Sport
«Es ist alles angerichtet»
Von Christian Andiel, Whistler. Aktualisiert am 14.02.2010
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«Ich dachte mir: Mensch, du bist der Leader im Weltcup, du bist der Letzte, der auf der Schanze steht – es ist doch alles angerichtet.» So schilderte Simon Ammann seine Gedanken, als er auf seinen zweiten Sprung wartete. Der Sprung, der ihm schliesslich seine dritte olympische Goldmedaille einbrachte. Die Konkurrenz hatte stark vorgelegt: Gregor Schlierenzauer war auf 106,5 Meter hinuntergesegelt, damit katapultierte er sich letztlich auf Rang 3 und verhinderte ein Debakel der Österreicher; Adam Malysz, der Routinier aus Polen, hatte sich mit 105 Metern seine dritte olympische Medaille gesichert. Doch Ammann interessierte das alles nicht. Mit 108 Metern stand er wieder den weitesten Flug, der Meister war gefunden.
Malysz von Ammann zum zweiten Mal um Gold geprellt
Malysz war zufrieden, obwohl er, wie schon 2002, von Ammann um Gold gebracht wurde. Auch Schlierenzauer anerkannte die Überlegenheit des Schweizers: «Simi war heute besser, aber ich bin über meine Medaille mehr als glücklich – so kann es weitergehen.» Und es wird weitergehen, am nächsten Samstag folgt das Springen auf der grossen Schanze. Ammann ist gerüstet.
Denn bis dahin werden die körperlichen Auswirkungen vergessen sein, die auf die gestrigen Feierlichkeiten folgten. Ammanns Teamkollege Andreas Küttel gab einen kleinen Vorgeschmack auf die Partystimmung, er vergass nach Ammanns Siegsprung seine eigene tiefe Enttäuschung über den 35. Rang, sprang über alle Zäune und hüpfte Ammann in die Arme. Daneben jubelten die anderen Schweizer unter den 6200 Zuschauern, die sich den Ausflug in den Whistler Olympic Parc nicht hatten nehmen lassen: die Bobfahrer, Bundespräsidentin Doris Leuthard, Alt-Bundesrat Pascal Couchepin. Und auch die alpinen Skifahrer, angeführt von Didier Cuche und Carlo Janka, die plötzlich Zeit hatten, weil ihre Abfahrt abgesagt werden musste.
Eine frühe Befreiung für die ganze Delegation
Denn Ammann hatte neben seinem ganz persönlichen Höhepunkt auch das ideale und erhoffte Zeichen für die gesamte Delegation gesetzt. Gold im ersten Wettkampf, besser kann es nicht gehen, und man darf diesen Punkt nicht unterschätzen: «Ein Sieg von Simi würde zwar meine Ski nicht schneller machen», sagte etwa Langläufer Dario Cologna am Freitag, «aber es bringt schon Ruhe, wenn man nicht ewig auf die erste Medaille warten muss.»
Diese Medaille ist nun eingefahren, und die Basis dafür hatte Ammann im Probedurchgang gelegt. Schon dort riskierte er viel und landete bei 108,5 Metern – mindestens vier Meter weiter als alle anderen. «Das war das Ziel», sagte Cheftrainer Martin Künzle hinterher, «damit wurde die Jury gezwungen, den Anlauf zu verkürzen.» Und das wiederum bedeutete, dass Ammann nicht befürchten musste, so weit und vor allem so hoch zu fliegen, dass er keinen vernünftigen Telemark bei der Landung setzen konnte. Die Jury verkürzte den Anlauf, Ammann dankte es mit einer sauberen Landung, die ihm bessere Stilnoten einbrachte als Schlierenzauer – und ihm damit einen vermeintlichen Vorteil raubte.
Ein Olympiasieg der Reife und der Arbeit
Es war rundum eine Demonstration von Entschlossenheit und Zuversicht, gepaart mit einer perfekten Technik. Das doppelte Gold in Salt Lake City war vor allem der jugendlichen Unbekümmertheit zu verdanken, das Gold von gestern ist ein Resultat von Arbeit und Reife. «Ich bin viel aufgewühlter als damals», sagte Ammann. Er wusste, dass es der schwierigste Olympiasieg war.
(SonntagsZeitung)
Erstellt: 14.02.2010, 12:54 Uhr
