Das Tessiner Islamisten-Netzwerk

Ein mutmasslicher IS-Rekrutierer bewachte im Tessin Asylheime. Für dieselbe Sicherheitsfirma war auch ein Jihadist tätig.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist ein illustres Islamisten-Netzwerk, das sich vom Tessin über die Grenze nach Italien erstreckt. Im Zentrum steht das ehemalige Tischtennistalent Ümit Y. Der Tessiner Publizist Sergio Roic hat den türkisch-schweizerischen Doppelbürger noch vor wenigen Jahren als «leuchtendes Beispiel» für gute Integration in der Schweiz genannt. In der grossen Anti-Terroraktion vom Mittwoch ist Ümit Y. verhaftet worden. In den Augen der schweizerischen Sicherheitsbehörden ist er ein gefährlicher IS-Rekrutierer, aber es gilt die Unschuldsvermutug.

Der Verdacht gegen den heute 32-Jährigen: Er soll unter anderem den sechs Jahre jüngeren Ylan B. unterstützt haben, zur Terrororganisation nach Syrien zu reisen. Der Schweiz-Tunesier war einst in Lugano als begabter Junioren-Fussballer aufgefallen. Jetzt fürchten Angehörige, dass er im syrisch-irakischen Kriegsgebiet umgekommen ist.

Inmitten schweizerischer Normalität

Ümit Y. und Ylan B. wuchsen beide zum Teil im grössten Quartier Luganos auf. Molino Nuovo ist einer der unspektakulären Ecken der Stadt, aber das Zentrum ist nah. Der See lässt sich aus dem topfebenen Hinterland nicht erspähen, die Villen an den Hügeln sieht man aus der Ferne. Doch Molino Nuovo ist keine Banlieue, keine Mailänder Vorstadt, sondern eher schweizerische Normalität.

Der Juniormeister im Tischtennis und der Mittelfeldregisseur beim FC-Lugano-Nachwuchs lebten zeitweise vielleicht 400 Meter von einander entfernt. Wenn sie aus dem Fenster blickten, sahen beide den Friedhof von Lugano und dahinter das Fussballstadion Cornaredo. Dort reichte es dem eher kleinen Ylan B. nicht ganz zur grossen Karriere. Als junger Erwachsener hängte er die Fussballschuhe an den Nagel.

Gewalt gegen Asylbewerber

Nicht weit ist es auch zur Moschee von Lugano-Viganello. Ümit Y. besuchte den halbunterirdischen Gebetsraum und Ylan B. soll dort vom Katholizismus zum Islam konvertiert sein. Die Wege der beiden haben sich aber nicht nur in der überschaubaren Islamistenszene in der grössten Tessiner Stadt gekreuzt, sondern auch bei Argo 1, einem privaten ­Sicherheitsdienst. Zu den Aufträgen der Firma gehörte es, Asylunterkünfte zu bewachen. Ümit Y. hatte dort eine Vorgesetztenposition inne. Gegen den am Mittwoch ebenfalls verhafteten Chef von Argo 1, einen Ex-Bodyguard und Ex-Ehemann einer Sängerin aus Italien, ermittelt nun die Tessiner Staatsanwaltschaft. Die schwersten Vorwürfe hier: Freiheitsberaubung und Gewalt gegen mindestens einen Asylbewerber. Argo 1 wurde umgehend von ihren Aufgaben im Migrationswesen entbunden.

Der Eingang zur Zivilschutzanlage Camorino, in der Asylbewerber untergebracht sind: Hier arbeitete Ümit Y. als Sicherheitsbeamter. (Bild: Reto Oeschger)

Auch Ylan B. hatte für die Firma ein Asylheim bewacht, bis zu einem ab­rupten Abgang. In der ersten Jahreshälfte 2015 wollte er gemäss einem ­damaligen Arbeitskollegen einen mehrwöchigen Urlaub beziehen. Dies sei ihm aber verwehrt worden, erzählt der ­Argo-1-Angestellte. Ylan habe darauf kürzere Ferien angetreten – und sei nie mehr aufgekreuzt. Auch seine Familie hat seither gemäss einem Angehörigen nie mehr etwas vom jungen Mann gehört. Ein Bekannter sagt allerdings, der Vater habe ihm später erzählt, dass er ein Bild von Ylans Leiche zugeschickt bekommen habe.

