Ein Beruf schafft sich ab

Trump und die Folgen: Warum haben die Journalisten das nicht kommen sehen?

Wie in einer Sekte: Die Reporter spürten es nicht, weil sie es nicht spüren wollten.

Wie in einer Sekte: Die Reporter spürten es nicht, weil sie es nicht spüren wollten. Bild: Keystone

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Wenn es einen Verlierer gibt dieser verrückten Wahlen in Amerika, der nicht in Amerika lebt, sondern in London, Paris, Zürich, Berlin oder München, der die einschlägigen Cafés bevölkert, wo immer der gleiche ­Vintage-Geruch zu schmecken ist, wo junge Männer mit Bärten sitzen und so geschäftig in ihren iPhones wühlen, obwohl sie doch nichts zu tun haben, wo keine Bücher zu sehen sind, sondern bloss Laptops, wo diese ­Menschen, von denen ich rede (oft sind es eher Männer), ebenfalls sitzen, aber meistens ohne Bart, sondern im Anzug, aber sicher ohne Krawatte – wenn es Verlierer gibt, dann sind das jene Leute, die den gleichen Beruf haben wie ich: die internationale Gemeinschaft der Journalisten. Selten haben sie, die Deuter und Meinungsmacher der Welt, die Medien, eine solche Niederlage erlitten wie die Wahl von Donald J. Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, dem Mann, der sich von Beginn weg weigerte, die Medien zu fürchten.

396 000 Dollar haben amerikanische Journalisten gemäss einer Studie des Center for Public Integrity, eines unabhängigen Thinktanks, in ­dieser Präsidentschaftswahl gespendet: Davon gingen 382 000 Dollar an Hillary Clinton, das ­entspricht 96 Prozent. Fast alle Zeitungen und News-Websites in Amerika haben sich für die demokratische Kandidatin ausgesprochen, fast alle Fernsehsender zogen nach, wenn auch nicht offiziell, selbst der konservative Sender Fox News war gespalten – und natürlich auch in Europa, wo die Medien noch mehr übereinstimmen bei fast jedem Thema, hätten alle Hillary bevorzugt.

Wenn es nur das wäre: Man hat sich geirrt, man darf sich irren. Härter und unangenehmer aber ist die Einsicht, der sich kein Journalist verschliessen kann: Wir haben keinen Einfluss – oder besser: Wir haben Einfluss, alle vernehmen uns, doch niemand glaubt, was er hört.

In der Sekte

Denn ginge es nur um Meinungen, die nicht ankamen, könnte man sich in der internationalen Sekte der Journalisten ja damit beruhigen, dass Meinungen ohnehin schwächer wirken als Fakten und Berichte. Doch die Medien haben eben auch die Fakten verzerrt, übersehen, unterschlagen, erfunden oder falsch dargestellt: zum Beispiel die Umfragen, die die meisten Journalisten nicht bloss glaubten, sondern vor sich hertrugen wie eine Monstranz. Wer die Prognosen anzweifelte, galt als ein Mitglied der Flat Earth Society, jenes Clubs der Wahnsinnigen, die daran festhalten, dass die Erde eine Scheibe ist. Unvergessen ist jener Austausch von Brianna Keilar, einer CNN-Reporterin, mit Michael Cohen, dem Anwalt von Donald Trump.

Keilar fragte, fast etwas ­aufgeräumt: «You guys are down.» – «Eurer Kampagne läuft es schlecht.» «Says who?» – «Sagt wer?», fragte Cohen, und sein Gesicht blieb zugänglich wie eine Stahlplatte, in jener Art, wie das nur amerikanische Anwälte fertigbringen. «Polls. Most of them. All of them!» – ­«Umfragen. Die meisten. Alle!» Cohen schwieg lange und sagte: «Says who?» «Polls. I just told you. I answered your ­question.» – «Die Umfragen. Ich sagte es Ihnen doch gerade. Ich habe Ihre Frage beantwortet», sagte Keilar, nun klang sie verzweifelt. «Which polls?» – «Welche Umfragen?» «All of them.» – «Alle.»

Die Sequenz verbreitete sich blitzschnell im Internet, es tauchten zahllose Varianten auf, wo man sich über Cohen, den vermeintlichen Idioten, lustig machte. Doch jetzt, wer hatte recht? Wer lacht am besten? Das Gleiche gilt für die vielen Fakten-Checker, ein neuer Beruf in Amerika, wo Leute vorgeben, Fakten auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, wenn man aber genauer hinschaut, stellt sich oft heraus, dass eben auch diese Leute nicht neutral oder objektiv sind, sondern viele Urteile, die sie fällen mit der ernsten Miene des Physikers, unterliegen ebenfalls ihren Vorlieben – und auch diese lagen fast immer bei Hillary Clinton.

Die normative Kraft des Faktischen?

Wenn dieser Wahlkampf etwas klargemacht hat, dann die Unzuverlässigkeit der Medien. Auch mir erging es so. Oft, wenn irgendeine Aussage von Trump wieder sämtliche Redaktionen der Ostküste ins Vibrieren gebracht hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als das Interview im Original nachzuhören. Fast immer erwies sich, dass Trumps Worte ungenau wiedergegeben wurden, wenn nicht falsch, wenn nicht bösartig überzogen gedeutet. Wenn im Zweifel, wurde stets die ­maximal negative Interpretation gewählt. Kurz, man tat alles, um diesen Mann zu verhindern – und schreckte vor nichts zurück. Kommentare, Meinungen, Bilder, Zitate, Berichte, Reportagen, Fakten: Viel zu viel wurde gebogen, manipuliert, gedreht und gedrückt, bis die Realität so aussah, wie man von vornherein wusste, wie sie auszusehen hatte. Die normative Kraft des Faktischen? Es war die faktische Wirkung des Normativen: Nicht was ist, sondern was sein soll, war plötzlich zu dem geworden, was war.

