Sport

«Eine Kraft, ich kann sie nur magisch nennen»

Interview: Christian Andiel, Whistler. Aktualisiert am 21.02.2010

Nach seinem insgesamt vierten Olympia-Gold schwebt Simon Ammann auf Wolke Sieben. Der nun doppelte Doppelolympiasieger konnte sein Glück kaum fassen.

1/10 Simon Ammann reagiert euphorisch nach seinem zweiten Gold-Sprung.
Bild: Reuters

   

«Simon hatte bei seinen ersten Sprung schlechtere Windverhältnisse als Adam – zum Glück.» Martin Künzle, der Schweizer Cheftrainer, machte mit seiner Aussage klar, wie gross die Unterschiede zwischen Ammann und dem Rest der Konkurrenz war: Der Schweizer hatte dem Polen Adam Malysz in diesem ersten Durchgang sieben Meter abgenommen, Künzle mochte sich nach diesem «wirklich perfekten Sprung» lieber nicht vorstellen, wo sein Schützling bei optimalen Bedingungen gelandet wäre.

Ammann selbst schwebte auch lange nach seinem Siegsprung noch auf Wolke 7, auf der Pressekonferenz musste er immer wieder lächeln, schüttelte dann den Kopf, als müsse er sich permanent klar machen, was da eben geschehen war. Doch in seiner Analyse war der 28-jährige Toggenburger klar wie immer.

Simon Ammann, können Sie kurz beschreiben, wie Sie sich als vierfacher Goldmedaillen-Gewinner fühlen?
Hm, das ist schwer. Denn Sie müssen sich das mal vorstellen: Sie kommen nach Kanada, ganz weit von daheim weg, Sie haben einen Plan und eine klare Vorstellung von dem, was Sie hier tun möchten. Und dann geht tatsächlich alles so auf, wie es meine Vision war... Das ist eine Kraft, ich kann sie nur magisch nennen.

Es lief sehr ähnlich ab wie vor acht Jahren in Salt Lake City.
Vom Resultat her stimmt das, vom Ablauf her war es schon ein wenig anders: 2002 war ich in guter Form und habe einfach meine Chance als Aussenseiter genutzt. Hier war ich der Favorit, diese Siege in Whistler habe ich mir sehr bewusst erarbeitet.

Auf jeden Fall scheint Ihnen die Luft in Nordamerika gut zu tun.
Ja, vor allem, wenn der Pazifik nahe ist: Ich bin in Sapporo auch Weltmeister geworden. Vielleicht sollte ich es mal auf Hawaii mit Skispringen probieren…

Würden Sie einen Vergleich mit Roger Federer annehmen?
Nein, nicht wirklich. Roger besticht durch eine unglaubliche Konstanz auf höchstem Niveau, und das über viele Jahre hinweg. Ich bin eher der Typ für diese speziellen Momente, in denen ich einfach loslassen kann. Aber generell ist es doch schön für die Schweiz, dass sie immer wieder so gute Sportler hat, oder?

Wie beurteilen Sie im Nachhinein das Theater um die Bindung?
Es gibt dieses Modell schon länger, und deshalb hat es mich schon überrascht, dass die anderen so lange gebraucht haben, bis sie das bemerkt haben bei uns. Und dann fand ich es seltsam, dass soviel Lärm um eine keineswegs neue Sache gemacht wird. Für uns war es so aber doppelt gut: Wir hatten neben dem technischen auch den mentalen Vorteil.

Aber die Bindung allein macht keinen Olympiasieger.
Nein, und auch deshalb hab ich das Theater nicht ganz verstanden. Man kann doch den Erfolg nicht auf ein einziges Detail schieben! Wenn man mit soviel Risikobereitschaft von der Schanze geht, wie ich das tue, dann ist das vor allem die Folge eines unglaublichen Selbstvertrauens. Ich bin relaxt geblieben, und deshalb konnte ich so aggressiv wie kein anderer über die Schanze gehen. Damit habe ich enorm Geschwindigkeit gemacht und konnte vor allem den ersten Flug so weit ziehen…

...da haben Sie dem Zweitplatzierten Malysz sieben Meter abgenommen…
...ja, und ich habe es deshalb mit dem Telemark auch nicht so ernst genommen. Aber das ist jetzt auch egal.

Sie tragen wieder Ihr spezielles Sonnenbrillen-Modell. Ist das Ihr neues Markenzeichen?
Ganz genau. In Salt Lake City hatten wir die silbernen Mäntel, so etwas haben wir hier nicht. Aber ich habe mir gedacht: Irgendein extravagantes Teil brauchst du schon. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.02.2010, 10:25 Uhr