Die letzte Saison soll die beste sein

Für den 38-jährigen Skirennfahrer Marco Büchel wäre eine Olympiamedaille die Krönung seiner Karriere.

Ausblick und Rückblick: Der Liechtensteiner Marco Büchel vor dem Schloss in Vaduz; ende Saison hört der Oldie des Skiweltcups auf - und nimmt den New-York-Marathon in Angriff.

Ausblick und Rückblick: Der Liechtensteiner Marco Büchel vor dem Schloss in Vaduz; ende Saison hört der Oldie des Skiweltcups auf - und nimmt den New-York-Marathon in Angriff.
Bild: Reto Oeschger

Er fällt auf, weil er nicht Braun trägt wie alle seine Kollegen aus dem Schweizer Skiteam, die sich im Terminal 2 des Klotener Flughafens für die lange Reise nach Vancouver bereit machen. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit schwarzer Hose, seine markante Glatze versteckt er unter einer Dächlikappe.

Seine Teamklamotten, «einen ganzen Koffer voll und eine Verschwendung dazu», wie er sagt, lässt er im Gepäck mitfliegen. Er reist als «Büxi» zu den Olympischen Spielen, und erst wenn er im olympischen Dorf ankommt, wird er zum Mitglied der kleinen Delegation Liechtensteins.

Die Szene zeigt einen doppelten Zwiespalt, in dem der 38-jährige Skirennfahrer Marco «Büxi» Büchel lebt.

Der Weltcup-Opa

Der erste: Er trainiert und fährt und lebt seit 14 Jahren mit dem Schweizer Team. Er gehört dort längst zum Inventar, wird im Training als Konstante geschätzt, an der sich jeder messen kann. Er ist der erfahrene Freund und Spassmacher. Büchel wurde in Walenstadt geboren, er hat neben dem liechtensteinischen auch den Schweizer Pass, doch er wird nicht als Schweizer wahrgenommen.

Formulierungen wie «der für das Schweizer Team fahrende Liechtensteiner» oder «der Fahrer aus der schweizerisch-liechtensteinischen Trainingsgemeinschaft» waren schon vor ihm in Ungnade gefallen, weil zu den Zeiten der Geschwister Wenzel und der Frommelt-Brüder Schweizer Niederlagen damit beschönigt werden konnten. Und welcher Journalist, der sich selber als kritisch betrachtete, wollte ein Schönredner sein? Also wird über Büchel nur dann berichtet, wenn er erfolgreich ist und wieder einmal auf einem Podest steht. Oder wenn sich der Weltcup-Opa wieder einmal einen besonders witzigen Spruch hat einfallen lassen.

Die fünf Ringlein

Der zweite Zwiespalt betrifft Olympia. Büchel ist in Whistler Mountain zum sechsten Mal dabei. Das haben vor ihm bei Winterspielen nur der schwedische Bobfahrer Carl-Erik Eriksson, der australische Eisschnellläufer Colin Coates, der österreichische Biathlet Alfred Eder, der deutsche Langläufer Jochen Behle, das finnische Langläufer-Paar Harri und Marja Liisa Kirvesniemi und die Rodler Georg Hackl und Wilfried Huber geschafft.

Doch die fünf Ringlein, die andere alle vier Jahre anstelle der Pupillen in den Augen haben, lassen ihn kalt. Olympia ist für ihn ein Gefängnis, in dem der Athlet eine Akkreditierung um den Hals trägt, die ihn zur Nummer macht, die keine Rechte hat. Er sieht Olympia als Geldmaschine, die von den Sportlern verlangt, als Amateure aufzutreten.

Und doch wäre für ihn eine Olympiamedaille die Krönung der Karriere. Es wäre die erste, und sein Servicemann würde sich besonders darüber freuen. Schafft er es, wird er mit ihm zu einem Erholungs- und Feierurlaub nach Hawaii fliegen. Es wäre mit Sicherheit auch die letzte, denn am 11. März bestreitet er sein Abschiedsrennen. In Garmisch, wo er am 6. Januar 1991 seine Karriere begann und wo er am 23. Februar 2003 sein erstes Weltcuprennen, einen Super-G, gewann.

