Wahlen 2011
Schlagabtausch im urbanen Landkanton
Von Dario Venutti. Aktualisiert am 14.10.2011 76 Kommentare
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Das Klischee Nummer 1, dasjenige mit den weissen Socken, entlockt dem Aargauer allenfalls ein müdes Lächeln.
Klischee Nummer 2 ist schon eher bedenkenswert: Im Aargau schlägt sich das Bemühen, ja nicht aus dem Durchschnitt herauszuragen, selbst in den Farben der Hausfassaden nieder. Peinlich genau wird darauf geachtet, dem allgegenwärtigen Grau keinesfalls auch nur eine Spur von Individualität beizumischen.
Doch der «Autobahn- und Transitkanton ohne grosse Zentren», wie er gerne genannt wird, hat sich längst verändert, ohne dass die Restschweiz davon wirklich Kenntnis genommen hätte. Der Aargauer kennt seit ein paar Jahren die Selbstironie: Als der Kanton 2003 zum Geburtstagsapéro «200 Jahre Aargau» nach Bern lud, standen im Foyer des Bundeshauses orange Hinweistafeln mit der Aufschrift «Restaurant offen – Tankstelle geschlossen».Und gegenwärtig findet der schweizweit wohl interessanteste Wahlkampf im Raum mit rund 600'000 Einwohnern statt, der einst von Napoleon aus vier Regionen erschaffen worden war: Baden, das an den Kanton Luzern grenzende Freiamt, das habsburgische Fricktal und der einst von Bern dominierte Unteraargau. Der Wahlkampf ist spannend, weil in den nationalen Medien dauerpräsente Kandidaten gegeneinander antreten. Und er ist zum Seismografen für die sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen des letzten Jahrzehnts geworden: Glaubt man den Umfragen, wird die SP erstmals seit 1948 den Einzug in den Ständerat schaffen.
Die Kunst der Inszenierung
Für die Unterhaltung ist hauptsächlich Cédric Wermuth besorgt. Der frühere Juso-Chef fällt auch als SP-Nationalratskandidat durch sein politisches Talent auf, sofern damit die Kunst der Inszenierung gemeint ist. Wermuth liess ein Podium mit ihm und seinem Parteikollegen, dem Kriminologen Martin Killias, ebenfalls Nationalratskandidat, von «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel moderieren. Die drei sprachen über Kriminalität, ohne sich wirklich zuzuhören, doch der Abend erfüllte seinen Zweck: Er generierte Aufmerksamkeit.
Vor 10 Tagen füllte wiederum Wermuth den Theatersaal im Badener Kornhaus mit Publikum. Diesmal stand ein Streitgespräch mit Pascal Furer von der SVP auf dem Programm. Das Thema: Werden wir von Idioten regiert? «Man dachte, das sei nun die letzte Verzweiflungstat zweier um Aufmerksamkeit ringender Wahlkämpfer. War es wohl auch. Aber sie hatten nicht mit Peach Weber gerechnet», schrieb die «Zeit».
Peach Weber als Moderator
Der Aargauer Komiker («Only you mein Schatz and the Luftmatratz»), von Kulturjournalisten gering geschätzt, veranstaltete nicht den erwarteten Klamauk. Im Gegenteil: Er war der wohl beste Moderator einer Politdiskussion seit Jahren, weil er alle Regeln der Moderation brach. Peach Weber band das Publikum ein, hielt selber minutenlange Monologe, bezog Stellung. Wermuth setzte er unter Druck mit der Bemerkung, die SP habe es verschlafen, sich rechtzeitig um die sozialen Folgen der Einwanderung zu kümmern. Dem SP-Mann fiel dazu lediglich ein: «Da war ich noch nicht dabei.» Und der SVPler sollte folgende Aussage Webers mit Ja oder Nein beantworten: «Wer an den Finanzmärkten mit Lebensmitteln spekuliert, ist eine Drecksau.» Furer wand sich.
«Ich habe Mühe mit Parteien, weil die Chefideologen den Ton angeben», sagt Weber im Gespräch mit dem TA. Sämtliche Parteien würden keine Politik, sondern einen permanenten Wahlkampf betreiben. «Und dann erschrecken sie, dass die Zahl der Wähler sinkt.» Die Frage des Abends beantwortet er nachträglich so: «In Bern sitzen nicht die besten Politiker. Sondern hauptsächlich jene, welche übrig bleiben, nachdem die Guten abgesagt haben.»
