TA+
SP-Rivalinnen: «Sie müssen sich nun bekämpfen»
Interview Matthias Chapman. Aktualisiert am 31.08.2010 1 Kommentar
Christiane Brunner
Die Genfer Gewerkschafterin und SP-Politikerin Christiane Brunner, sie ist heute 63 Jahre alt, vertrat während 16 Jahren ihren Kanton im eidgenössischen Parlament. Zuerst als Nationalrätin (1991 – 1995) und dann als Ständerätin bis 2007. Nach dem Abgang von Ursula Koch an der Parteispitze im Jahr 2000 übernahm Brunner die Leitung der Sozialdemokraten bis 2004. In ihre Amtszeit fiel die Wahl von Micheline Calmy-Rey in den Bundesrat.
Bildstrecke
Artikel zum Thema
Die turbulente Bundesratswahl von 1993
Im März 1993 wurde Christiane Brunner von der SP als Nachfolgerin für den zurückgetretenen Bundesrat René Felber aufgestellt. Das bürgerlich dominierte Parlament wählte aber den Parteikameraden Francis Matthey. Dieser musste auf Druck seiner Partei das Amt ablehnen. Die Frauenbewegung erfuhrt durch diesen Eklat einen massiven Popularitätsschub. Eine Woche später wurde die Bundesratswahl wiederholt, die SP stellte mit Ruth Dreifuss und Christiane Brunner ein Zweierticket auf. Vor dem Bundeshaus versammelten sich tausende Menschen, um die Parlamentarier zu ermahnen, sich nochmals einer Frauenwahl zu verweigern. Im dritten Wahlgang wurde Dreifuss zur Bundesrätin gewählt. Brunner mag sich heute nicht als Verliererin von damals sehen, sondern als «Vorkämpferin».
Frau Brunner, sind sie noch aktives Mitglied der SP?
In der Genfer Partei schon, aber auf nationaler Ebene nicht mehr.
Die SP-Fraktion hat jetzt mit den vier Kandidatinnen die Qual der Wahl. Kann das auch Schwierigkeiten geben?
Natürlich ist das positiv. Die vier Kandidatinnen müssen sich nun aber selber gut darstellen und ins beste Licht rücken. Sie wollen ja gewählt werden. Das aber heisst auch, dass sie einander bekämpfen müssen. Und das ist für Frauen immer noch nicht einfach.
Bei der Bundesratswahl von 2003, als Micheline Calmy-Rey dann gewählt wurde, waren Sie Parteipräsidentin. Wie sah die Kandidatinnenkür damals aus?
Die Kandidatinnen mussten sich vor der Fraktion präsentieren. Sie mussten zuerst Bilanz ziehen über das, was sie bisher erreicht hatten. Auskunft geben mussten sie auch über die Motivation, warum sie in den Bundesrat wollten, und was dort ihre Ziele waren. Zentral bei diesen Präsentationen ist natürlich die Position in den wichtigsten politischen Themenbereichen.
Nach welchen Kriterien wird dann in der Fraktion über die definitive Aufstellung von Kandidatinnen und Kandidaten entschieden?
Natürlich ist wichtig, wie sich diese präsentiert haben. Für die Entscheidung der Fraktion spielen aber auch andere Faktoren eine Rolle. Ausgelotet werden auch die Wahlchancen im Parlament und wer allenfalls geeignet wäre für die vakanten Sitze im Bundesrat. Das Zweierticket – ich gehe davon aus, dass es ein solches gibt – muss aber auch so ausgewogen sein, dass die Chancen für eine Wahl daraus möglichst gross sind. Selbst die möglichen Wahlgänge werden bei der Entscheidfindung der Fraktion durchbesprochen. Zumindest als ich dabei war, war das so.
Jetzt werden das Uvek und die Finanzen frei. Müsste die Fraktion also Hildegard Fässler mit ins Ticket nehmen?
Das wird sicher in der Fraktion besprochen. Man kann aber auch sagen, Jacqueline Fehr wäre eine gute Infrastrukturministerin.
Sie wurden 1993 Opfer eines taktischen Hickhacks. Die Partei stellte Sie alleine auf und das Parlament wählte dann mit Francis Matthey einen SP-Mann. Hätte es Ihre Partei besser machen können?
Ich mache meiner Partei keinen Vorwurf. Aber es hat sich nach dieser Wahl ja auch einiges verändert. Zum Beispiel das Zweierticket oder die Hearings bei den anderen Parteien. Diese Neuheiten wurden erst nach der turbulenten Wahl von damals ins Leben gerufen.
Hätten Sie unter diesen Voraussetzungen bessere Wahlchancen gehabt?
Gut möglich.
Was hat sich in der Vorbereitung der Partei auf Bundesratswahlen seit damals verändert?
Beim internen Frauennachwuchs hat sich vieles bewegt. Es gibt jetzt viele Frauen, die sehr gut positioniert sind. Grundsätzlich ist es auch so, dass die Parteispitze aktiv in den Kantonen nach Kandidatinnen und Kandidaten Ausschau hält. Bei Eva Herzog zum Beispiel halte ich es für möglich, dass sie entsprechende Signale erhalten hat.
Hat man aktiv von der Partei her Bundesratskandidatinnen aufgebaut?
Ich glaube nicht, dass man hier die Bundesratsperspektive vor Augen hatte. Aber in den Kantonen hat man sicher aktive Frauenförderung betrieben. Was wir jetzt haben, ist das Resultat davon.
Nun gibt es gleich drei Favoritinnen auf den Bundesratssitz. Zwei werden ausscheiden. Wird das für diejenigen zum Problem, werden sie verheizt?
Das Risiko besteht. Aber man muss das mit den Kandidatinnen nun gut vorbereiten. Hier sind Gespräche mit der Parteispitze nötig. Die Verliererinnen dürfen das nicht als persönliche Niederlage nehmen, wenn sie das Rennen nicht machen.
Können die Verliererinnen bei einer nächsten Wahl wieder antreten?
Das soll kein Hinderungsgrund sein. Vielleicht nützen sie eine Bundesratskandiatur auch als Sprungbrett, zum Beispiel für Regierungsratswahlen.
Vor 17 Jahren war die Frauenwahl ein Problem. Jetzt könnten bald fünf Frauen im Bundesrat sitzen. Sind sie überrascht, dass das so schnell ging?
So schnell ging das nun auch wieder nicht. Aber klar, hätte mir damals jemand gesagt, dass es 2010 eine Frauenmehrheit im Bundesrat gibt, hätte ich gedacht, das ist leider nur ein schöner Traum.
Mit welchem Gefühl schauen Sie auf die Wahl von 1993 zurück?
Die Nichtwahl hatte ich schnell überwunden. Aber die Kampagne, die gegen mich geführt wurde, schmerzte schon.
Was wäre ihr Traumresultat für den 22. September?
Dazu erhalten Sie von mir keine Antwort. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.08.2010, 17:54 Uhr


ruth leemann
Hildegard Fässler ist die gesuchte / gewünschte SP - Bundesrätin, weil sie im Parlament wie beim Volk den geeignesten Eindruck hinterlässt. Antworten