Die heimliche Nummer eins

Seit 40 Jahren ist der VW Golf in der Schweiz der Topseller. Diese Spitzenposition macht ihm der Skoda Octavia streitig – mit der Modellpflege mehr denn je.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ist es so? Immer noch so? Dass der VW Golf das beliebteste Auto von Herrn und Frau Schweizer ist? Offiziell sind keine Zweifel angebracht: Der Topseller aus Wolfsburg hat seine Spitzenposition in unserem Land auch 2016 verteidigt, zum 41. Mal. Genau 11 988 Neuzulassungen konnte Importeur Amag zum Jahresende vermelden – ein weiterer Rekordwert.

Doch Rekorde sind bekanntlich da, um gebrochen zu werden. Und wenn es einer in nächster Zeit schaffen kann, den ewigen Leader Golf in der Schweiz vom Thron zu stossen, dann ist es der Skoda Octavia. Schon im abgelaufenen Jahr war der «Golf aus Mlada Boleslav» nahe dran, seinen deutschen Konzernbruder zu übertreffen. Seit Sommer 2016 lag er in der Zulassungsstatistik der Amag stets voran, Ende November sogar mit einem Plus von über 400 Einheiten. Doch zum Jahresende dürfte – so ist zu vermuten – eine grössere Zahl von Tageseinlösungen das Kopf-an-Kopf-Rennen nochmals zugunsten des Golfs gewendet haben. Mit offiziell gemeldeten 11 721 Immatrikulationen lag der Octavia per 31. Dezember plötzlich wieder um 267 Einheiten zurück.

Weltweiter Verkaufsrekord

Wen kümmerts? Bei Skoda Schweiz jedenfalls sieht man das pragmatisch, spricht von einer «Momentaufnahme», setzt aber natürlich zuversichtlich darauf, dass der Aufwärtstrend bei der tschechischen VW-Konzerntochter, nun schon seit 25 Jahren im Besitz der Wolfsburger, weiter anhält. Mit weltweit mehr als 1,1 Millionen ausgelieferten Fahrzeugen hat Skoda 2016 erneut einen Verkaufsrekord erzielt, das Wachstum betrug satte 6,8 Prozent. Und weil der Octavia mit 436 000 Einheiten dabei ein weiteres Mal der Überflieger war, bezeichnet ihn jetzt auch Bernhard Maier, der neue Vorstandschef, oft und gern als «das Herz der Marke».

Offensichtlich ins Herz geschlossen haben den Octavia auch viele Schweizer Skoda-Kunden, er ist für sie – wenn auch nicht offiziell, so doch heimlich – die Nummer eins. Dafür sprechen auch Fakten: Lange war er das meistverkaufte Allrad-Auto – neu ist es der VW Tiguan. Er ist das beliebteste Flottenfahrzeug im Land. Und, natürlich ist er der meistverkaufte Kombi.

Wobei: Meistverkaufter Kombi – das ist fast schon eine Untertreibung. Denn 99 Prozent, die beim Skoda-Händler einen Octavia ordern, wollten 2016 den für ein Kompaktmodell ziemlich grossen Kombi. Was den Schweizer Importeur zu einer in der Branche wohl einmaligen Massnahme veranlasst hat: Wer ab dem 3. März, wenn die frisch geliftete dritte Generation in den Handel kommt, die Limousine will, der muss dies speziell annoncieren – und viel Geld in die Hand nehmen. Denn den Octavia mit Fliessheck gibt es in der Schweiz künftig nur noch in der 230 PS starken Sport-Version RS. Und die ist mindestens 13 150 Franken teurer als der Basis-Kombi mit 115 PS ab 21 690 Franken.

Aus Sicht der Schweizer Kundschaft ist diese ganz auf sie zugeschnittene Verkaufsstrategie jedenfalls die überraschendste Neuerung. Klar, optisch hat der Octavia dazugewonnen. Er wirkt mit seinem neuen Vier-Augen-Gesicht qua Teilung der Scheinwerfer durch eine schmale Verblendung deutlich eleganter. Ansonsten setzt Skoda bei seinem Topseller weiterhin und konsequent auf das, was ihn so erfolgreich gemacht hat: auf sein beispielhaftes Preis-Leistungs-Verhältnis und sein unerreichtes Raumangebot. Kein anderes Fahrzeug im Kompaktsegment bietet jedenfalls mehr Innenraumlänge, mehr Knie- und mehr Kopffreiheit als der Octavia. Und selbstredend auch kein grösseres Ladevolumen. In fünfsitziger Konfiguration sind es beim Kombi 610 Liter, bei umgeklappter Rückbank 1740 Liter. Das schafft selbst der Mittelklasse-Audi A4 Avant nicht, an den der Tscheche mit seiner Länge von 4,66 Metern bis auf ­wenige Zentimeter herankommt.

Gleichauf mit VW

Und wie schaut es aus beim direkten Vergleich? Im Golf fährt man rund 40 Zentimeter kürzer, obwohl der Octavia auf der gleichen Plattform aufbaut wie der Konzernbruder. Er gilt aber nicht nur deshalb als «Baukasten-Golf» aus Mlada Boleslav, denn er basiert auch auf der gleichen Antriebstechnik und partizipiert überdies an fast allen relevanten Sicherheitsfeatures des Wolfsburgers. Technisch liegt Skoda dank der Baukasten-Strategie im Konzern längst gleichauf mit VW.

Dieses Jahr könnte es also eng werden für den Golf.

Peter Hegetschweiler fuhr den neuen Octavia auf Einladung des Schweizer Importeurs Amag am 8. und 9. Februar in Portugal. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.02.2017, 18:55 Uhr

Artikel zum Thema

Frisch aus der Therapie

Nach über 30 Jahren auf dem Markt erhält der Kleinwagen Nissan Micra einen neuen Look. Die fünfte Fahrzeuggeneration hat ihre Persönlichkeit radikal gewandelt. Mehr...

Puristischer Schönling

Mazda legt seinen legendären Roadster MX-5 in ultimativer Form neu auf: fahrdynamisch so perfekt wie immer, als Targa-Version RF so elegant wie noch nie. Mehr...

Skoda Octavia

Der Schweizer Kombi

Modell: Kompakt-Kombi mit 5 Plätzen (Limousine nur als RS-Version)

Masse : Länge 4660 mm, Breite 1814 mm, Höhe 1465 mm, Radstand 2686 mm

Kofferraum: 610 bis 1740 Liter

Motoren: drei Benziner und drei Diesel mit 115 bis 184 PS

Fahrleistungen: von 0 auf 100 km/h in 7,4 bis 12,3 Sekunden.

Höchstgeschwindigkeit: 181 bis 231 km/h

Verbrauch: 3,9 bis 6,6 Liter auf 100 Kilometer

CO 2 -Ausstoss: 99 bis 154 Gramm/Kilometer

Markteinführung: 3. März 2017

Preis: ab 21'690 Franken

Infos: www.skoda.ch


Vergleichsdienst

Finden Sie in nur fünf Schritten die optimale Versicherung für Ihr Auto.
Jetzt vergleichen.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Vom Statussymbol zum Ersatzteillager: Ein Arbeiter bedient sich an einem Hindustan Ambassador auf einem Markt in Kalkutta, Indien (23. März 2017).
(Bild: Rupak De Chowdhuri ) Mehr...