Rollen die Brenner-Brummer bald durch die Schweiz?

Falls an Österreichs wichtigstem Alpendurchgang die Barriere runtergeht, stehen hiesige Ausweichrouten im Fokus. Schon wird eine Abwehrmassnahme gefordert.

Stau auf der Brennerautobahn: Künftig könnte dies täglich der Fall sein.

Stau auf der Brennerautobahn: Künftig könnte dies täglich der Fall sein. Bild: Keystone

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Österreich schafft eines der härtesten Asylgesetze Europas. Dieser Beschluss wird nicht nur Asylsuchenden den Zugang in unser Nachbarland erschweren. Er wird auch den Verkehr beeinträchtigen, namentlich am Alpenpass Brenner, wo die Arbeiten für den Grenzschutz fortschreiten. Eine Schliessung des Alpenpasses sei nun jederzeit machbar, sagte der Tiroler Landespolizeidirektor Helmut Tomac gestern. Die Kontrollen würden abhängig vom «Flüchtlingsandrang» beginnen, noch bestehe aber keine Notwendigkeit.

Weiterer Beschluss: Fahrverbot für Dreckschleudern

Das könnte sich bald ändern. Weil die Grenzen in Südosteuropa faktisch verriegelt sind, dürften sich nach Ansicht von Migrationsexperten alternative Fluchtrouten via Westbalkan und Italien nach Nordeuropa etablieren. Auf der Brennerautobahn sind vier Kontrollpunkte geplant. Für Personen- und Sichtkontrollen wird im Bereich des Alpenpasses Tempo 30 gelten. Zwar versicherte Tomac, die Landespolizei werde versuchen, «alles zu unternehmen, um den Verkehr so flüssig wie möglich zu halten». Gleichwohl droht Stau. Der deutsche Automobilclub Adac zum Beispiel rechnet während der Sommerferien mit Wartezeiten von bis zu zwei Stunden.

Hiesige Alpenschützer sind ob dieser Aussicht alarmiert. Sie befürchten Ausweichverkehr in die Schweiz. In ihrem Fokus stehen insbesondere die Lastwagen. «Kommt es am Brenner zum Chaos, werden viele LKW, vor allem Richtung Norden, über die Schweiz fahren», sagt Manuel Herrmann vom Verein Alpeninitiative. Dieses Risiko wird durch einen weiteren politischen Entscheid verschärft: So hat die Tiroler Landesregierung unlängst beschlossen, ab Oktober stufenweise ein Fahrverbot für schadstoffreiche LKW und das sogenannte sektorale Fahrverbot einzuführen – gegen den Willen der EU. Letzteres untersagt den Transport bestimmter Güter wie Abfall oder Rundholz auf der Inntalautobahn A 12 zwischen Kufstein und Innsbruck.

Schweiz für 700'000 Lastwagen kürzere Route

Das theoretische Potenzial für Mehrverkehr in der Schweiz ist beträchtlich: Der Brenner ist die am stärksten belastete Nord-Süd-Verbindung des Alpenbogens. Das Nadelöhr zwischen Italien und Österreich haben 2014 rund 12,5 Millionen Fahrzeuge passiert. 2,1 Millionen davon waren Lastwagen, rund doppelt so viele wie über alle Schweizer Pässe zusammen. Für knapp 700'000 dieser LKW wäre der Gotthard gemäss Berechnungen des Bundeslands Tirol die kürzere Route. Dass diese Camions heute die Brennerachse bevorzugen, liegt an den Rahmenbedingungen. So ist die Durchfahrt durch die Schweiz der leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA) wegen vergleichsweise teuer. Zudem kennt die Schweiz, anders als Österreich, das Tropfenzählersystem und die Schwerverkehrskontrollen, welche die Frequenzen für den Transitgüterverkehr beim Gotthard-Strassentunnel regulieren.

Hier könnten bald die Kontrollen verschärft werden: Gries am Brenner. (Keystone)

Der österreichische Verkehrsplaner Helmut Köll hält die Sorgen der Alpenschützer für berechtigt. Ein Teil des «Umwegverkehrs» könnte sich seiner Einschätzung gemäss tatsächlich in die Schweiz rückverlagern. «Entscheidend wird sein, wie stark der Güterschwerverkehr vom Grenzmanagement beeinträchtigt wird», sagt Köll. Eine Rolle dürfte dabei spielen, inwieweit die heute schon bestehenden Grenzkontrollen in Kufstein am deutsch-österreichischen Übergang aufrechterhalten werden. Bleiben sie bestehen, dürfte die Staugefahr auf der Route durch Österreich zusätzlich steigen – und die Schweiz damit als Ausweichziel an Attraktivität gewinnen.

Bund nicht beunruhigt

Anders als die Alpenschützer sieht der Bund keinen Anlass zur Beunruhigung; präventive Massnahmen sind nicht geplant. «Immer mal wieder sind Alpenübergänge unterbrochen oder nur mit Behinderungen zu befahren», schreibt das Bundesamt für Strassen (Astra) auf Anfrage. Zu einer Lastwagenflut sei es aber bisher nie gekommen. Die Erfahrungen zeigen laut Astra, dass die Transporteure bei einem Unterbruch oder Erschwernissen auf einer Route jeweils verschiedene Alternativen testen, auch die Bahn. «Eine statische Betrachtung greift daher zu kurz.» Zudem würden sich die Lastwagen nicht am Gotthard, sondern an der Grenze bei Chiasso stauen.

Auch der Schweizerische Nutzfahrzeugverband (Astag) erwartet «kaum» Ausweichverkehr, wie Astag-Vizedirektor André Kirchhofer sagt. So sei der Umweg über die Gotthard- oder die San-Bernardino-Route «noch zeitintensiver» als der Weg über den Brenner. Kirchhofer widerspricht damit den Berechnungen des Bundeslands Tirol. Zudem hält er mit Blick auf die LSVA die «Kostenbelastung» für das Transportgewerbe für «viel zu hoch, als dass sich der grosse Umweg über die Schweiz lohnen würde».

Abschreckung: LSVA auf Maximum anheben

Welche Einschätzung der Realität am nächsten kommen wird, ist offen. Noch lässt sich nicht zuverlässig sagen, wie viele Menschen diesen Sommer über Italien nach Mittel- und Nordeuropa zu gelangen versuchen, wie streng Österreich seine Grenzen letztlich kontrollieren und wie die Schweiz darauf reagieren wird. Um die Schweiz für den Transit-Schwerverkehr auf der Strasse möglichst unattraktiv zu machen, fordert die Alpeninitiative jedenfalls als schnelle, zweckmässige Massnahme, die LSVA zu verteuern – auf das von der EU akzeptierte zulässige Maximum von 325 Franken pro Lastwagen und Durchfahrt durch die Schweiz. Heute sind es erst 276 Franken. Zwar will der Bundesrat diesen Satz anheben – aber nur auf rund 298 Franken. Und dies erst ab 2017.

Offen ist, welche Folgen ein strenges Grenzregime am Brenner für die Schweizer Verlagerungspolitik mittelfristig nach sich zöge – zumal der Neat-Basistunnel vor seiner Eröffnung steht. «Wir dürfen in der Verlagerungspolitik nicht lockerlassen», sagt Herrmann von der Alpeninitiative. Der Basistunnel sei da, nun müssten die riesigen freien Kapazitäten im Güterverkehr auch genutzt werden. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.04.2016, 12:36 Uhr

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