Wahlen 2011

Die Schweiz wählt

Alles zu den National- und Ständeratswahlen vom 23. Oktober 2011

Jetzt kommt die «Generation Castingshow»

Von David Hesse. Aktualisiert am 14.09.2011

Am 23. Oktober bestimmt die Schweiz ein neues Parlament. Die Bevölkerung ist nicht politikmüde: Sie wird nur lieber gewählt, statt andere zu wählen. Mehr Kandidaten denn je wollen in den Nationalrat.


Rund 3500 Kandidaten wollen in den 200-köpfigen Nationalrat gewählt werden. (Bild: Keystone )

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Auf der Staatskanzlei Solothurn sind Rekorde zu verzeichnen. 141 Personen bewerben sich diesen Herbst für die sieben Nationalratssitze des Kantons. Vor vier Jahren waren es 81, 1995 erst 59 Kandidaten gewesen. «Es sind ganz offensichtlich mehr Leute als früher bereit, politische Verantwortung zu übernehmen», freut sich Yolanda Studer, die in der Solothurner Staatskanzlei das Dossier politische Rechte betreut. Und dies im ganzen Land: In den meisten Kantonen, wo der Nationalrat mittels Kandidatenlisten gewählt wird, vermelden die Behörden dieses Jahr Bewerberzuwachs (siehe Tabelle). Rund 3500 Personen dürften kandidieren, knapp dreimal so viele wie 1963.

Grund für diese Entwicklung sind zweifellos die Parteien und ihre Strategie der Selbstvervielfachung. Mit nur einer einzigen Liste geht heute fast keine etablierte Kantonalpartei mehr ins Rennen. Die CVP Luzern etwa präsentiert sich ihren Wählerinnen und Wählern dieses Jahr dreifach: als Stammpartei, als Jungpartei und als Bauern-CVP «Die Landoffensive». In Solothurn ist die Zahl der Wahllisten von 13 im Jahr 2007 auf heute 22 hochgeschnellt. In fast allen Kantonen finden sich Senioren-, Frauen-, Secondo- und Auslandschweizerlisten, deren Stimmen dank Listenverbindungen einer Grosspartei zugute kommen. Hier gilt das Motto: Viele Netze, mehr Fische.

Interessanter als die Listen sind die Menschen, die sich auflisten lassen. Ob auf den hinteren Plätzen einer Regierungspartei oder einsam an der Spitze einer 1-Mann-Querulantenfraktion: Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer halten sich für befähigt, ihr Land zu regieren. Woher kommt dieses Selbstvertrauen?

Von den jüngeren Jahrgängen war nichts anderes zu erwarten. Die «Generation Castingshow» drängt auf Bühnen jeder Art. Auch wer nie an einem TV-Gesangswettbewerb teilnehmen will, erlernt an der Schule und in Lebenslauf-Schreibwerkstätten das Kandidatenmantra: belastbar, teamfähig, kreativ, durchsetzungsstark, hoch motiviert. Ist dies nicht das Holz, aus dem Nationalräte geschnitzt werden? «Ich möchte mich aktiv an der Politik beteiligen, mitreden, meine Meinung einbringen», sagt Anita Borer (25) aus Uster, Kundenberaterin der Zürcher Kantonalbank und Kandidatin der SVP auf dem prominenten zweiten Zürcher Listenplatz.

Das junge Sendungsbewusstsein bringt Ungeduld in die Parteien. Viele Neueinsteiger tun sich schwer mit der traditionellen Ochsentour durch Gemeinderäte und Parteisekretariate. «Heute wollen eigentlich alle sofort nach Bern», sagt verdriesslich ein gestandener Kommunalpolitiker der SP Aargau. Die Listenvielfalt der Parteien zeugt vom Drängeln der Kandidaten: Nur wer viele Listen hat, kann seine Mannschaft zufriedenstellen. Im Unterschied zur kommunalen und kantonalen Politik hat die Arbeit im Parlament in den letzten Jahren kaum an Prestige verloren: «Bundespolitik gilt weiterhin als Bühne des Glamours und der epischen Gefechte», sagt der Politikwissenschaftler Michael Hermann.

