Sport

Abruptes Ende, vielsagender Blog

Von David Wiederkehr. Aktualisiert am 08.01.2016 5 Kommentare

Er war einst das Wunderkind der Skispringer, nun bricht er die Saison ab: Gregor Schlierenzauer. Seine Aussagen dazu lassen tief blicken – und haben erschreckende Parallelen.

Für das einstige Wunderkind Schlierenzauer ist Fliegen inzwischen eine Qual.

Für das einstige Wunderkind Schlierenzauer ist Fliegen inzwischen eine Qual.
Bild: Keystone

Artikel zum Thema

Teilen und kommentieren

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

So hatte er sich das nicht vorgestellt. Nicht er, einer der prägenden Skispringer der vergangenen Jahre. Während Rivalen wie Peter Prevc oder Severin Freund um den Sieg in der Vierschanzentournee sprangen, musste er, der Sieger von 2012 und 2013 und Gewinner von insgesamt neun Einzelbewerben, zusehen. Seine Trainer hatten ihn vor dem letzten Springen in Bischofshofen aus dem Wettbewerb genommen. Weil, so begründete Trainer Heinz Kuttin, «ich gemerkt habe, dass es für ihn eine Qual ist».

Schlierenzauer schluckte den Entscheid, wie er im Blog auf seiner Website schrieb: «Ich habe längst akzeptiert, dass ich hinterherspringe. Es passt so ganz und gar nichts zusammen, und mir fallen auch keine Antworten mehr ein.» Am Donnerstag nun gab der 26-jährige Tiroler bekannt, dass er auch die Skiflug-WM Mitte Januar auslassen und stattdessen gleich seine Saison beenden werde. Er erklärte: «Ich mache nach zehn Jahren im Spitzensport eine Pause auf unbestimmte Zeit, möchte raus aus dem Rampenlicht.»

Die beiläufige Aussage des Trainers

Diese Aussage lässt aufhorchen. Steckt das einstige Wunderkind, das letztmals im Dezember 2014 ein Weltcupspringen gewann, einfach in einem schweren sportlichen Tief? Oder steckt mehr dahinter? Schlierenzauer befinde sich in ärztlicher Betreuung, um seinen Erschöpfungszuständen auf den Grund zu gehen, zitierte die «Wiener Zeitung» Trainer Kuttin kurz vor Weihnachten eher beiläufig. Eine bemerkenswerte Aussage.

Nur ausser Form oder ist es mehr? Schlierenzauer nach dem Sprung in Innsbruck. (3. Januar 2016)

Leidet Kuttins Schützling also unter einem Burn-out, unter Depressionen gar, wie vereinzelte österreichische Medien in der Folge spekulierten? Schlierenzauer wehrt sich gegen diese Diagnose von aussen: «Es wurden Dinge verbreitet, die einfach nicht der Wahrheit entsprechen.» Bei einer Medienkonferenz vor der Vierschanzentournee sagte er explizit, eine Depression sei bei ihm nicht festgestellt worden.

«Es war Horror»

Erschöpfungssyndrome sind im Sport nicht selten, werden allerdings meist erst nach dem Karriereende öffentlich gemacht. Denn: «Für die Verbandsspitze ist Depression eine Schwäche. Das ist einer der Gründe, warum sie noch immer ein Tabuthema ist», sagt Alexander Pointner, Schlierenzauers einstiger Trainer, bei dem die Krankheit noch während seiner Tätigkeit als österreichischer Bundestrainer diagnostiziert wurde.

Auch der einstige Spitzenspringer Sven Hannawald litt unter Depressionen, wie er später in einer Biografie kundtat. «Skifliegen war das Beste, das es für mich gab – wenn es gut ging. Wenn es schlecht lief, war es Horror», sagte der Deutsche im «Spiegel». Immer aber spürte Hannawald den Druck der Öffentlichkeit, unter dem er stand, weil er 2002 als erster (und bis heute einziger) Springer sämtliche vier Springen der Tournee gewann.

Wie Hannawald es beschreibt

Und was Hannawald im Interview umschreibt, lässt vielleicht eben doch auf Schlierenzauer schliessen. Er sagte: «Ich habe den Erwartungsdruck gespürt. Da ist ein Punkt erreicht, der geht aufs Hirn oder ans Herz. Du merkst, obwohl du keinen Stress hast, werden auf einmal die Beine schwer. Du bist müde und willst nur deine Ruhe. Das sind Zeichen, wenn du dich komplett zurückziehst. Bis man irgendwann keinen Weg oder keine Lösung mehr hat, was man machen soll.»

Schlierenzauer schreibt zum Abschluss auf seinem Blog: «Das Wort Rücktritt nehme ich bewusst nicht in den Mund. Ich weiss hier und heute ganz einfach nicht, was die Zukunft bringt, will das Feuer neu entfachen und mir ohne Zeitdruck klar darüber werden, wie mein Weg weitergeht.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.01.2016, 17:45 Uhr

5

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.
Werbung

5 Kommentare

Christian Hofstetter

07.01.2016, 21:29 Uhr
Melden 48 Empfehlung 2

Gregor Schlierenzauer hat das einzig Richtige gemacht: Er hat sich selbst aus dem Verkehr gezogen. Es scheint, dass er zuerst mit sich ins Reine kommen muss, um sich entscheiden zu können, wie es weiter gehen soll. Es scheint mir die natürlichste Sache der Welt zu sein, dass auch ein Spitzensportler eine Krise oder ein Burnout bekommen kann, so wie jeder andere Berufstätige. Ein Spitzensportler kann auch ein Opfer der Routine werden, wenn er die immer gleichen Trainings-(Arbeits-)Abläufe einüben muss. Dazu kommt der Druck der Öffentlichkeit, der Sponsoren, einer ganzen Nation (in Österreich mehr als in der Schweiz), was für die Psyche eines Spitzensportlers eine enorme Belastung darstellt. Schlierenzauer bleibt ein grossartiger Sportler und zeigt nun Grösse wie ein wahrer Champion. Antworten


Marc-Reto Wirth

07.01.2016, 19:17 Uhr
Melden 22 Empfehlung 4

Im heutigen Spitzensport ist die überdurchschnittliche Athletik und Technik selbstverständlich bzw. Standard in allen Sportarten und kann entsprechend antrainiert werden.
Was jedoch nur sehr bedingt antrainiert werden kann, ist die psychische Robustheit/mentale Stärke, welche hauptsächlich genetisch bedingt ist.
Dies macht den wahren, nachhaltigen Champion aus, wie Beispiele im Weltspitzensport in diversen Sportarten zeigen.
Wer als Spitzensportler-/in nachhaltig erfolgreich sein will, muss diese Voraussetzung mitbringen. Diese Eigenschaft wir von den Talentspähern und Talentförderer bzw. Trainern kaum beachtet bzw. geprüft.
Fazit; Diese Lücke muss in der Sportwissenschaft und in der Praxis bei der Ausbildung von Trainern mit Priorität gefördert werden.
Antworten



Sport