Der erfüllte Traum - WM-Silber!

Bei seinem Weltcupdebüt als Nobody mit Engelsgesicht und blonden Locken war Marco Büchel 19 Jahre und zwei Monate alt. Er wird genau doppelt so alt sein, wenn er sich als markanter Kopf mit rasierter Glatze und gestyltem Bart in besonderem Outfit verabschieden wird. Die zweite Hälfte seines ersten Lebens hat er auf den Weltcuppisten verbracht. Zuerst als Riesenslalom-Spezialist ohne grosse Ambitionen und Erfolge, der Angst hatte, wenn es zu schnell wurde und der deshalb keine Abfahrten bestritt. Und der erst nach acht Jahren erstmals am Ziel seiner Träume war, als er bei den Weltmeisterschaften von Vail genau das tat, wovon er in der Nacht zuvor geträumt hatte: die Silbermedaille zu gewinnen.

Um fünf Hundertstelsekunden geschlagen von Lasse Kjus, überglücklich und doch ein Verlierer, «weil man Weltmeister für immer ist», wie er damals sagte. Es war die Zeit, als die Schweizer Riesenslalomfahrer «Riesen» bezeichnet wurden und Büchel in einem Team mit vielen Siegfahrern fuhr, er jedoch nie ein Weltcuprennen gewonnen hatte: Mike von Grünigen, Paul Accola, Urs Kälin und Steve Locher waren seine Kollegen.

Der über Felswände stürzt

Es war auch die Zeit, in der er sich Fragen nach dem Sinn stellte. Lohnte es sich, sich für acht Rennen, die er als Riesenslalom-Spezialist im Weltcup bestreiten konnte, einen Sommer lang zu quälen? Oder müsste er nicht versuchen, seine Angst zu überwinden, um sich im Super-G zu versuchen und so eine zweite Disziplin im Angebot zu haben? Hatte er in den ersten Jahren aber nicht unglaubliches Glück gehabt, dass er sich nie schwer verletzte, und würde er jetzt nicht zu viel riskieren?

Büchel, der sich in seiner Freizeit als Basejumper mit einem Fallschirm am Rücken über Felswände stürzt, wagte den Schritt. Aus dem Riesenslalomfahrer wurde langsam ein Abfahrer. Die Angst war oft noch da, und er musste sich immer wieder überwinden. Es war ein neues Metier. Als guter Techniker hatte er schnell erste Erfolge. Schon in seinem zweiten Super-G - ausgerechnet in Kitzbühel - wurde er Vierter.

Doch zum richtigen Abfahrer fehlte ihm noch einiges. Er musste lernen, wie wichtig schnelle Ski sind und wie entscheidend die Abstimmung zwischen Ski, Schuhen und Bindung. Er musste das Gefühl für das Gleiten lernen, und das «Schleichen» durch die lang gezogenen Kurven. Er lernte gut und futterte so viel Gewicht an, dass er mit einer dreistelligen Zahl prahlen konnte. Die beiden Abfahrten, die er gewann, führen über Gleiterstrecken: Val Gardena (2005) Lake Louise (2006).

Der schönste Beruf der Welt

Büchel hatte das erreicht, was er sich erträumt hatte. Er gehörte zu den Besten der Welt und genoss es. Der entscheidende Moment? «Wenn du nicht mehr nur die Strecke bezwingst, sondern beginnst, um jede Hundertstelsekunde zu kämpfen.»

Wäre er nicht Abfahrer geworden, hätte Büchel aufgehört. Doch als Privilegierter mit dem «schönsten Beruf der Welt» konnte er das nicht mehr. Der Kampf auf der Piste, der Blick auf die Uhr im Zielraum, die Gefühle danach: Die Euphorie bei einem Podestplatz, die Enttäuschung, wenn es nicht klappt. Und all das ohne eine schwere Verletzung. Büchel klopft mit dem Finger auf den Holztisch. Noch bleiben ein paar Rennen.