Bekannte sprechen von Gehirnwäsche

Was genau zur Radikalisierung der unauffälligen und integrierten Luganeser Jungen beitrug, liegt im Dunkeln. In beiden Fällen sprechen Bekannte von Gehirnwäsche, verwiesen wird auch auf schwierige Familienverhältnisse, Alkoholsucht und psychische Probleme bei Elternteilen. Bei Ylan B. hatten sich der kürzlich verstorbene Vater, ein Tuniesier, und die Mutter, eine Schweizerin, getrennt. Ümit Y., der mutmassliche IS-Rekrutierer, lebte mit 32 Jahren noch bei seiner Mutter. Der Vater war längst weg.

Ümit Y. hatte sich irgendwann einen Bart wachsen lassen, Ylan B. ebenso. Auf Bekannte, die Ylan B. in den Monaten vor seinem Verschwinden begegneten, machte er einen bedrückten Eindruck. Sie erzählen, er sei manchmal in Wäldern bei Lugano zelten gegangen, alleine, nur mit dem Koran. Frühere christliche Freunde mied er, auf Kreuze habe er fast schon allergisch reagiert.

Der «türkische Bruder» fädelte Reise nach Syrien ein

Im Herbst 2015 tauchte auch der Marokkaner Oussama K., der ebenfalls im flachen Teil Luganos gelebt hatte, in Syrien auf. Er war zuvor aus Italien und aus der Schweiz ausgewiesen worden. Bereits im Dezember 2015 verkündete seine Familie seinen Tod. Im Februar 2016 meldete sich Oussamas K.s Bruder, der in Norditalien lebte bei Abderrahim M., zweifacher Schweizer Meister im Kampfsport K-1. Der «türkische Bruder» Hamza Hummit könnte für ihn eine Reise nach Syrien einfädeln. Hinter dem Aliasnamen Hummit versteckt sich Ümit Y., der Musterimmigrant aus Lugano. Die Dienste des mutmasslichen IS-Rekrutierers nahm der Kickbox-Champion nicht in Anspruch. Vergangene Woche wurde Abderrahim M. in Mailand als Terrorunterstützer zu sechs Jahren Haft verurteilt.

Ümit Y. verkehrt auch mit dem Türken Sezgin C., der ebenfalls nur einen Katzensprung entfernt lebte. Dieser Schwerkriminelle passt auf den ersten Blick nicht zum eher ruhigen und unauffälligen Ümit Y. Sezgin C. pflegte beste Beziehungen zum Verbrechermilieu Italiens und fiel auch den Tessiner Behörden auf. Wegen Kindsmissbrauchs und Vergewaltigung sass er länger im Gefängnis und wurde erst Ende 2016 freigelassen. Danach verlieren sich seine Spuren. Wahrscheinlich ist er in die Türkei gereist – oder nach Syrien. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2017, 07:39 Uhr

Artikel zum Thema

Acht An'Nur-Mitglieder müssen in U-Haft

Das Zwangsmassnahmengericht hat angeordnet, die acht Erwachsenen, die in der An'Nur-Moschee zwei Personen angegriffen haben sollen, in Untersuchungshaft zu nehmen. Mehr...

Terrorbekämpfung erreicht neue Dimension

Wurde gestern im Tessin eine Terrorzelle ausgehoben? Gibt es Verbindungen zum Berlin-Attentäter? Was bislang über die Razzia bekannt ist. Mehr...

Ein Sammelbecken für Extremisten in Winterthur

Zur Jugendgruppe der An’Nur-Moschee gehören mindestens sieben der zehn verhafteten Personen. Sie ist ein loser Zusammenschluss von radikalen Salafisten. Mehr...

Promotion

Kostenlose Ebooks

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Beinfreiheit einmal anders: Im sächsischen Niederwiesa machen riesige Frauenbeine auf die Ausstellung «High Heels - die hohe Kunst der Schuhe» aufmerksam, die im nahen Schloss Lichtenwalde zu sehen ist. (23. Mai 2017)
(Bild: Sebastian Willnow/DPA) Mehr...