Der unerschrockene Futurist

Lars Thomsen sieht die Menschheit an einem kritischen Punkt. Es gelte, die Arbeit zwischen Menschen und Maschinen neu aufzuteilen.

Lars Thomsen spürt im Auftrag von Unternehmen die Megatrends der Zukunft auf. Foto: Urs Jaudas

Lars Thomsen spürt im Auftrag von Unternehmen die Megatrends der Zukunft auf. Foto: Urs Jaudas

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Villa Sunneschy, Stäfa, ein nebliger Winternachmittag. Zukunftsforscher Lars Thomsen (48) zückt einen Notizblock und skizziert seine Prognose für das kommende Jahr. Als hätten sie im Herbst vergessen herunterzufallen, baumeln draussen im Park noch ein paar vergilbte Blätter an den Birken. Dynamisch, unternehmerisch legt Thomsen gleich los, eloquent erläutert er die Grundlagen des Futurismus – hier in dieser historischen Industriellenvilla, erbaut vor über 100 Jahren im Jugendstil, einer Architektur, die Aufbruch und Gründer­euphorie signalisierte.

Seit 25 Jahren nennt sich Thomsen Zukunftsforscher, ein Futurist mit langer Vergangenheit also. Im Alter von 22 Jahren gründete der Betriebswirtschaftsstudent seine eigene Firma, er bot grossen Unternehmen Beratungsdienste für deren strategische Zukunftsplanung an. Heute führt Thomsen mit acht Partnern das Büro Future Matters.

«Die Zukunftsforscher wurden zu Scharlatanen erklärt.»

Welche Vorsätze fasst ein gestandener Zukunftsforscher für das nächste Jahr? «Ich habe damit aufgehört», sagt Thomsen. «Vorsätze für das nächste Jahr sind meist zu klein und zu kurzlebig. Die Leute wollen abnehmen, Sport treiben, mit Rauchen aufhören – und Mitte Januar geben sie die Vorsätze entmutigt auf.» Das funktioniert so selten, weil der Mensch bei der Zukunft zu zwei Fehlschlüssen neigt. Einerseits überschätzen wir, was wir in einem Jahr verändern können. Hingegen unterschätzt man, was man in zehn Jahren erreichen kann. «Wir sollten uns deshalb etwas für die nächsten zehn Jahre vornehmen.»

Ein Blick zurück scheint die Aussage zu bestätigen. «Jahreswechsel 2006/2007, wo waren wir da?», fragt der Zukunftsforscher und gibt die Antwort gleich selber. «Wir hatten weder ein iPhone, noch nutzte jemand Facebook oder andere soziale Medien. Man konnte noch kein Fernsehen übers Internet empfangen und keine Zeitungen im Zug online lesen. Wenn man den Leuten damals erzählt hätte, dass ihre Kinder in zehn Jahren auf einem handgrossen Gerät ihr eigenes Fernsehstudio haben und damit eine grössere Reichweite erzielen würden als die meisten Fernsehsender, dann hätten alle gesagt, das sei unmöglich.» Und die Zukunftsforscher wurden zu Scharlatanen erklärt.

Chaotische Entwicklung

Kaffeesatzlesen, Scharlatanerie, Unfug – Thomsen begegnet diesem Vorwurf mit nackten Zahlen. «Unsere Prognosen sind besser als die von Aktienanalysten. Deren durchschnittliche Quote liegt bei rund 50 Prozent, unsere Prognosen erreichen derzeit 72 Prozent Eintretenswahrscheinlichkeit.» Für ihre Berichte, die sie im Auftrag von Unternehmen erstellen, durchforsten Thomsen und seine Mitarbeiter erst einmal viel Literatur, sprechen mit Erfindern, Wissenschaftlern, auch Wirtschaftsexperten. So spüren sie die Megatrends der Technologie auf: die Chancen der Energiewende etwa, die Zukunft von autonomen Autos, die Herausforderungen der künstlichen Intelligenz. Doch die Entwicklungen verlaufen selten geradlinig, sondern wild, manchmal flach, dann plötzlich steil ansteigend. Deshalb ist es die Kunst, die Umbruchpunkte zu finden, Thomsen nennt sie Tipping Points. Die Zeitpunkte also, in denen eine Entwicklung plötzlich Fahrt aufnimmt und nicht mehr aufzuhalten ist.

