Der Premium-Passat

Klasse hat er – aber reicht es für die Oberklasse? Mit dem Arteon, dem neuen Flaggschiff, will VW näher an die Luxuslimousinen von Mercedes und BMW heran.

Flache Front: Die in den Scheinwerfern fortgesetzten Rippen im Frontgrill ziehen den Arteon optisch in die Breite. Foto: Volkswagen

Flache Front: Die in den Scheinwerfern fortgesetzten Rippen im Frontgrill ziehen den Arteon optisch in die Breite. Foto: Volkswagen

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Selbst Ferdinand Piëch hat es nicht geschafft. Gerne hätte der VW-Übervater den staatstragenden Limousinen von Mercedes und BMW, die in Berlin regelmässig vor dem Kanzleramt vorfahren, eine Alternative gegenübergestellt. Aber das Auto, das er zu Beginn dieses Jahrtausends in der Gläsernen Manufaktur in Dresden fertigen liess, entwickelte sich zumindest verkaufsmässig zum Flop. Statt der jährlich geplanten 20'000 Einheiten wurden zwischen 2001 und 2016 lediglich 84 235 Phaetons verkauft – in der Schweiz waren es im Schnitt nicht einmal 50 Stück pro Jahr. Und vor allem musste Piëch einsehen: Trotz ­hoher Ingenieurskunst, trotz Zwölfzylinder-Motoren und trotz luxuriösem Interieur – am Prestige einer S-Klasse von Mercedes oder am Renommee der 7er-Reihe von BMW kratzt man selbst dann nicht, wenn auf einer ebenso edlen ­Limousine das VW-Logo prangt.

Passat bleibt Passat

Was tun? Den Passat, so wie es Martin Winterkorn im Sommer 2014 versuchte, verbal auf ein höheres Niveau heben? Bei der Lancierung der achten Gene­ration attestierte ihm der damalige ­VW-Konzernchef jedenfalls «Business-Class-Format». Doch den damals geltend gemachten Anspruch auf mehr Prestige rechtfertigte der einstige Audi-Boss mit der neuen Passat-Generation dann doch nicht. Wie auch: Mit einem seit vier Jahrzehnten weltweit bestens positionierten Modell plötzlich einen Klassenwechsel vollziehen zu wollen, scheint im Rückblick irgendwie weltfremd. Und warum sollte die Positionierung nach oben auch nötig sein? Seit 1973 haben die Wolfs­burger ihr Mittelklassemodell schliesslich weit über 22 Millionen Mal verkauft.

Der Kurvenlicht-Assistent greift auf GPS-Daten zurück, um Kurven auszuleuchten, noch bevor man sie anfährt.

Wo der Passat hierarchisch gesehen also Bodenhaftung behält, soll nun der Arteon abheben. VW selbst bezeichnet sein neues Flaggschiff als «avantgardistischen Gran Turismo, der Komfort und Raumangebot einer fünftürigen Limousine mit der Dynamik und dem Design eines Sportwagens verbindet». Das klingt verheissungsvoll und macht deutlich, wie sehr man bei VW den Weg in Richtung Oberklasse weiter verfolgt, diesmal auch mit stilistischen Mitteln. Lang, breit, flach, dazu mit einer Front, die fast nur aus Kühlergrill besteht und mit einem sanft abfallenden Dach samt riesiger Heckklappe im Stil eines Audi A5 Sportback: Der Arteon, geformt von Chefdesigner Klaus Bischoff, hat durchaus Klasse.

Premium-Ansprüche erfüllt das neue Flaggschiff aber auch unter dem wohl­geformten Blech. Obwohl der Arteon auf dem gleichen modularen Querbaukasten basiert wie der Passat, bietet er dank seines um fünf Zentimeter verlängerten Radstandes selbst Passagieren im Fond fast schon fürstliche Platzverhältnisse. Und dank der am Dach angeschlagenen, hoch und weit aufschwingenden Heckklappe, per Fusskick selbstverständlich, lässt sich der Kofferraum mit seinem Fassungsvermögen von 563 bis 1557 Litern mühelos beladen. In diesem Sinn gibt sich der Premium-Passat dann wieder ganz als Praktiker-Passat.

280 PS als Maximum

Beachtlich ist auch die Fülle an Assistenzsystemen. Wenn Entwicklungsvorstand Frank Welsch sagt, der Arteon zeige die «höchste Ausbaustufe, die wir bei VW derzeit bieten können», dann ­bezieht er sich wohl vor allem darauf. Gleich sieben Systeme sind für ihren Einsatz im Flaggschiff neu aufbereitet worden, so etwa die automatische ­Abstandsregelung, die jetzt auch Tempo­limits und Navigationsdaten berücksichtigt. Ebenso greift nun auch bei VW der Fern- und Kurvenlicht-Assistent auf GPS- und Navigationsdaten zurück, um Kurven auszuleuchten, noch bevor man sie anfährt. Und schliesslich kann der Notbremsassistent den Arteon – falls der Fahrer nicht reagiert – nicht nur abbremsen, sondern das Auto auch am Strassenrand zum Stehen bringen.

Weniger üppig und damit auch nicht ganz kongruent zum angepeilten Gran-Turismo-Segment fällt vorerst die Motorenpalette aus. Zum Marktstart rollt der Arteon ausschliesslich mit Vierzylinder-Aggregaten an, die ein Spektrum von 150 bis 280 PS abdecken. Die beiden stärksten Versionen verfügen neben dem für alle Versionen serienmässigen Doppelkupplungsgetriebe über Allradantrieb. Sechszylinder-Motoren sind laut Entwickler Frank Welsch künftig aber «denkbar»; mit der zunächst angedachten Variante eines Shooting-Brakes mit flachem Kombiheck wird es aber wohl nichts.

Und was kostet dieser Premium-Passat, der sich jetzt Arteon nennt? Mindestens 44'300 Franken in der Basisversion mit 150-PS-Benziner. Die Topversion kommt als 240 PS starker Selbstzünder auf 62'500 Franken zu stehen, als 280-PS-Turbobenziner auf 61'900 Franken. In der Disziplin Anschaffungs­kosten hält der Arteon den Passat damit sicher auf Distanz.

Peter Hegetschweiler fuhr den neuen VW Arteon auf Einladung von Amag am 12. Juni in Deutschland. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2017, 18:28 Uhr

VW Arteon

Neues aus Wolfsburg

Kategorie: Fünftürige Fliessheck-Limousine
Masse: Länge 4862mm, Breite 1871mm, Höhe 1450mm, Radstand 2837mm
Kofferraum: 563 bis 1557 Liter
Motoren: Je drei Benziner und Diesel mit 150 bis 280 PS
Fahrleistungen: 0 bis 100 km/h in 5,6 bis 9,1 Sekunden. Höchstgeschwindigkeit von 220 bis 250 km/h
Verbrauch: 4,4 bis 7,3 Liter auf 100 Kilometer
CO2-Ausstoss: 114 bis 164 Gramm pro Kilometer
Preis: ab 44 300 Franken
Markteinführung: ab sofort
Infos: www.volkswagen.ch


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