Nur einmal hatte er die Freude verloren, vor einem Jahr bei den Weltmeisterschaften in Val-d’Isère. Er hasst die Face de Bellevarde, diesen steilen Berg, den er wie viele andere auch als ungeeignet für Abfahrt und Super-G betrachtet. Er fluchte nach jedem Training, und nach der Abfahrt, die er hinter Kucera, Cuche und Janka als unbeachteter Vierter beendet hatte, sagte er: «Das muss ich nicht mehr haben.» Er hatte mit dem Rennsport abgeschlossen.

Doch Büchel wäre nicht Büchel, wenn sich das Feuer so leicht hätte auslöschen lassen. Und so entschloss er sich, eine letzte Saison anzuhängen. Eine letzte Saison, in der er jeden Augenblick geniessen würde, sogar die Schinderei im Sommer. Er wollte sich von den Pisten, die seine Welt bedeuteten, verabschieden. An einigen Orten, wie in Val-d’Isère oder Bormio, fiel es ihm leicht.

Das Ziel erreichen

An anderen wie in Wengen oder Kitzbühel wurde er wehmütig. Dass er ausgerechnet in Wengen noch einmal auf dem Podest stand, war für ihn das Grösste. «Am Anfang der Saison habe ich darüber nachgedacht, was ich noch erreichen wollte. Ich setzte mich an einen Tisch und schrieb es auf einen Zettel: ein Podestplatz am Lauberhorn.»

Das Erreichen dieses Ziels war für ihn mehr wert als jeder Sieg. Was auch daran lag, dass er eine schwierige Zeit hinter sich hatte. Der Unfalltod seines Freundes Ueli Gegenschatz, mit dem er die Passion des Basejumpings teilte, ging ihm näher, als er sich je hätte vorstellen können. «Ich hatte geglaubt, dass ich das von meinem Beruf als Rennfahrer würde trennen können», sagt er, «doch es ging nicht. Wenn ich nur an ihn dachte, kamen mir die Tränen. Doch dann habe ich die Trauer aus eigener Kraft überwunden. Heute muss ich innerlich lachen, wenn ich an ihn denke. Denn ich freue mich darüber, dass ich ihn gekannt habe und so viel Zeit mit ihm verbringen durfte.»

Der Weltcup wird Marco Büchel auf den Pisten vermissen. Doch er wird nicht ganz auf ihn verzichten müssen. Der redegewandte Rennsportkenner hat beim ZDF angeheuert, wo er den Kommentator als Experte unterstützen wird. Wie Bernhard Russi in der Schweiz. Natürlich hätte Büchel lieber für SF DRS gearbeitet. Es macht mehr Spass, über Siege zu berichten als über 33. Plätze. «Ich habe den Deutschen schon gesagt, dass ich all meine schnellen Ski mitbringen werde und ihnen alles sagen werde, was ich weiss, damit mein Job etwas lustiger wird.»

Marathon statt Abfahrt

Bevor es so weit ist, wird sich Büchel fünf Monate Ferien gönnen. Mit seiner Frau Doris, die in all den Jahren seine wichtigste Stütze war und die ihn oft mit dem Wohnmobil an die Rennen begleitete. Auch sportlich hat Büchel noch etwas im Sinn. Ein paar Skitouren, etwas Joggen, warum nicht auch Radfahren («vielleicht habe ich Spass, wenn ich etwas leichter bin») und: 2011 will er gut vorbereitet am Start des New-York-Marathon stehen. Zur Feier seines 40. Geburtstages zwei Tage vor dem Rennen.

Der Liechtensteiner Marco Büchel vor dem Schloss in Vaduz. Ende Saison hört der Oldie des Skiweltcups auf - und nimmt den New-York-Marathon in Angriff. Foto: Reto Oeschger (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2010, 14:12 Uhr

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