Luxus und Luftnummern

An der Geneva International Motorshow stehen die Serienmodelle der Saison zuvorderst. Die neuen Technologien findet man erst auf den zweiten Blick.

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Genf bleibt der Schönheitssalon der Autoindustrie. Im Grunde gibt es an jedem Stand die Einheitswelle, passend zum Kundengeschmack und der automobilen Mode: noch ein SUV und noch ein Sportwagen mit vier Türen; ein Gran Turismo oder GT. Das bildhübsche Mercedes AMG GT Concept bleibt nicht die einzige Verneigung vor dem Porsche ­Panamera, der künftig auch als Kombi zu haben sein wird. Wie in der Mode wird Ideen-Recycling grossgeschrieben. Der Kunde will es so, die Geschäfte laufen blendend. Wahrer Luxus ist schliesslich zeitlos. Also gönnt man sich in Genf den Luxus, den digitalen Wandel, dem die Automobilindustrie gerade ausgesetzt ist und den sie gleichzeitig selbst vorantreibt, weitgehend auszublenden. Jedenfalls beim ersten Hinsehen.

Genf hat seine Bedeutung als Verkaufsmesse, natürlich. Und bisher rissen sich die Kunden ja nicht wirklich um alternative Antriebe – weder Herr und Frau Schweizer noch die Reichen und Schönen im Luxussegment. Also muss man zwischen den neuen Serienmodellen vor allem bei Kleinwagen und Kombis schon genauer hinschauen, um die wirklichen Zukunftstrends zu erkennen und beispielsweise auf Toyotas elek­trisch angetriebenen Kabinenroller i-Tril aufmerksam zu werden. Vorne sitzt der Fahrer, dahinter die zwei Passagiere; er legt sich bis zu zehn Grad in die Kurve und wurde in Toyotas europäischem Designzentrum in Nizza als Vision urbaner Mobilität gestaltet. Oder auf das FE Fuel Cell Concept von Hyundai, dessen ornamentaler Schnickschnack beinahe den Blick von der grossartig glattflächigen Grundform ablenkt. Sein weiterentwickelter Brennstoffzellenantrieb soll mit einer Tankfüllung 800 Kilometer schaffen. Sollte ein grosses Serien-SUV mit dem Wasserstoffantrieb bald tatsächlich über 500 Kilometer weit kommen, könnten grosse Batterieautos ähnlicher Reichweite, wie sie vor allem die sogenannten Premium-Marken anbieten wollen, ein Problem bekommen.

Selbst die bislang eher im Hinblick auf die Autonomisierung zurückhaltende Neu-Schwester von Opel, Peugeot, zeigt mit dem Instinct Concept nicht nur eine Designstudie für kommende Modelle – der Mittelklässler 508 stünde ja mal für eine Neuauflage an. Sondern ein Beispiel dafür, wie autonome Fahrzeuge künftig ihren Passagieren die strassenverkehrlichen Pflichten abnehmen und sich gleichzeitig zum Mittelpunkt des ­digitalen Lebens ihrer Besitzer aufschwingen werden.

Auch Volkswagen übt den Genf-Spagat: einerseits Mainstream, anderseits Schwimmen gegen den Strom. Oder vielmehr: mit dem Strom, voll elektrifiziert. Kaufwillige Kunden schauen besonders auf den VW Arteon. Der Nachfolger des eher unaufgeregten Passat CC tankt noch Benzin oder Diesel, doch seine Passagiere scheinen eher Sekt als Selters zu trinken: «Mit diesem Auto beginnt – wie 2015 prognostiziert – eine neue ­Design-Ära», verspricht Chef-Gestalter Klaus Bischof. Dass das VW-Topmodell sich als weitere Neuheit in die Phalanx der Schrägheck-GTs einreiht, tut der Aufbruchstimmung dabei keinen Abbruch. Dass die Marke damit nicht so falsch liegen dürfte, aber vielleicht noch einen stärkeren Antrieb nachreichen sollte, beweist der schon in Detroit präsentierte, aber weiterhin einen Blickfang abgebende Kia Stinger nach gleichem Konzept.

In jeder Hinsicht kantiger als das glatt geschliffene VW-Coupé mit vier Türen ist sein pummeliger Standnachbar, ein Kastenwagen namens Sedric. Der elektrische Fahrcontainer verzichtet auf Lenkrad und Pedale, was schon merkwürdig genug ist. Erschwerend kommt hinzu, dass er mit dem eingerahmten Gesicht und Puschelohren – darin verbergen sich Laserscanner – wie ein Teletubby aussieht. Vollends zum UFO wird der futuristische Bulli durch seine No-Brand-Strategie. Nirgendwo ist ein Label zu sehen. Am markenverliebten Lac ­Léman wirkt das erste Konzeptfahrzeug des Volkswagen-Konzerns daher wie ein Fremdkörper: wenn schon Fortschritt, dann doch bitte zuerst in der Oberliga mit dem passenden Badge auf der Haube. Ein autonomes Familienauto, das viel klüger ist als eine Chauffeurs­limousine – unerhört!

Der selbstständige Kofferraum

Aber wenn man ganz genau hinschaut, dann merkt man: Viele dem digitalen Wandel des Autos abgerungenen Technologien schleichen sich längst auch in Serienmodelle ein. Volvos neue Generation des Mittelklasse-SUV XC60 öffnet in der Schweiz künftig – wie auch viele andere Volvos, die seit 2012 verkauft wurden – dem Pöstler bereitwillig den Kofferraum. Der kann dann die bei der Migros-Tochter Le Shop bestellten Lebensmittel einladen und verriegelt das Auto danach wieder. Pilotiertes Fahren mit den Händen noch am Steuer beherrschen inzwischen ja einige Marken, aber nun diffundiert es hinunter in die günstigeren Segmente: Nissans Überarbeitung des Bestsellers Qashqai mag auf den ersten Blick eher marginal erscheinen, aber ab 2018 wird auch er im Stau autonom lenken, beschleunigen und bremsen können.

Genf ist aber vor allem auch immer die Messe der Paganis, Koenigseggs, Rufs und Gemballas; all der kleinen Supersportwagen-Manufakturen, die sich nur einmal im Jahr den grossen ­Messeauftritt leisten können und mögen und dazu traditionell Genf erkoren haben. In diesem Jahr kommen Ferraris 812 Superfast, McLarens erstes Modell der neuen Super Series namens 720S oder der Tata Racemo hinzu, erster Sportwagen des indischen Autobauers. Das Leichtgewicht von nur 900 Kilogramm lockt aber eher als Exot denn mit seiner Leistung von 190 PS. Nur 1000 Exemplare sollen für den indischen Markt gebaut werden.

Die auffälligste Innovation mit Zukunftsstrahlkraft könnte aber manchem Besucher verborgen bleiben, weil man diese Marke mit Lamborghini, Bentley oder Porsche im Kopf vielleicht gar nicht bewusst als Aussteller wahrnimmt: Mit dem Pop.Up zeigt Flugzeugbauer Airbus gemeinsam mit dem Designstudio Italdesign das Konzept eines Pendlermobils; eine Art Seilbahnkapsel, die entweder auf einer Art Rollbrett die Strassen nutzen oder mit einem viermotorigen Drohnenaufsatz sich in die Luft erheben kann. Absurd angesichts des sowieso schon dicht belegten Luftraums?

Abwarten. Vielleicht kann man den Pop.Up ja 2024 kaufen, an der Geneva International Motorshow.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2017, 18:04 Uhr

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