Zum Beispiel das autonome Auto: Hier erleben wir laut Thomsen gerade einen solchen Umbruchpunkt – aus einem einfachen Grund: Der Mensch hat die Fähigkeit, etwa 15 Impulse pro Sekunde zu verarbeiten, Signale, überholende Autos, Wettereinflüsse, Kinder am Strassenrand. Und jetzt gerade, in diesem Jahr, seien die autonomen Fahrzeuge ebenfalls an diesem Punkt angelangt. Mithilfe unzähliger Sensoren und dank Computerkraft hätten sie heute die Fähigkeit, etwa gleich viele Impulse zu verarbeiten. Letztes Jahr waren es erst halb so viele, doch weil sich die Rechenleistung von Computern jedes Jahr verdoppelt, werden es nächstes Jahr doppelt so viele sein. Der Mensch wird überholt, der Fortschritt – vielleicht auch nur das selbst fahrende Auto – sei unaufhaltsam.

Werden Roboter klüger als Menschen? Foto: Keystone

Das Jahr 2016 war allerdings ein schwieriges Jahr, selbst für die grundsätzlich optimistischen Technikfuturisten. Der Brexit, der Austritt Grossbritanniens aus der EU, war der erste Schock, die Wahl Trumps zum US-Präsidenten der zweite. Auch Thomsen haben die Ereignisse ins Grübeln gebracht: «Die Demokratie ist eine Art Seismograf, und dieser hat nun angezeigt, dass in der Gesellschaft ein Graben aufgerissen worden ist.» Der ­rasche Fortschritt habe mehr als die Hälfte der Bevölkerung zur Überzeugung gebracht, dass sie nicht daran teilhabe. Sie habe deshalb Leute gewählt, die wieder Grenzen aufziehen und Mauern bauen wollten.

«Ich glaube, dass wir an einem ganz kritischen Punkt der Menschheit angekommen sind. Wir erleben zum ersten Mal in der Geschichte, dass wir in nur einer Generation mehrere fundamentale technische Umbrüche verarbeiten müssen. Das gibt auch einen Bruch in vielen Biografien. Und das macht natürlich enorm Angst», sagt Lars Thomsen. Wo früher Maschinen nur die Muskelkraft ersetzten, kremple der technische Fortschritt heute unser zentrales Selbstverständnis als Mensch um. Intelligente, lernfähige Maschinen machten den Menschen die Hirnarbeit streitig. Thomsen nennt unser Zeitalter deshalb auch das des Endes der Dummheit der Maschinen.

Digitale Dividende

Droht damit die Herrschaft der Roboter? So weit würde Thomsen nicht gehen. «Heute geht es darum, die Arbeit neu zu definieren. Wir müssen ­offen diskutieren, wie wir die Arbeit zwischen Mensch und Maschine künftig aufteilen und besteuern wollen.» Allerdings sieht er auch weitreichende Folgen für Wirtschaft und Staat. Bei zunehmender Digitalisierung wird immer mehr Wertschöpfung von künstlicher Intelligenz und immer weniger von Menschen als versteuerbare Arbeit geleistet.

«Intelligente Maschinen machen uns die Hirnarbeit streitig.»

«In 20 Jahren werden wir keine Vollbeschäftigung mehr haben», sagt Thomsen. Deshalb müsse man über eine digitale Dividende diskutieren, also inwiefern Unternehmen, die Arbeiter durch Maschinen ersetzen, trotzdem noch einen Beitrag an das Gemeinwesen leisten. Eine Möglichkeit könne das bedingungslose Grundeinkommen sein, über das die Schweizer vor fast einem Jahr abstimmen konnten und das damals noch verworfen wurde. «Dass die Schweizer überhaupt darüber diskutierten, war für mich vorbildhaft», sagt Thomsen.

Doch für den gebürtigen Deutschen war diese Abstimmung noch mehr: nämlich seine ganz persönliche Feuertaufe als Schweizer. Nachdem er 17 Jahre mit einer Schweizerin verheiratet ist und eine gemeinsame Tochter hat, wurde Anfang 2016 sein Antrag auf Einbürgerung angenommen, und er erhielt einen trockenen Formbrief aus Bern. «Aber so richtig bewusst wurde mir der Schritt erst, als ich die ersten Abstimmungsunterlagen erhalten habe, ausgerechnet zum bedingungslosen Grundeinkommen. Das war dann das Fest für mich.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.12.2016, 18:59 Uhr

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