Eine Ausnahme in dieser Hinsicht ist die SP-Ständeratskandidatin Pascale Bruderer. Sie polarisiert nicht, exponiert sich in keiner Sachfrage, tritt mit leisen Tönen auf – und führt bei der Wahlumfrage der «Aargauer Zeitung» vor Christine Egerszegi (FDP) und Ulrich Giezendanner (SVP).
Aus Zürcher Sicht mag Giezendanner das politische Äquivalent zum Aargauer Ausgehvolk sein, das dem Vorurteil nach Wochenende für Wochenende die Zürcher Clubs in Chilbis verwandelt. Der Lastwagenunternehmer Giezendanner gibt sich hemdsärmlig, wirkt väterlich und teilt die fremdenfeindlichen Positionen seiner Partei bedingungslos. Sollte er den Einzug in den Ständerat verpassen, würde das überraschen. Doch nur auf den ersten Blick.
Moderne Agglo-Schweiz
Im Aargau lebt nach wie vor nicht einmal jeder fünfte Einwohner in einer Stadt. Die traditionell bäuerlich-kleingewerbliche Struktur des Kantons liesse deshalb erwarten, dass der SVP eine Standesstimme zufällt. Doch im Aargau hat sich das soziale Gefüge in eine Richtung verändert, welche eine Wahl Bruderers plausibel erscheinen lässt. «Moderne Agglo-Schweiz», nennt der Politologe Michael Hermann diese Veränderungen. Agglo-Schweiz ist im Falle des Aargaus jedoch nicht mit vorstädtischer Langeweile, sozialer Entwurzelung und Angst vor dem Fremden gleichzusetzen. Sondern ein Synonym für eine gelungene Modernisierung.
Laut Hermann war der Aargau in den 90er-Jahren ein Kanton am rechten politischen Rand. Im letzten Jahrzehnt dagegen ist er in die Mitte gerückt. Denn die Gewichte der vier Kantonsteile haben sich verändert. Statt des protestantischen Unteraargaus und des katholischen Freiamts gibt das liberale Baden den Ton an: Die Stadt ist mit Wettingen und dem Limmattal zu einer Grossregion zusammengewachsen. In ihr sind Berufe entstanden, wie man sie bisher vor allem in der Stadt Zürich kannte: Grafiker, Informatiker, Ingenieure.
«Der Aargau ist selbstbewusster geworden», sagt Hermann. Die urbane Mentalität sei angekommen. Daher überrascht es ihn nicht, dass Pascale Bruderer die Umfragen anführt. Die SP-Kandidatin sei keine Sozialdemokratin grossstädtischer Prägung: Während Linke in Zürich mit der Freitag-Tasche und dem Velo an Veranstaltungen fahren, besitzen die Genossen auf dem Land ein Terrassenhaus und führen ihren Hund spazieren.
Pascale Bruderer stammt aus Baden, ebenso wie Christine Egerszegi. Ulrich Giezendanner wohnt in Rothrist im Unteraargau.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.10.2011, 20:55 Uhr
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76 Kommentare
Pascal Bruderer ist das Super Model auf dem politischen Laufsteg! Aber wofür steht sie eigentlich? Sie ist so aalglatt und ihr Hauptaugenmerk legt sie darauf, nirgends anzuecken. Durchschaut das eigentlich niemand? Auch ich finde Pascale äusserst sympathisch und hübsch, über ihre Arbeit sagt dies aber wenig aus und deshalb würde ich sie eher bei einer Misswahl wählen als bei der Ständeratswahl. Antworten
Mir als Aargauer käme es nie in den Sinn, was anderes als SVP zu wählen. Wenn ich mich verkaufen will, dann mache ich es selber. Für mehr Lohn plädieren aber alle reinlassen, sodass Lohndumping an der Tagesordnung sein muss. Aber neiau. Dazu noch Verbrecher züchten mit der Gutmenschenpolitik. Dann von Umweltschutz plaudern. Die neuen werden natürlich in Pilzen wohnen wie in Schlumpfhausen. Antworten

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