Im zweiten Anlauf geglückt

Mit der Street 750 wollte Harley-Davidson vor drei Jahren die Einsteiger locken. Das glückte in Europa nicht. Mit der neuen Street Rod stehen die Chancen besser.

«Ein Cruiser mit einer sportlichen Seite. Das passt»: Der englische Testfahrer David Rodriguez über die Street Rod von Harley-Davidson. Foto: Benedict Campbell

«Ein Cruiser mit einer sportlichen Seite. Das passt»: Der englische Testfahrer David Rodriguez über die Street Rod von Harley-Davidson. Foto: Benedict Campbell

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«Eine Harley-Davidson aus Indien? Das geht doch nicht», staunte vor drei Jahren die Klientel der Kultmaschinen aus Milwaukee. Und rümpfte die Nase. Nicht ganz zu Unrecht: Obwohl die Amerikaner die Street 750 mit dem Label «Made by Milwaukee in India» lancierten, blieb das Einsteigerbike hinter den Erwartungen zurück. Zwar konnte die Street seit 2014 vor allem dank den Wachstumsmärkten Indien, China und Brasilien rund 35'000-mal an den Mann oder die Frau gebracht werden, doch in Europa gibts das Bike nur in homöopathischen Dosen. Zu dürftig war die Qualität, zu beliebig das Design und zu schlecht das Fahrverhalten.

Neuer Motor als Spassmacher

Doch jetzt ist alles anders: «Die neue Street Rod macht im Gewühl der City eine ebenso gute Figur wie auf gewundenen Landstrassen jenseits der Städte», verspricht Harley-Davidson für die neue Street Rod, die seit ein paar Monaten auch in der Schweiz erhältlich ist. Und halten die Amerikaner Wort? «Ja», bestätigt der englische Testfahrer David Rodriguez, der normalerweise mit Rennmaschinen über spanische Racetracks donnert. «Ich bin die 750er vor drei Jahren gefahren – und war enttäuscht. Doch die neue Maschine macht alles besser – ein Cruiser mit einer sportlichen Seite. Das passt.»

Dafür verantwortlich sind gleich mehrere Faktoren wie die neue Fahrwerksgeometrie mit dem 17-Zoll-Vorderrad, das von einer 43-mm-Upside-Down-Gabel geführt wird, die neuen Federbeine am Hinterrad, das aufgewertete ABS-Bremssystem mit zwei 300-mm-Scheiben am Vorderrad, die neue Sitzposition und natürlich der neue 750er-V2, der sich nun «High Output Revolution X» nennen darf. Zu Recht. Denn der Neuling schafft locker 9000 Touren und stellt 71 PS und 65 Newtonmeter parat. Das entspricht einem Leistungsplus gegenüber der Street 750 von fast 20 Prozent. «Der überarbeitete Motor lässt keine Wünsche offen», so Rodriguez. «Im unteren Drehzahlbereich lässt er typische Harley-Qualitäten erkennen, zwischen 4000 und 5000 Touren hat er immer ordentlich Schub parat, und danach dreht er munter weiter. Zwar bei weitem nicht so vehement wie einst die Harley V-Rod, aber trotzdem vergleichbar. Ein Spassmacher.» Dieser Meinung ist auch Chefingenieur Mathew Weber: «Der neue Motor arbeitet mit schärferen Steuerzeiten, bearbeiteten Zylinderköpfen und einer höheren Kompression. Ausserdem dreht er höher als das bisherige 750er-Triebwerk.»

Gewöhnungsbedürftige Haltung

Damit die Street Rod das Plus an Leistung auch auf die Strasse bringt, haben «wir Ingenieure das Fahrwerk besonders handlich und kurvengierig ausgelegt», bestätigt Weber. Das neue Dreieck aus Sitz, Lenker und zurückverlegten Fussrasten soll dafür sorgen, dass der Fahrer die Maschine stets unter Kontrolle hat. Was auch mit kleinen Abstrichen gelingt: «Der Hebel der Fussbremse ist nicht optimal platziert», so Rodriguez, «zudem musste ich mich am Anfang an die aufrechte Halb-acht-Sitzhaltung mit dem geraden, fast ungekröpften Drag-Bar-Lenker gewöhnen. Aber nach ein paar Minuten fühlt sich das gut an.» So gut, dass man die neue Schräglagenfreiheit – fast 40 statt 30 Grad wie bei der Street 750 –, gern ausnützt und das Einsteigerbike überraschend schnell durch die Kurven bewegt. «In Anbetracht dieser Agilität ist es besonders beruhigend, dass die neue Bremsanlage am Vorderrad im Gegensatz zur Street 750 wirklich hervorragend arbeitet. So hart bin ich bei einer Harley noch selten in die Eisen gestiegen», so David Rodriguez. Weniger gut gefiel dem Testfahrer allerdings die Tatsache, dass der hintere Zylinder seine Hitze ziemlich ungefiltert an die Oberschenkel abgibt. Doch das ist Klagen auf hohem Niveau. Denn auch wenn Harley-Davidson draufsteht, handelt es sich bei der Street Rod nicht um ein teures Motorrad.

Natürlich sind die 8500 Franken Einstiegspreis noch immer kein Pappenstiel, aber in Anbetracht der neuen Qualitäten scheint dieser Preis fair. Zumal Käufer dank dem quasi wartungsfreien und pflegeleichten Zahnriemen zumindest in diesem Bereich Sparpotenzial haben. Doch eine Harley-Davidson – auch das Einsteigerbike – wird auch heute nicht nur aus rationalen Gründen gekauft, sondern aus emotionalen.

Und die zwei wichtigsten Erfolgsfaktoren der US-Kultmarke wurden noch nicht betrachtet: das Design und der Sound. In Kürze: Der Sound ist überraschend dumpf und kernig, und die Street Rod wirkt im optischen Vergleich zur Street 750 viel erwachsener und «böser». «Das neue Design lehnt sich an Flat Track Racer an», heisst es in Milwaukee. Das passt, vor allem in Vivid Black wird aus dem Einsteiger eine echte Harley – Indien hin oder her, schliesslich produzieren auch KTM und BMW in Indien und Triumph in Thailand. Und darum wird die Street-Modellreihe dank dem Neuling nun auch in Europa punkten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2017, 17:40 Uhr

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