Der Schrank wird schlank

Mit dem neuen Discovery stellt Land Rover das letzte Modell auf die neue Alu-Architektur um. Und kann sich deshalb erstmals das kleine Sakrileg eines Vierzylindermotors leisten.

Weites Utah, grosses Auto: Trotz fünf Meter Länge und zwei Meter Breite wirkt der Discovery jetzt weniger wuchtig. Foto: PD

Weites Utah, grosses Auto: Trotz fünf Meter Länge und zwei Meter Breite wirkt der Discovery jetzt weniger wuchtig. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Hier würde uns niemand ernst nehmen. Ein Benzingespräch mit Einheimischen im Diner an der Ecke? Unmöglich. Auslachen würden sie uns, weil man mit solch einem mickrigen Vierzylinder-SUV im ländlichen Utah – im sehr, sehr ländlichen Utah – keinen Blumentopf gewinnen kann. Der XXL-Bundesstaat im Westen der USA mit seinen Cinemascope-Gebirgsketten, Tiefebenen in der Grösse Hollands und Nationalparks geradezu ausserirdischer Anmutung – orange Steine! Gelbe! Blaugrüne! – mag auch in automobiler Hinsicht die Übergrösse. Selbst in einem Land Rover Discovery muss man aufschauen zu den grobstollig bereiften Pick-ups, deren V8-Motoren am Rotlicht träge vor sich hin bollern.

Achtzylinder, das war einmal im Discovery. Wie die jeden Aerodynamiker zum Verzweifeln bringende Karosserie à la Eiche-Wohnwand, die noch die hochformatige vierte Generation des grössten Land Rovers mit sich herumschleppen musste. Dem konnte man noch ansehen, wozu er gebaut war: bis zu sieben Personen möglichst auf Luft­linie von A nach B zu bringen – ganz gleich, ob die Schlucht des Colorado River zwischen diesen beiden Punkten verläuft. Mit der neuen, fünften Generation wäre man nun auch vor der Oper nicht deplatziert.

Ganze Arbeit geleistet

Chefdesigner Gerry McGovern hat ganze Arbeit geleistet. Optisch steht der Discovery den hochpreisigeren Range-Rover-Modellen in nichts nach. Die abgerundete Karosserie und der Längenzuwachs um 13 Zentimeter kaschieren sogar die rund zwei Meter Breite. Schaut gar nicht so gross aus, wie das Datenblatt sagt. Von der charakteristischen Stufe im Vorgängerdach – Stichwort Kopffreiheit auf der dritten Sitzreihe – bleibt kaum mehr als eine Delle. Und auch die bisher horizontal geteilte Heckklappe musste einer konventionellen weichen, die in mancher Garage ­Deckenkontakt aufnehmen dürfte. Wer sich früher auf der unteren Klappenhälfte hockend die Stiefel auszog, muss nicht trauern: Nun gibt es eine elektrische Faltbank, die auch das Ladegut im bis zu 2,4 Kubikmeter fassenden Kofferraum sichert.

Beim Komfort steckt der weiterhin optional auch als Siebenplätzer lieferbare Discovery Utahs Pritschenwagen in die Tasche. Er verfügt über ein properes Interieur, nachdem der kleine Discovery Sport bei den Materialien etwas Kritik einstecken musste. In den Ablage­fächern könnte man viele Ostereier verstecken, und auf den Sitzen erträgt man dank der Luftfederung selbst grobes Gelände. Konnektiv kann das Auto alles, von der Kinderbespassung über acht mögliche WiFi-Endgeräte bis zur internen 60-GB-Festplatte für Musik und Navigation. Eine Smartphone-Kopplung gibt es selbstverständlich auch. Sorry, Cowboys, hier gibt es nichts zu lachen.

90 Zentimeter tief durch Wasser

Auch nicht beim Antrieb. Weil kaum eine Schraube vom Vorgänger blieb, wiegt der neu aus Aluprofilen und -gussteilen verklebte und verschweisste Discovery im Schnitt rund 480 Kilogramm weniger als der Vorgänger, bei höherer Karosseriesteifigkeit. Deshalb wagt Land Rover erstmals sogar einen Vierzylinder: Den Einstieg bilden zwei 2,0-Liter-Turbodiesel mit 180 oder 240 PS. Ersteren sollte man überdenken bei noch knapp 2,2 Tonnen Leergewicht, aber die stärkere Version überzeugt mit ungewohnter Ruhe im Innenraum und kräftigem Antritt. Selbst im Gelände vermisst man keine der 18 Mehr-PS, die der grosse V6-Diesel bieten würde. Aber spart zumindest auf dem Papier neun Deziliter Sprit. Die Benziner-Alternative wäre ein 340 PS starker V6 mit Kompressor, der sonst unter anderem im Sportwagen F-Type Dienst tut.

An Schlamm- und Schottertalenten hat der Discovery nichts eingebüsst mit der höhenverstellbaren Luftfederung, sechs Fahrprogrammen von Sand bis Fels, wahlweise zwei Allradantrieben für eher Strassen- oder Geländekompetenz und einer Achtstufen-Automatik, die sich mit zusätzlicher Untersetzung für Kriech­betrieb ordern lässt. Gut möglich, dass die maximale Wattiefe von 90 Zentimetern und die möglichen Bergabfahrwinkel eher die Mitfahrer an ihre Grenzen bringen als das Auto.

Mindestens 56'800 Franken muss man für den Discovery künftig anlegen, aber wäre für nahezu alles gewappnet zwischen halber Kinderfussballmannschaft und Kashmirgebirge. Von Viertelmeilenrennen gegen V8-Pick-ups bei grünem Ampellicht mal abgesehen. Da haben sie dann doch gelacht, die Cowboys.


Andreas Faust fuhr den neuen Land Rover Discovery im Februar 2017 auf Einladung von Land Rover Schweiz im US-Bundesstaat Utah. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.04.2017, 17:43 Uhr

Artikel zum Thema

Das Beste kommt zum Schluss

Mehr Leistung und eine Hinterachslenkung gegen Aufpreis: Mit den GTS-Modellen des 911 schliesst Porsche die Überarbeitung seiner Sportwagen-Ikone ab. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Der alte Zopf erlebt derzeit eine Renaissance: Besucherinnen des Coachella Valley Music & Art Festivals 2017 im Empire Polo Club in Indio, Kalifornien. Das Festival findet jährlich statt und dauert über zwei Wochenenden. Es zählt weltweit zu den grössten Festivals. (22. April 2017)
(Bild: Rich Fury / Getty) Mehr...