Wenn nicht Glamour, dann doch immerhin Redezeit: Viele Bewerber sind fasziniert von der Aussicht, sich als Nationalrat dem Land endlich mitteilen zu können. Der Rhetorikcoach Matthias Pöhm (51) aus Bonstetten ZH hat zu diesem Zweck eigens eine Partei gegründet. Seine Anti-Power-Point-Partei (Liste 8) will die Bevölkerung von langweiligen digitalen Präsentationen befreien, andere politische Anliegen hat Pöhm keine: «Brauch ich auch nicht. Ich überlege mir dann, wenn es so weit ist, was ich zu den Krankenkassenprämien sagen werde. Eines aber kann ich versprechen: Ich bin Redner, ich liebe es, zu reden, und ich werde sicher nicht still sein.» Er wird in guter Gesellschaft sein.

Nicht alle Volksvertreter in spe kommen zurande mit den etablierten Parteien. Um ihre komplexen Persönlichkeiten nicht einschränken zu müssen, beharren viele auf der eigenen Liste. Dafür braucht es nicht mehr als einen Kandidaten und zwischen 100 und 400 empfehlende Unterschriften, je nach Kanton.

Das Ergebnis ist ein Strauss bunter Kleinstparteien. In Bern tritt das Alpenparlament an mit kryptischen Botschaften zum Seelenheil und angeblich schädlichen Sonnenschutzmitteln (Liste 23). In Zürich fordert die Narrenpartei Schweiz mehr sokratische Bescheidenheit («Die Narrenpartei weiss, dass sie nichts weiss», Liste 16). In Schwyz will Martha Leuthard («Martha vom Morgartä») direkt in den Ständerat (Liste D) mit dem Wahlspruch «Mein Weg durch die Depression». Auf ihrer Website versammelt sie Bibelsprüche, Krankheitsgeschichten, Heimatliebe &endash und vermietet eine heimelige Parterrewohnung, «Bett-, Frottee- und Küchenwäsche vorhanden».

Selbstdarsteller jeder Couleur nutzen ihre politischen Rechte. Für manche scheint die Kandidatur geradezu therapeutische Funktion zu haben. Es tut gut, zu kandidieren! «Kaum steht man auf der Kandidatenliste, beginnt das Telefon zu klingeln, kommen die ersten Mails herein, klopft einem der Nachbar auf die Schulter, wird einem zu Mut und Kraft gratuliert. Das kompensiert die Einsamkeit, mit der sich heute so viele Menschen quälen», sagt der Psychiater Hans-Jörg Hahn (47). Er selber kandidiert für die neu gegründete Partei Grünes Graubünden/Verda.

Konstruktiv unzufrieden

Der Aussicht auf Bestätigung kann natürlich auch jene Bevölkerungsgruppe nicht widerstehen, die sich vom Applaus ernährt: die Prominenten. Für die SP treten der Ex-Fernsehmann Matthias Aebischer (44) in Bern und der Kriminologe Martin Killias (63) im Aargau an, die SVP schickt in Graubünden gleich zwei Ex-Skirennfahrer los, Paul Accola (44) aus Davos und Willy Forrer (75) aus Klosters. Interessanterweise stehen beide auf der Auslandschweizerliste, wohl um die vielen Meter internationale Piste zu honorieren, die sie in ihrem Leben schon befahren haben. Nicht ganz so bekannt ist Hans-Peter Bieri (46), immerhin Gründer und Ehrenmitglied des Landhockey-Clubs Steffisburg und heute Leiter der Visaabteilung der Schweizer Botschaft in Bangkok, Thailand. Er kandidiert für die Auslandschweizerliste der SVP Solothurn.

Richtige Prominente bringen neben Ruhm auch Geld. In Zürich kandidieren der Banker Thomas Matter (45) und der Mobilezone-Chef Hans-Ulrich Lehmann (52) für die SVP. Beide dürften ordentlich Kapital in die Parteikasse spülen; Matters Vermögen wird auf 100 bis 200 Millionen Franken geschätzt, das von Lehmann auf bis zu 300 Millionen. Der Kampf des sogenannten kleinen Mannes gegen «die da oben in Bern» kostet eben Geld.

