Endet in den USA gerade der Boom von Livesport am TV?

Über fünf Milliarden Dollar zahlen die TV-Stationen in den USA für Spiele der National Football League pro Saison. Doch jetzt sinken die Einschaltquoten im zweistelligen Bereich.

Schall und Rauch in der NFL: Erleben die USA gerade eine Wende im TV-Verhalten von Sportfans?

Schall und Rauch in der NFL: Erleben die USA gerade eine Wende im TV-Verhalten von Sportfans? Bild: Reuters

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Eine Fussball-Weltmeisterschaft mit 48 Mannschaften, der Final der Champions League in New York? Gianni Infantino und Aleksander Ceferin überbieten sich derzeit gerade mit Gedankenspielen, wie sie mit ihrem Sport noch mehr Geld in noch mehr Ländern dieser Welt verdienen könnten. Mehr ist immer mehr, lautet das Motto.

Doch vielleicht sollten die Präsidenten des Weltfussballverbandes Fifa und der europäischen Uefa einen Blick in die USA werfen. Dort stehen die Verantwortlichen der National Football League (NFL) gerade vor einem für sie gefährlichen Phänomen: Jahrelang war wie im Fussball auch im Football die Zahl der Fernsehzuschauer stets gestiegen. Doch derzeit brechen die Quoten regelrecht ein: um elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Die USA als Trendsetter

Es gibt einige Anzeichen dafür, dass die sinkenden Einschaltquoten strukturelle Gründe haben könnten. Und weil die USA im Medienverhalten meistens Trendsetter sind, sollten die Verantwortlichen des Fussballs sehr genau hinschauen. Zumal die europäischen Grossclubs nur zu gerne das von der NFL generierte Geld als erstrebenswertes Ziel ausgeben.

Die NFL hat ihre Einnahmen ähnlich wie der Fussball dadurch gesteigert, dass sie ihr Angebot stetig ausgebaut hat. Spiele unter der Woche sind nun auch im Football üblich. Die zehn Donnerstagspartien wurden zuletzt für 900 Millionen Dollar verkauft. Pro Saison. Das hat die Gesamteinnahmen der NFL auf 5,75 Milliarden Dollar pro Spielzeit anwachsen lassen.

Der Grund ist recht einfach: Das traditionelle TV sucht weltweit verzweifelt nach Inhalt, mit dem es seine Zuschauer bei der Stange halten kann. Die Zeit ist vorbei, in der Sendungen im Stile von «Wetten dass..?» ganze Nationen gleichzeitig vor dem Schirm vereinen konnten. Filme, Shows, Serien können immer und überall abgespielt werden. Ein Smartphone und eine stabile Internetverbindung reichen.

Wann platzt die Blase?

Einer der Rettungsanker des linearen TV ist die Liveberichterstattung. Darum wird derzeit Geld in die grossen Sportarten gepumpt, als gäbe es kein Morgen. Die bange Frage, die sich dabei immer stellt: Wird die Blase einmal platzen? In den USA scheint es nun erste Anzeichen dafür zu geben.

Eine eindeutige Erklärung wurde bislang zwar nicht gefunden. Die Gedankenspiele beginnen bei der laufenden Präsidentschaftsdebatte. Und enden tatsächlich bei der Theorie, die Zuschauer könnten verärgert sein, weil einige Spieler bei der Nationalhymne knien, um gegen Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze zu protestieren.

Eli Harold, Colin Kaepernick und Eric Reid (v. l.) von den San Francisco 49ers knien zur Nationalhymne. (Foto: Reuters)

Das wären mehr oder weniger einmalige Effekte, die die NFL ohne grössere Probleme überstehen könnte. Doch die Probleme dürften tiefer liegen. Da ist zum einen die Übersättigung des Marktes durch immer noch mehr Übertragungen. Mark Cuban, der Besitzer der Basketball-Franchise Dallas Mavericks, warnte die NFL schon 2014: «Wenn du etwas Gutes hast und dann gierig wirst, wird es sich immer, immer, immer gegen dich wenden.»

Dann ist da die Zuschauerentwicklung, die gegen das lineare TV spricht: Matthew Ball, Strategieleiter der Amazon Studios, fragte im September auf Twitter: «Millenials und Generation Z minus 40 Prozent TV-Konsum in sechs Jahren. Wie lange noch, bis die Blase platzt?» Nun schrieb Ball nicht direkt über Sport. Aber das Mediennutzungsverhalten der jüngeren Generationen muss bei den TV-Verantwortlichen die Alarmglocken schrillen lassen. Und der Trend wird auch vor Europa kaum haltmachen.

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Auch sportliche Gründe werden für den Rückgang der Zuschauerzahlen der NFL genannt. Die Leute setzen sich nicht mehr bei jedem Spiel automatisch vor den Fernseher: Partien mit zu eindeutigen Favoriten verlieren an Quote. Etwas, das derzeit auch in der europäischen Champions League im Fussball beobachtet wird. Der «Guardian» berichtet, in England seien die Zuschauerzahlen an einem Dienstag der laufenden Königsklasse im Vergleich zum Schnitt des Vorjahres um 40 Prozent eingebrochen. Und er fragt: «Geschieht das Undenkbare – schalten die Leute den Fussball ab?»

Noch ist es nicht ganz so weit. Soeben hat der englische Fussballverband die Rechte des FA-Pokals für eine Milliarde Franken für die kommenden sechs Saisons ins Ausland verkauft.

Die Entwicklung in den USA sollten die Europäer trotzdem nicht aus den Augen verlieren. «Es gibt sicher nicht eine einzelne Erklärung», sagt dort der NFL-Vorsitzende Roger Goodell, «aber wir suchen keine Ausflüchte. Wir müssen schauen, was sich derzeit verändert.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.10.2016, 18:40 Uhr

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