Abenteuerliche Pläne für eine Hochsee-Republik

Tahiti ist angeblich bereit, Investoren und Utopisten aus dem Silicon Valley aufzunehmen. Und dann?

Künstliche Inseln ohne Steuern: Ein US-Thinktank will neue Staaten auf hoher See errichten. Illustration: Seasteading Institute

Künstliche Inseln ohne Steuern: Ein US-Thinktank will neue Staaten auf hoher See errichten. Illustration: Seasteading Institute

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Der Plan ist gewagt. Auf künstlichen Inseln in internationalen Gewässern will der US-Thinktank Seasteading Institute neue Staaten erschaffen. Offenbar ist er einen wichtigen Schritt vorwärtsgekommen. Der Präsident von Französisch-Polynesien, Edouard Fritch, wird noch diesen Monat in San Francisco zur Unterzeichnung einer Vereinbarung erwartet. Die Inselgruppe mitten im Pazifik habe die Kooperation von sich aus angeboten, sagte Randolph Hencken, Direktor des Seasteading Institute. «Dies wird der Region Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum und ein ökologisches Fundament bringen.»

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Die Idee der Ministaaten auf hoher See ist eine Konsequenz der libertären Philosophie von Peter Thiel, erfolgreicher Internetunternehmer und zweifacher Milliardär. Die schwimmenden Republiken sollen jedem Eingriff durch einen Staat entzogen sein, sie sollen ihre Regierungsform selber finden und sich selber verwalten. Hinter dem Vorhaben steht das Sea­steading Institute, das vor acht Jahren dank Thiel eine substanzielle Basis erhielt. Der Ideologe im Silicon Valley und Berater von Donald Trump steckte 1,7 Millionen Dollar in das Vorhaben. «Wenn wir die Freiheit vergrössern wollen, so müssen wir die Zahl der Länder vergrössern», sagt er. «Die Frage, ob Seasteading möglich oder erwünscht ist, ist nicht relevant. Es ist schlichtweg notwendig.» Seasteading lehnt sich an einen Begriff der Siedlerzeit an und beschreibt das Schaffen eines neuen Heimwesens; in diesem Fall auf hoher See.

Für Kritiker ist das Seasteading-Projekt eine Arche Noah, die auf Wallstreet-Geldern schwimmt.

Die ersten Reaktionen der Betroffenen allerdings sind nicht so optimistisch. Hervé Raimana Lallemant-Moe, Professor für Völker- und Umweltrecht an der Universität von Französisch-Polynesien, sagte, die Inselgruppe sei «ausserordentlich stark verletzlich». Die Isolation, die Bedrohung durch den Klimawandel und die geringe Wirtschaftskraft seien für die Bevölkerung weit wichtiger als vage Pläne von Investoren aus den USA. «Es ist klar, dass die Schaffung von künstlichen Inseln für die ­Bevölkerung keine Priorität hat.» Der Radiojournalist Alexandre LeQuéré machte sich lustig über das «futuristische Delirium» und sprach von einer «Arche Noah, die auf Wallstreet-Geldern schwimmt». Ganz offenkundig hätten sich die Utopisten mehr zu gewinnen erhofft als die lokale Bevölkerung, hiess es in einem Beitrag des Tahiti-Fernsehens. «Diese Millionäre werden von einem illusionären Wunsch getrieben, sich von den existierenden Staaten abkoppeln zu können.»

Für den Streitfall ist vorgesorgt

Viel weiter als über Planskizzen ist das Vorhaben bisher aber nicht gediehen. Eine Crowdfunding-Sammelkampagne brachte 2013 nur gerade 27'000 Dollar zusammen. Dem stehen Investitions­kosten von geschätzten 225 Millionen Dollar gegenüber sowie jährliche Betriebskosten von 8 Millionen. Eine kleine Gruppe privater Geldgeber hat angeblich Interesse angemeldet, auf eine solche Hochseeplattform zu ziehen. Was macht einen solchen Umzug attraktiv? «Seasteading ist für Leute, die sich an einem Marktplatz von Ideen, einem Marktplatz des Handels und einem Marktplatz der Politik beteiligen wollen», erklärt Hencken. Das tönt verschwommen.

An den Plattformen sollen Hochgeschwindigkeitsboote verankert werden, die es erlauben, auf das Festland zu entfliehen. Illustration: Seasteading Institute

Konkreter soll es aber ­erstmals mit dem Standort Französisch-Polynesien werden. Die vom Klima­wandel und dem steigenden Meeres­spiegel bedrohte Inselgruppe könnte dank den Hochseeplattformen einen Ausweg aus der Katastrophe finden, so die Idee. Bewährt sich das, wären die Utopisten aus den USA nach ihren Worten sofort bereit, beispielsweise Bangladesh zu Hilfe zu kommen.

Mit Trump auf hoher See

Doch ist auch für den Fall vorgesorgt, dass es Krach gibt. An den Plattformen sollen Hochgeschwindigkeitsboote verankert werden, die es erlauben, auf das Festland zu entfliehen. Er selber wolle auch davon Gebrauch machen, so der Seastading-Direktor Hencken, zum Beispiel für seine morgendlichen Yoga-Lektionen. Technisch sind die Hochseeplattformen mit der Welt verbunden. Ein Untersee-Glasfaserkabel führt an Tahiti vorbei und könnte fürs Internet angezapft werden.

Wichtig ist, dass auf den Inseln keine Steuern entrichtet werden müssen, denn Steuergelder kommen dem Staat zugute, der als Wurzel allen Übels gilt. Deshalb sollen die schwimmenden Burgen in internationalen Gewässern stationiert werden. Die Frage, die sich mit Präsident Trump stellt, ist nun aber, ob der politische Anreiz für das Projekt noch genügend gross ist. Der künftige Präsident hat bereits versprochen, die Steuern unter den europäischen Schnitt zu senken und eine Vielzahl jener Regulierungen zu beseitigen, die Thiel und seine Mitstreiter auf hoher See abschaffen wollten. Vielleicht genügt es ihnen vorerst, wenn sie Ende Januar an der geplanten Trump-Victory-Kreuzfahrt in die Karibik teilnehmen können.

Projekte von frei schwimmenden Utopisten und Besserwissern sind nicht ganz so neu, wie es scheint. Der Gelehrte Sebastian Brant machte sich vor mehr als 500 Jahren bereits über solche Zeitgenossen lustig und wies ihnen einen Platz auf seinem «Narrenschiff» zu, das Kurs auf Narragonien nimmt. Seither gab es auch immer wieder Versuche, alternative Gemeinschaften auf hoher See zu schaffen. In den 1960er- Jahren war es die Operation Atlantis, in den 70ern die Republik von Minerva und in den 90ern das Oceania-Projekt. Sie scheitern durchwegs.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.01.2017, 11:41 Uhr

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