Nichts stört die Illusion

Wo Hemingway becherte und ein Kronprinz in der Badewanne stecken blieb: Jetzt wurde das Pariser Hotel-Monument Ritz rundum erneuert. Es hat nichts an Grandeur verloren.

Barman Colin Field: Mixen unter den Augen von Papa Hemingway. Foto: Getty

Barman Colin Field: Mixen unter den Augen von Papa Hemingway. Foto: Getty

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«Champagner?», fragt Colin Field und antwortet selbst: «Champagner!» Es ist später Mittag, zu früh für einen der Cocktails, die der 55 Jahre alte Brite später mixen wird. Noch sind keine Gäste in der kleinsten Bar des Ritz, die mit ihrer niedrigen Decke und den Devotionalien wirkt wie ein Höhlenheiligtum. Fotografien, Briefe, Reiseschreibmaschinen und der Schädel eines Wasserbüffels: Alles ist einem Mann gewidmet, dem die Bar ihren Namen verdankt – Ernest Hemingway. Immerhin will «Papa», wie er sich nennen liess, das Ritz einst persönlich von den Nazis befreit haben, und das war nur ein bisschen übertrieben.

Field hat den Abenteurer und Literaturnobelpreisträger, der hier einst mit F. Scott Fitzgerald zechte, natürlich nicht mehr persönlich kennen gelernt. Er betreibt die Bar erst seit 1991. Doch er fühlt sich Hemingway als Geschichtenerzähler verbunden. Wobei Field nicht nur mit Worten umzugehen vermag, sondern auch mit Spirituosen, Säften, Kräutern und Früchten.

«Ich serviere meinen Gästen nicht einfach Getränke. Wenn ich einen Cocktail mische, enthält er eine Geschichte.»

Bald merkt man, dass die ganze Bar, ach was, das ganze Ritz eine magische Wirkung besitzt. Die Drehtür am Eingang zur Place Vendôme, die Prachttreppe zu den oberen Etagen, goldene Schwäne, die als Wasserhähne dienen, Marmorsäulen, Bronzefackeln, Kristalllüster oder das Restaurant La Table de l’Espadon, das aussieht wie der Prunksaal eines Rokoko-Schlösschens – alles weckt Erinnerungen an Szenen aus Romanen, Filmen, Songs oder der Historie. Da wäre Oscar Wilde, der bei der Eröffnung herumkrittelt, die Aufzüge gingen zu schnell. Coco Chanel, die sich bei Luftalarm im Zweiten Weltkrieg von einem Zimmermädchen die Gasmaske auf einem Seidenkissen in den Keller tragen lässt. Oder der füllige britische Kronprinz Edward VII., der beim Planschen mit einer Gespielin in der Badewanne stecken bleibt, woraufhin die Zimmer mit extragrossen Wannen nachgerüstet wurden. Kingsize eben.

Tragödien wie die von Diana schreiben Geschichte

Das Ritz quillt über von Geschichten. Das ist sein Trumpf. Dabei ist es auch ein Ort der Tragödien. 1979 kaufte der ägyptische Milliardär Mohamed al-Fayed das Ritz von Monique Ritz, der Schwiegertochter des Gründers. 18 Jahre später speisten sein Sohn Dodi al-Fayed und dessen Geliebte Prinzessin Diana im Ritz, bevor sie sich auf jene verhängnisvolle Autofahrt begaben, bei der sie tödlich verunglückten.

Mohamed al-Fayed hielt dennoch am Ritz fest und investierte jetzt noch einmal gewaltig in das Fünfsternhaus. Nichts aber ist gefährlicher für das Flair eines Palasthotels als eine General­sanierung. Es ist, als schrubbe man das Gemälde eines alten Meisters, um es vom Schmutz der Zeiten zu befreien.

Der Walliser Hotelpionier César Ritz eröffnete 1898 die Nobelherberge an der Pariser Place Vendôme, Nummer 15, um seinen Gästen «all die Raffinesse zu bieten, die sich ein Prinz für sein eigenes Haus wünschen würde».

Bei der Schliessung 2012 war die Hotel-Ikone derart in die Jahre gekommen, dass sie mit anderen Luxushotels nicht mehr mithalten konnte. Das Motto der Umbau- und Renovierungsarbeiten hätte dem Roman «Der Leopard» von Giuseppe Tomasi di Lampedusa entstammen können: Alles sollte sich ändern, damit es so bleiben konnte, wie es ist. Der deutsche Hoteldirektor Christian Boyens versprach den Gästen: «Das Ritz bleibt das Ritz.» Vier Jahre dauerten die Umbauten, 400 Millionen Euro sollen sie gekostet haben. Und jetzt? Boyens schaut ins Kaminfeuer und nippt an seinem Tee. «Unsere Gäste kommen herein, schauen sich um und sagen: ‹Das Ritz ist noch das Ritz›. Zugleich ist es heute das modernste Hotel von Paris.»

Viele alte Kunden seien wieder­gekommen, ist zu erfahren, wobei nach wie vor die US-Amerikaner die wichtigste Klientel sind, gefolgt von den Briten. Das Ritz teilt ein Problem mit den anderen Pariser Luxushotels: Seit den Terroranschlägen reisen die Leute weniger.

Le nouveau Ritz: Pool im Spa. Foto: Getty

Boyens spricht nicht über seine Gäste, aus Diskretion. Gern erzählt er dagegen von der Rundumerneuerung der Zimmer und Suiten, deren Zahl von 161 auf 142 verringert wurde, um Platz für grössere Badezimmer zu schaffen. Er schwärmt von den Schwanen-Armaturen, die mit einer 1,6 Millimeter dicken Goldschicht aufpoliert wurden, von dem Tunnel, der zwischen einer Tiefgarage und dem Hotel gegraben wurde, damit die Gäste unerkannt ins Ritz gelangen können, vom ersten Coco-Chanel-Spa und den 800 000 Mosaiksteinchen des Hallenbades.

Stille und ein Bett mit goldfarbenem Baldachin

Doch obwohl man nun in die Raffinessen des Ritz eingeweiht ist, bleibt das meiste davon unsichtbar. Nichts soll die Illusion stören, in die verlorene Zeit dieses vielleicht berühmtesten aller Palasthotels einzutauchen. Der Gast betritt sein Zimmer, die Tür, dick wie ein Banktresor, schliesst sich. Die Teppiche schlucken jedes Geräusch. Als Erstes fällt die totale Stille auf, wie sie heute selten ist, zumal in Paris.

Der Gast wirft sich aufs Bett mit dem goldfarbenen Baldachin, blickt zum Kronleuchter und hinüber zu den Sesseln im Empire-Stil, und wenn er müde ist von der Reise oder den Boutiquen in der Rue du Faubourg Saint-Honoré, schläft er augenblicklich ein. Selbst die Prinzessin auf der Erbse hätte auf diesen Matratzen nichts zu klagen. Dafür kostet das günstigste Zimmer 1000 Euro die Nacht, exklusive Frühstück, aber immerhin inklusive einer Flasche Mineralwasser.


www.ritzparis.com (SonntagsZeitung)

Erstellt: 21.04.2017, 12:38 Uhr

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