Nachdem die amerikanischen Medien, besonders die Zeitungen, ohnehin vom Strukturwandel wie von einer Schlammlawine überrollt worden sind, die ihnen Tausende von Lesern entrissen hat, sind sie jetzt im Begriff, von Lava überströmt und verbrannt zu werden. Die Lava der totalen Irrelevanz. Was immer die Journalisten rieten, viele Wähler kümmerten sich nicht darum, was immer sie berichteten, viele Amerikaner hielten es für falsch.

Wir sind alle so nett

Warum ist es so weit gekommen, nicht bloss in Amerika, sondern auch in Europa? Denn gerade wir in der Schweiz kennen das: Jahrzehntelang haben sämtliche Journalisten unserer Medien (mit wenigen Ausnahmen, lange auch ich) den EU-Beitritt herbeikommentiert und herbeiberichtet – dazu durchgerungen haben sich die Wähler nie. Niemand glaubte uns Journalisten am Ende, dass ein Beitritt zur Union besser sein sollte für unser Land. Seither gehen viele Journalisten wie an Krücken. Zur EU sagen sie nichts mehr.

Eine vorläufige Erklärung. Die 96 Prozent in Amerika für Hillary Clinton deuten es an: Wir Journalisten sind uns zu einig. Der Wettbewerb der Meinungen und das Ringen um das beste Argument, weltanschauliche Differenzen, und zwar echte, tiefe, die wehtun, wenn man sie anspricht, sowie parteipolitisch geprägte unterschiedliche Empfindlichkeiten – sie kommen fast nicht mehr vor in unserem Milieu. Auf die Schweiz bezogen: Es gibt kaum Journalisten, die SVP ­wählen, ein paar Unverdrossene entscheiden sich für die FDP, fast niemand für die CVP, doch die meisten sympathisieren mit der SP, oft wählen sie lieber die Grünen oder die Grünliberalen, weil das etwas origineller wirkt, aber kurz: Sie stehen fast alle Mitte-links, wenn nicht sogar am linken Rand. Ihre Ansichten gleichen sich wie in einer Sekte. Ohne Prophet beten sie zum gleichen Gott.

Die Folge davon – und das ist das Problem, nicht die inhaltlichen Vorlieben an sich –, man erkennt die Welt nicht mehr, wie sie ist. Wer sich in einer Sekte aufhält, sieht sich dauernd von Gleichgesinnten darin bestätigt, dass zwei plus zwei fünf ergibt. Es sind die Blinden, die andere Blinde danach fragen, ob die Sonne scheint.

Der grosse Konsens

Gewiss, nun mag man einwenden: Donald Trump ist doch objektiv ein Desaster. Mag sein. Aber in jedem Prozess gibt es einen Ankläger und einen Verteidiger, weil schon die Römer davon ausgingen, dass die Wahrheit am besten zu erkennen sei, wenn man die Dinge aus zwei vollkommen entgegengesetzten Richtungen betrachtet. Haben wir je erlebt, dass im Gericht 96 Ankläger auf vier Verteidiger treffen? Würden wir es je für fair, aber auch erkenntnistheoretisch nützlich halten, wenn man dem Ankläger 96 Minuten Redezeit einräumte und dem Verteidiger bloss vier Minuten?

Weil wir Journalisten, ob in Amerika oder Europa, uns in allen Fragen einig sind, vor allem jenen, die weite Teile der Bevölkerung bewegen und die diese «vergessenen Leute» oft anders beantworten als wir, vermögen viele von uns nicht mehr zu sehen, was vor unseren Augen vor sich geht. Die Journalisten aus New York flogen zwar rasch nach Ohio, um die Eingeborenen zu untersuchen, aber sie fanden nichts. Sie fuhren mit jenen Vorurteilen zurück, mit denen sie losgezogen waren. Dass eine Mehrheit der Leute in Ohio Trump zuneigte: Die Reporter spürten es nicht, weil sie es nicht spüren wollten.

Ich wiederhole mich: Überall im Westen gibt es immer mehr Leute, denen zum Beispiel das Ausmass der Immigration inzwischen zu viel ist – fast alle Journalisten sind anderer Meinung und berichten mit Vorliebe davon, dass jene, die sich Sorgen machen, von falschen Zahlen ausgehen, falschen Gefühlen aufsitzen, von Hass getrieben, von Vorurteilen geprägt oder mit Dummheit geschlagen sind. Und überhaupt: Immigration ist gut. Wurde nicht die BBC von Ausländern gegründet? Und Nestlé, und Maggi?

Wie in einer Sekte hat das Milieu der Journalisten Wiedererkennungsmeinungen entwickelt, deren Funktion weniger ist, eine interessante Meinung zu sein, sondern eine soziale: Es sind Zeichen der Zugehörigkeit zum Milieu der Journalisten. Journalist ist nicht, wer schreibt und recherchiert, sondern wer daran glaubt, dass Immigration sehr gut ist.

Dass man mich nicht missversteht: Es geht nicht um Immigration an sich, auch nicht um Trump noch um den Brexit, die EU oder die Frage, inwiefern der Klimawandel uns zerstört, über all diese Gegenstände darf und kann man geteilter Meinung sein, sondern es geht um die Tatsache, dass ein Berufsstand, der in all diesen Fragen so einseitig Partei nimmt, sich selber abschafft, weil der Journalist nicht mehr darüber berichten kann, was die Welt bewegt und in ihr vorfällt, sondern nur mehr darüber schreibt, was ihn selber bewegt. Und das ist meistens eine kleine Welt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.11.2016, 17:55 Uhr

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