Kohl setzt dem Shrek ein Ende

Selbst als «Gläserner Athlet» sei Doping kein Problem, sagt Bernhard Kohl in einem Interview mit der österreichischen Agentur APA. Er kritisiert die Dopingkontrollen und greift andere Sportarten an.

Packt aus: Bernhard Kohl erzählt über seine Dopingvergangenheit.

Packt aus: Bernhard Kohl erzählt über seine Dopingvergangenheit.
Bild: Reuters

Erst hatte er bei «Beckmann» in der ARD Auskunft gegeben, dann packte Bernhard Kohl (27) bei der APA aus. So weit möglich eben:

«Vor den Behörden oder der Sonderkommission Doping, da kann ich alles sagen. Da wird ermittelt, da kann ich mein ganzes Wissen, da kann ich auch die Namen sagen. In der Öffentlichkeit ist es natürlich sehr schwierig. Ich werde keinen aktiven Sportler oder keinen Sportler des Dopings bezichtigen. Ich kann auch manche Namen in der Öffentlichkeit nicht sagen, weil es zivilrechtlich weitreichende Folgen haben würde, weil natürlich jeder, den ich beschuldige, mich verklagen würde. [...] Ich habe keine Bilder, keine Dokumente.»

«Der Blutpass hat mir geholfen»

Kohl räumte auch mit der gängigen Meinung auf, dass sich in den letzten Jahren etwas geändert hätte:

«Das System ist nicht anders wie vor einem Jahr, es wird sich nichts ändern.»

Dass sich einige Athleten nun als sogenannt gläserne Athleten präsentieren, scheint am generellen Doping nichts zu ändern. Auch Kohl hätte bei einer solchen Aktion mitgemacht:

«Die Gläsernen Athleten – für einen Sportler ist das hilfreich. So wie der Blutpass der UCI. Mir hat der geholfen. Das war kein Nachteil, es ist leider Gottes so. Ich habe den Blutpass eineinhalb Jahre gehabt und meine Blutwerte waren 1a. Also deswegen habe ich auch meinen Supervertrag bekommen bei Silence Lotto. Die haben die Blutwerte gesehen und gesagt: Puh, der macht das gescheit! Weil die wissen auch, Dritter bei der Tour wird man nicht von irgendwas, von Wasser und Brot, sondern da muss der medizinische Aspekt natürlich auch passen.»

«Es ist ein ehrlicher Kampf»

Dennoch sieht Kohl den dritten Rang an der Tour de France nicht als Betrug an. Schliesslich seien seine Mitstreiter – so ist die Aussage des Österreichers fraglos zu interpretieren – ebenfalls mit medizinischer Hilfe unterwegs gewesen.

«Für mich persönlich hat es noch immer sehr viel Wertigkeit, weil ich weiss, wie viel harte Arbeit dahintergesteckt hat. Ich habe so viele Entbehrungen für den Sport in Kauf genommen. Ich habe im Endeffekt auch keinen Mitstreiter belogen oder irgendwie enttäuscht. Es ist ein ehrlicher Kampf zwischen den Teilnehmern. Es ist einfach eine Geldmaschinerie. Es verdient jeder mit dem System Geld, die Veranstalter, die Teams, und der Radfahrer ist die letzte Marionette, die das Ganze aufrecht erhält.»

«Man beginnt im Kleinen»

Schon im Alter von 19 Jahren nahm Kohl erstmals Doping.

«Da habe ich vielleicht drei, vier Spritzen mal genommen. Das ist dann in einem relativ kleinen Bereich. Man fährt ja nicht von heute auf morgen einen Porsche, sondern man fängt mit einem kleinen an. Und so ist das bei Doping auch. Man kriegt von anderen Sportkollegen langsam mit, wie das abläuft, und dann kriegst du da mal eine Spritze, dort einmal was. Und das wird natürlich dann immer professioneller. Und wenn man dann einmal Profi wird, und das schaffen ja auch nicht sehr viele, dann versucht man natürlich auch den Punkt zu professionalisieren, dass man richtig ein System reinbekommt.»

