konnte dort abstürzen. Das passierte auch meinen Schweizer Kollegen.

Wie kämpft man gegen diesen Koller?
Man muss extrem bereit sein. Und dafür braucht es mentales Training während Monaten. Viele Athleten machen das noch mit zu wenig Konsequenz. Es gibt viele Top-Athleten mit Top-Material. Doch im mentalen Bereich gibt es enorme Unterschiede.

Wie gross ist der Aufwand für mentales Training. Braucht es dafür Trainer oder lässt es sich selber erarbeiten?
Das mentale Training ist das persönlichste bei der Vorbereitung. Es lässt sich im Gegensatz zum Konditionstraining nicht standardisieren. Es erfordert viel Eigeninitiative der Athleten, und genau daran scheitern viele.

Was machten Sie genau?
1992 verletzte ich mich drei Tage vor der Abreise zu den Olympischen Spielen. Ich blickte zurück auf meine Karriere, stellte fest, dass ich im Training oft gut war und es im Rennen nicht umsetzen konnte. Und ich kam zum Schluss, dass es so nicht weitergehen könne. Also nutzte ich die Zeit für ein paar mehrtägige Kurse zum Thema Visualisieren oder Ausmerzen von Fehlern. Ich habe während eines ganzen Jahres konsequent daran gearbeitet. 1993 in Morioka hat mir das extrem geholfen. Doch jeder muss seinen Weg selber finden, nicht jeder spricht auf das Gleiche an. Das Spektrum zwischen Iceman Janka und Energiebündel Cuche ist ja extrem gross.

Cuche ist für Sie ein Musterbeispiel für einen starken Kopf.
Ich kenne ihn schon seit langem. Ich war im Team, als er 1993 sein erstes Weltcuprennen bestritt, und erlebte ihn später, als er bei Salomon bei mir unter Vertrag war. Als er 2005 nach seinem Unfall zurückkam, war er ein anderer Mensch. Er hatte andere Werte. Er war völlig abgeklärt, konnte abstrahieren, fokussieren, so wie man ihn heute eben wahrnimmt. Er nähert sich dem perfekten Rennfahrer: technisch brillant, körperlich sensationell und mental auf extrem hohem Niveau. Wobei er sich all das erarbeitet hat. Er war ja nicht das grosse Talent, er war ein unsteter Charakter mit emotionalen Schwankungen. Doch heute hat er alles im Griff. Früher ging er auf Journalisten los. Heute weiss er, wie er mit ihnen umgehen muss. Das ist eine Professionalität, wie ich sie noch nie erlebt habe.

Verdankt er diese Wandlung auch den Medienkursen, die von Swiss Ski angeboten werden?
Es ist vielmehr eine Persönlichkeitsentwicklung, die er vorangetrieben hat.

Die Erwartungen an das Skiteam sind hoch – so hoch wie nie mehr seit 1992 als wir Heinzer, Accola und Schneider hatten und es doch nur eine Medaille durch Locher gab. Haben Sie schon daran gedacht, dass sich so etwas wiederholen könnte?
Vom Verband aus kann man nicht mehr machen, als für ein möglichst perfektes Umfeld zu sorgen. Ich bin überzeugt, dass wir dabei ein hohes Niveau erreicht haben. Doch es gibt keine Garantie für Medaillen. Das Risiko für eine Wiederholung von 1992 bleibt. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 14.02.2010, 14:24 Uhr