Auf dem Sprung zur Nummer 1

Pius Schwizers verrückte Woche: vom Hausbrand zum CSI Zürich, wo er die Weltranglistenspitze erobern kann.

Pius Schwizer hier am CSI Basel hatte eine verrückte Woche.

Pius Schwizer hier am CSI Basel hatte eine verrückte Woche.
Bild: Keystone

Der Schock war gross. Als Pius Schwizer am vergangenen Sonntagabend in seinem Wohnort Oensingen die Autobahn A 1 verliess, sah er das riesige Flammenmeer schon von weitem. «Der Himmel war taghell erleuchtet», beschreibt er die Situation bei seiner Ankunft auf seinem Anwesen, auf dem er seit zehn Jahren lebt. Während die Feuerwehren von Oensingen und Balsthal rund zwei Stunden lang den Vollbrand im Dachstock des Wohnhauses erfolgreich bekämpften, evakuierten Schwizer und zahlreiche Helfer rund 20 der 70 auf dem Klushof stationierten Pferde aus den angebauten Stallungen. Die Tiere waren zwar nicht unmittelbar gefährdet, aber durch die Hitze, den Brandgeruch und den Lärm der geborstenen Ziegel völlig aufgeregt.

Nächte im Pferdetransporter

Einige Nächte haben der 47-jährige Pius Schwizer und seine Freundin Nicole Scheller danach im Wohnbereich eines seiner grossen Pferdetransporter verbracht. Und auch weitere Bewohner mussten vorübergehend aus den ausgebrannten oder vom Löschwasser zerstörten Wohnungen ausziehen. Auf rund eine halbe Million Franken schätzt Schwizer den Schaden durch den Brand, der vermutlich durch eine achtlos liegengebliebene Zigarette entstanden ist.

Freud und Leid liegen manchmal nahe beisammen. Eben noch hatte Springreiter Pius Schwizer am Sonntagnachmittag den Sieg im Hauptereignis an einem Hallenconcours im aargauischen Würenlos feiern können, wenig später erhielt er den Anruf mit der Schreckensbotschaft. Der Erfolg mit einem Nachwuchspferd war bislang der letzte einer langen eindrücklichen Serie, die im vergangenen Sommer an der EM in Windsor (Gb) mit dem Gewinn der Goldmedaille in der Teamwertung den Höhepunkt erreichte. Daneben gewann er unter anderem vier Grand Prix, mit dem Team den Nationenpreis in La Baule (Fr) und gleichenorts das Derby. Er wurde Schweizer Meister und auch Cupsieger und war Schnellster im Jagdspringen an der EM.

Über 1 Million Gewinnsumme

Über eine Million Franken betrug 2009 die Gewinnsumme, die er zur Hälfte mit den Besitzern seiner Pferde teilt. Entsprechend schnell konnte er auch seine Position in der Weltrangliste verbessern. Von Rang 37 zur gleichen Zeit im Vorjahr auf den dritten Platz in diesen Tagen. Nur gerade 38 Punkte fehlen ihm noch für die Erfüllung des grossen Traums, nach Willi Melliger und Markus Fuchs als dritter Schweizer der beste Springreiter der Welt zu sein. Bereits in den kommenden Tagen am Mercedes-CSI im Zürcher Hallenstadion könnte dieser wahr werden.

Dank der zahlreichen Erfolge ist Pius Schwizer im internationalen Springsport etabliert. «Plötzlich hat man mich ernst genommen, und die Konkurrenz hat begriffen, dass ich auch etwas kann», sagt er fast ein wenig trotzig und erinnert sich dabei an frühere Zeiten, in denen er weit weniger talentierte Pferde reiten musste.

Millionenangebote abgelehnt

Heute sind es in erster Linie Weltklassepferde, die ihm verschiedene Besitzer zur Verfügung stellen. Allein zehn davon gehören François Leiser, einem im Waadtland lebenden Belgier. Der 13-jährige Wallach Ulysse etwa, mit dem Schwizer EM-Gold holte, oder Carlina, die zu den hoffnungsvollsten Nachwuchspferden im internationalen Springsport zählt. Die erst 9-jährige Stute ist deshalb ständig im Visier von potenziellen Käufern, und ihr Besitzer erhält nach praktisch jedem Turnier lukrative Angebote, manchmal sogar in mehrstelliger Millionenhöhe. Doch der 70-jährige Rentner, der früher in Antwerpen im Diamantenhandel tätig war, lehnt ebenso regelmässig ab. «Melden Sie sich nach dem Olympischen Spielen 2012 wieder», pflegt François Leiser jeweils zu sagen.

Noch ein anderer Besitzer sah sich mit einer äusserst grosszügigen Offerte konfrontiert, ging aber nicht darauf ein. Drei Millionen Franken soll der mexikanische Multimillionär und Pferdezüchter Alfonso Romo für Nobless M geboten haben. Doch Hannes Meindl lehnte ab. Der bayerische Industrielle aus der Modebranche hat das Potenzial der heute 12-jährigen Schimmelstute selber erkannt und will später mit ihr züchten. Über längere Zeit litt Nobless M an einer Knochenhautentzündung und weilt derzeit zur Erholung im Gestüt der Familie Meindl im oberbayerischen Rothanschöring. Bereits hat sie mit Meindls Tochter Barbara wieder einige Sprünge absolviert, und in den nächsten Wochen soll sie wieder in ihre Boxe in Oensingen zurückkehren.

Spitzenpferd verkauft

Auch Pius Schwizer hält sehr viel von der Stute: «Wäre sie gesund geblieben, wäre ich heute schon die Nummer 1», ist er überzeugt. Ein weiteres Grand-Prix-Pferd dagegen ist Mitte Januar verkauft worden. Der 14-jährige Wallach Unique - mit einer Gesamtgewinnsumme von einer halben Million Franken das bisher erfolgreichste in der Schweiz gezüchtete Springpferd - wird seine Karriere bei einem Nachwuchsreiter in São Paulo beenden.

Auch der 11-jährige Schimmel Loving Dancer, mit dem Schwizer im vergangenen Jahr in Deutschland einen Grand Prix gewann, hat mittlerweile den Besitzer gewechselt und wird in Kanada von Tani Zeidler geritten. Doch in den Stallungen in Oensingen stehen noch einige weitere hoffnungsvolle Nachwuchspferde, die dereinst die Karriere von Pius Schwizer auf höchstem Niveau lange sichern sollen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.01.2010, 11:19 Uhr

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