«Hätte 100 Mal positiv sein müssen»

Profi wurde er bei T-Mobile, ohne jedoch gleich mit dem Doping-Apparat des damaligen Rennstalls in Berührung zu kommen. Als Neoprofi würden sie einem erst einmal beobachten. Nach seinem Wechsel zu Gerolsteiner professionalisierte er das Doping Schritt um Schritt.

«So wie ich das zum Schluss professionell betrieben habe, dass man nicht positiv ist, hat mich das Ganze 70’000 Euro gekostet. Bei mir waren es 200 Kontrollen und 198 gingen den Bach runter. Und ich sage mal, 100 müssten positiv gewesen sein. Ich habe mir in der Früh was gespritzt, eine Stunde später waren die Kontrollore da – völlig egal. Ich sage nur Wachstumshormon. Wenn es einen Test geben würde, der einen Monat Wachstumshormon nachweist, und es bleibt geheim, bis der Test da ist, wird es nicht mehr viele Sportler geben.»

«Andere haben nicht einmal einen Hämatokritgrenze»

Kohl hat dem Schrecken oder eben Shrek, so sein Codename in der Wiener Blutpank Humanplasma, ein Ende gesetzt. Die Ermittlungen in Österreich laufen auf Hochtouren; auch die holländische Profiequipe Rabobank wurde bereits ein vernommen, wie der «Kurier» unlängst enthüllte. Doch Kohl fürchtet, dass sich die Konsequenzen nur auf Österreich und den Radsport beschränken könnten.

«Wenn nur in Österreich rigoros durchgegriffen wird, dass wir uns einfach nur selber schaden, und in allen anderen Ländern wird das weitergehen. Wenn nicht übergreifend – in ganz Europa zumindest einmal – etwas gemacht wird, wird Österreich im Endeffekt überbleiben. [...] Es geht nicht darum, den Radsport zu retten. Es geht um jede andere Sportart auch. Der Radsport steht meines Erachtens sauberer da als viele andere Sportarten, im Radsport wird viel genauer kontrolliert. Leichtathletik, Schwimmen – die haben nicht einmal einen Hämatokritwert.»

«In der U23-Zeit waren die Kontrollen relativ wenig»

Kohl enthüllte aber nicht nur, sondern gab aufgrund seiner Erfahrungen als junger Doper auch einen Hinweis, wie Doping effektiver bekämpft werden könnte.

«Die einzige Möglichkeit ist, anfangen, bevor Doping überhaupt ein Thema wird. Da besteht eine Chance. Ein 19-Jähriger hat nicht das Geld, dass er sich ein Dopingmittel um 3000 oder 5000 Euro kauft, das sind ein paar hundert Euro, um die es damals bei mir gegangen ist. In der U23-Zeit waren die Kontrollen relativ wenig, da wird einem nicht die Aufmerksamkeit geschenkt. Und da ist vielleicht auch der Ansatzpunkt, dass man in dem Bereich die Kontrollen macht. Weil in jungen Jahren kommt man sicher nicht zu Produkten, die nicht nachweisbar sind. Da kommt man erst hin, wenn irgendwann wirklich System dahinter ist. Wenn man schon Junge kontrollieren würde, wo man glaubt, da ist eh noch nichts, da würde man da schon das Problem einmal lösen können. Wesentlich früher das ganze Geld, die Kontrollen in die Jugend stecken und nicht in den Profisportbereich. Das wäre ein guter Ansatzpunkt.» (baz.ch/Newsnetz)

Erstellt: 27.05.2009, 15:33 Uhr

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1 KOMMENTAR

Mathis Slowekyi

10.06.2009, 13:10 Uhr

Doping legalisieren - ist der Schritt in die richtige Richtung. Dann können alle - relativ günstig - den eigenen Körper ruinieren und gleichzeitig die Chance aufs Treppchen erhöhen. Amstrong fährt doch nicht mit "Bananen, Spaghetti und Tee" den Kollegen davon.



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