Das Glück des Ausnahmetalents

Von Christian Andiel, Garmisch. Aktualisiert am 11.03.2010 1 Kommentar

Carlo Janka übernahm mit seinem fünften Sieg drei Rennen vor Saisonende die Führung im Weltcup.

Auf Höhenflug: Carlo Janka springt zum dritten Abfahrtserfolg.

Auf Höhenflug: Carlo Janka springt zum dritten Abfahrtserfolg.
Bild: Keystone

Das sind die Momente, in denen Trainer über sich hinauswachsen. Carlo Jankas Sieg in der letzten Abfahrt des Winters war noch keine Stunde geschehen, da balancierte sein Gruppencoach Sepp Brunner eine besondere Last durch die Gegend: ein Tablett mit sechs Gläsern Weissbier, dem bayrischen Nationalgetränk, passend zum Anlass in Garmisch-Partenkirchen. Brunner beglückte damit seine Trainerkollegen, und sie hatten ja auch allen Grund zum Feiern: Janka war auf der WM-Strecke von 2011 nicht nur der fünfte Saisonsieg gelungen, er hatte im Kampf um den Gesamt-Weltcup das Maximum herausgeholt, der Obersaxener hat seinen Rückstand von 46 Punkten auf Benjamin Raich (Ö), der auf einen Start verzichtet hatte, in einen Vorsprung von 54 Punkten umgewandelt.

Drei Rennen fehlen Janka also noch, um erstmals seit 1992 (Paul Accola) wieder die grosse Kristallkugel in die Schweiz zu holen. Und das führte sogar beim ruhigen, zurückhaltenden Janka zu einer Art Euphorieausbruch: «Die Ausgangslage ist sicher nicht schlecht.» Im Hundertstel-Krimi – zwischen Platz 1 und Rang 8 von Didier Cuche lagen nicht einmal zwei Zehntel – überstrahlte Janka alles und alle, auch den ersten Podestplatz in der Weltcup-Karriere des Glarners Patrick Küng (25), der zeitgleich mit Erik Guay (Ka) Dritter wurde.

Der Instinkt des Siegfahrers

Janka stellte gestern einmal mehr unter Beweis, dass er mit dem Begriff «Phänomen» am besten zu beschreiben ist. Nur 15. war er im einzigen Training geworden, doch danach suchte und fand er im Videostudium mit den Trainern die richtige Linie. Während Abfahrtssieger sonst oft um die 30 Jahre und älter sind, weil doch so viel Erfahrung nötig ist in dieser Disziplin, erledigt Janka diese Aufgaben schon mit 23 Jahren souverän. «Er hat den Instinkt, dass er weiss, was er machen muss», lobt Teamkollege Cuche. «Bei Carlo spielt die fehlende Erfahrung keine so grosse Rolle», sagt der Schweizer Abfahrtscoach Hans Flatscher, «weil er ein Ausnahmetalent ist, wie es vielleicht nur alle 20 Jahre vorkommt.» Für diese geborenen Meister ihres Fachs gelten Sonderregeln.

Das betrifft auch den Faktor Glück. Denn anders kann man es nicht nennen, dass Janka gestern zwei Hundertstelsekunden schneller war als Mario Scheiber – und das bedeutete schliesslich einen Unterschied von 20 Punkten im Duell mit Raich. Die Österreicher bleiben damit erstmals seit der Saison 1991/92 ohne Weltcupsieg in der Abfahrt, Cheftrainer Toni Giger lächelte äusserst gequält. «Wir werden die Schraube anziehen, um die Hundertstel zurückzuholen», sagte Alpindirektor Hans Pum, liess aber offen, ob es sich dabei auch um personelle Konsequenzen im Trainerbereich handeln wird.

Zeit für die grosse Kugel

Mit dem Sieg im Gesamtweltcup könnte Raich für eine Beruhigung sorgen, und Janka sagt: «Ich muss im Super-G nochmals ordentlich vorlegen, in den technischen Disziplinen ist Benni im Vorteil.» Gestern wurde der Super-G von heute Donnerstag gesteckt, die Coaches haben Videoaufnahmen gemacht, die Bilder wurden gestern Abend noch diskutiert. Heute kommt der Besichtigung eine grosse Bedeutung zu, im Gegensatz zur Abfahrt gibt es in dieser Disziplin kein Training, in dem sich Janka herantasten kann. «Im Super-G schaffe ich es zu selten, ohne viele Fehler herunterzukommen», sagte er, «das muss ich diesmal schaffen.»

Darauf bereitete er sich gestern nach seinem Abfahrtssieg vor, und zwar «ganz normal wie bei jedem anderen Weltcuprennen auch». Vom besonderen Druck mochte Janka nichts wissen, «für mich ist das jetzt schon eine enorm erfolgreiche Saison», in Whistler hatte er olympisches Gold im Riesenslalom gewonnen. Aber so nahe am Ziel will er den Gesamtweltcup nicht leichtfertig verspielen, «nach so vielen Jahren wäre es schon wieder einmal an der Zeit, dass die grosse Kristallkugel in die Schweiz kommt». Deshalb war Janka gestern bereits an einem ganz anderen Ort, als seine Trainer das Weissbier genossen. Seine Zeit des Feierns soll erst noch kommen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2010, 08:39 Uhr

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1 Kommentar

Hans Inau

11.03.2010, 14:42 Uhr
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Das wird sicher ein Herzschlagfinale, jugendlicher, nervenstarker Carlo Janka gegen den erfahrenen Allrounder Beni Raich, lassen wir uns überraschen, Punkte im Slalom können natürlich schnell im Schnee landen. Antworten



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