Die steigende Zahl der Kandidaturen ist Ausdruck verbreiteter Anerkennungssehnsucht, aber auch eine Form des politischen Protests. «Die Leute sind frustriert von der etablierten Politik &endash und kandidieren deshalb selbst. Sie sind konstruktiv unzufrieden», sagt Christoph Pfluger (57), Solothurner Nationalratskandidat und Sprecher einer neuen Sammelliste für Parteilose, parteifrei. ch. Sandy Vogelsang (23) aus Uster ZH zum Beispiel findet die «Classe politique» «überaltert und sehr konservativ». Deshalb möchte die kaufmännische Angestellte für die Piratenpartei ins Parlament.

Aufmischen will auch der Baumaterialienhändler Josias F. Gasser (58), der Spitzenkandidat der Grünliberalen Graubünden. Seit Jahrzehnten bemühe er sich als Privatmensch und Unternehmer um Nachhaltigkeit. «Doch als Einzelkämpfer stösst man an Grenzen. Man geht unter.» Darum will Grossrat Gasser jetzt nach Bern, «auf die nächste Ebene».

Die erfolgreiche Lancierung der Grünliberalen und der BDP hat eine kleine Flut von Parteigründungen ausgelöst. Das Internet bündelt zudem bisher marginale Interessen in substanzielle Bewegungen. In Zürich treten erstmals die Väter- und Männerfreunde der Subitas (ehemals Männerpartei, Liste 15) an. Deren Parteichef Alfredo E. Stüssi hat sich distanziert von der dubiosen Antifeministen-Bewegung und will jetzt ernsthafte Politik für diskriminierte Männer machen. Sein Youtube-Werbespot &endash gedreht im Halbdunkel vor schiefhängender Schweizerfahne &endash kann Freunden des gepflegten Gruselns aber weiterhin bedenkenlos empfohlen werden. In Bern kämpfen Les Rauraques (Liste 19), benannt nach einem obskuren Keltenstamm, scheinbar für mehr Frankofonie und Unruhe im Kanton.

Und die Tierpartei Schweiz will in immerhin vier Kantonen «den Tieren eine Stimme geben». Parteichef ist der Treuhänder Thomas Märki (43), der im Kanton Zürich für den Nationalrat antritt. Er ist bereit für Bern, Druck und Zusatzbelastung fürchtet er nicht: «Entweder man setzt sich ein für etwas, oder man lässt es bleiben.»

Telefonbuch statt Wahllisten

Gern vergessen nämlich geht bei allem Enthusiasmus, dass der Beruf des Bundespolitikers Kraft abverlangt. Der Druck, die Termine, die Apéros, die Aktenberge, die öffentliche Häme, die Kritik in Tram und Bus: Es wartet Belastung im Bundeshaus. Hans-Jörg Hahn, Nationalratskandidat Grünes Graubünden und Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Trauma-Stress-Forschung, empfiehlt, auch als Politiker Familie und Freundeskreis zu pflegen als Orte des Halts und der Geborgenheit. Ausserdem helfe ein Witz im richtigen Moment: «Man sollte die Politik ernst nehmen, aber nicht zu ernst.»

Auch für die Stimmberechtigten ist die Kandidaten-Explosion mitunter anstrengend. Die vielen Kandidatinnen und Kandidaten erschweren die Orientierung. «Irgendwann ist das nicht mehr lustig fürs Volk. Wenn jeder kandidiert, kann man ja gleich statt der Wahllisten das Telefonbuch verschicken», sagt René Zehnder von der Staatskanzlei Schwyz. Auch der Politologe Michael Hermann findet: «Wenn die Kandidaturen weiter zunehmen, wird wohl politischer Gegendruck entstehen und die Schwelle für Kandidaturen erhöht werden.»

Im Moment aber würde es niemand wagen, die politischen Rechte des Volkes zu beschneiden &endash Empörungsstürme von rechts wie links wären programmiert. Und ein Gutes hat die grosse Lust am Kandidieren schliesslich auch: Mit der Zahl der Kandidierenden steigt die Wahlbeteiligung seit 1995 nach langen Jahren des Abstiegs wieder an. Auch wer sich selber wählt, geht wählen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2011, 17:49 Uhr