Stahlblech und Seide

Von Christoph Heim. Aktualisiert am 13.05.2009

Hochwertigste Plattner- und Schneiderkunst zeigt das Museum des «Rostkünstlers» Jean Tinguely: «Rüstung & Robe» ist eine Ausstellung der Gegensätze.

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Die Ausstellung «Rüstung und Robe» im Museum Tinguely Basel ist vom 13. Mai bis 30. August zu sehen.
Bild: Keystone

   

Mit einem martialischen Auftritt verabschiedet sich Guido Magnaguagno von seinem Arbeitgeber Roche, dessen Museum Tinguely er die letzten acht Jahre geleitet hat. Der Direktor holt sich zum Abschied über siebzig Rüstungen ins Museum im Solitudepark, die meisten stammen aus dem Grazer Zeughaus, das über die weltgrösste Sammlung von Rüstungen verfügt, ein paar Prunkstücke kommen aus dem Kunsthistorischen Museum Wien, ein Dutzend Harnische aus dem Museum Altes Zeughaus in Solothurn.

Magnaguagno unternimmt keine historische Rekonstruktion. Die mittelalterlichen, frühneuzeitlichen und barocken Stahlblechkleider sind in der Ausstellung metallen glänzende Skulpturen. Menschen ohne Kopf, Hände, Beine, aber mit einem undurchdringlichen Panzer, der die Widerstandskraft der Haut potenziert. Stumme Zeugen einer kriegerischen Vergangenheit – die Grazer Rüstungen wurden in den Abwehrkämpfen gegen die Türken eingesetzt. Sie sind beredte Kommentatoren einer Gegenwart, in der die Eisenkleider aus der Mode gekommen sind, der Einzelne aber getreu dem Prozess der Zivilisation, den der Historiker Norbert Elias aufgezeigt hat, gut daran tut, seinen Körper zu stählen und seine Psyche gegen Gefahren aller Art zu wappnen.

Vorbild

Die Grundidee der Ausstellung ist die Konfrontation männlicher Kriegskleider mit weiblichen Prunkgewändern, wie sie der italienische Modeschöpfer Roberto Capucci 1991 im Kunsthistorischen Museum Wien erstmals vorführte. Für Magnaguagno war jene Ausstellung «mein intensivstes Ausstellungserlebnis» überhaupt, wie er im Katalog schreibt. Ein Erlebnis, das er in Basel zu kopieren und zu potenzieren trachtet. So geht der Besucher die Rampe hoch, die das Erdgeschoss mit dem ersten Stock verbindet. Wo man sonst den Ausblick auf den Rhein geniesst, ist jetzt alles in Schwarz getaucht. Paarweise stehen Capuccis Roben neben Luxusrüstungen. Glanz und Farbe werden mit Spotlicht akzentuiert. Stoffbearbeitung und Stahlbearbeitung rücken in unerwartete Nähe: Wo Capucci gerne in die Stoffe dicht aufeinanderfolgende Falten einbügeln lässt, die Stoffe plissiert, wie es im Fachjargon heisst, hat sich in der höfischen Gesellschaft Anfang des 16. Jahrhunderts der sogenannte Riffelharnisch durchgesetzt.

Oberfläche

Während die Prachtrüstungen eher für den gesellschaftlichen Auftritt als für den Kampf gedacht waren, so sind die hier ausgestellten Kleider Capuccis fürs Museum , weniger für eine Abendgala. Mit ihren voluminösen Puffärmeln in der Form von Röhren, Pyramiden oder Schachteln, mit ihren riesigen geschwungenen Halskrausen und opulenten Falten gebärden sie sich wie vom Körper unabhängige Volumina. Das hat mehr mit Architektur zu tun als mit Schneiderei. Da kommt dem Stoff, tausendmal plissiert, das Hängende und Hinfällige vollkommen abhanden, und das Kleid steht da, als ob es nichts Überflüssigeres gäbe als eine Trägerin.

In dieser Selbstgenügsamkeit haben Capuccis Roben mit den Rüstungen der Ritter viel gemein. Da bekommt das Kleid eine derartige Bedeutung, dass die Trägerin oder der Träger zweitrangig wird. Da dominiert die aufs Aufwendigste und Kostbarste gestaltete Oberfläche. Oft war es ja so, dass der besiegte Ritter im Kerker landete, der eigentliche Wert aber, die Rüstung, wurde als Trophäe in den Repräsentationsräumen der Sieger aufgestellt.

Die Ausstellung verfolgt eine durchdachte Dramaturgie. Nach der unerwarteten, von Tinguelys Kunst doch wegführenden Eröffnung lässt sie den Namenspatron des Museums mit Bernhard Luginbühl, Daniel Spoerri, Niki de Saint Phalle, Eva Aeppli sowie Oskar Schlemmer zu Wort kommen. In einer kurzen Raumfolge bekommen diese Künstler und ihre Zeichnungen, Skulpturen und Filme Gelegenheit, ihre oft ironischen Kommentare abzugeben über Ritter und Amazonen, Soldaten und Puppen. Nicht die mittelalterliche Rüstung, aber das Kriegshandwerk war Thema von Tinguely , der begeisterter Soldat war. Davon zeugt eine Fotografie aus dem Zweiten Weltkrieg, die ihn gemeinsam mit Eberhard Kornfeld, dem bekannten Kunsthändler und -sammler, zeigt.Nach diesem retardierenden Moment in der Ausstellungsdramaturgie kommt der eigentliche Höhepunkt. Vom ersten Stock blickt man von einer Art Feldherren-Kanzel herab in einen riesigen, abgedunkelten Raum mit mehreren Dutzend Rüstungen, die mit Scheinwerfern zum Leuchten gebracht werden. Dazwischen, wie akkurat gesetzte Farbtupfer, ein paar weitere Prachtroben von Capucci. Im Vordergrund Jean Tinguelys «Hannibal», eine mächtige Maschine mit einer Kanone, die unter Kettengeklirre sich vorwärts- und rückwärtsbewegt – ein Sinnbild für das sinnlose Unterfangen nicht nur jenes Kriegszugs des Afrikaners über die Alpen, sondern jeglichen Krieges. Denn eines ist klar, so sehr in diesem Tableau die Faszination für das Rüstungshandwerk zum Ausdruck kommt, so sehr geschieht das auf dem Hintergrund einer antimilitaristischen Haltung.

Ballett

Wunderbar passen dazu drei Figuren aus Oskar Schlemmers «Triadischem Ballett», das Anfang der 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts entstanden ist. Die ausgestellten Kostüme wurden einst auf der Bühne getragen. Sie abstrahieren mit geometrischen Formen und gebogenen Drähten von jeder konkreten Kleidung, gleichwohl evozieren sie die Formen der Roben und Rüstungen in diesem Saal und bringen das Puppenhafte der mittelalterlichen Macht- und modernen Prachtkostüme auf den Punkt.

Guido Magnaguagno inszeniert im grossen Saal des Museums Tinguely ein eigentliches Welttheater. Hier geht es nicht um einen Künstler oder um eine Kunstrichtung, hier wird der Ausstellungsmacher wie einst Harald Szeemann selbst zum Künstler und lässt in der Mitte des Saals die Eidgenossen gegen die Habsburger antreten, ein gespenstisches Ballett von kopflosen Kriegern. Am Rand des Saals stehen die hochwohlgeborenen Zuschauer: Prachtrüstungen der Adeligen, nicht weniger kopflos als ihre Krieger. Mit den Roben und Schlemmer’schen Puppen wird das Ganze zu einem zynischen Kommentar über kriegerische und weniger kriegerische Weltläufte. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.05.2009, 12:13 Uhr